Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

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Zwei unbekannte püniataven von fieinviep fviedviep füget?

von

edmund Wilhelm Bt’aun^Tt’oppau

aban berichtet in seiner ausgezeichneten Monographie
über den Porträt-Miniaturisten Füger nach Füßli,
daß der Künstler im Jahre 1789 vom Churfürsten Frei-
herrn von Erthal eingeladen wurde, nach Mainz zu
kommen, „wo er . . . das Bildnis des Herrn Churfürsten

Füger Kurfürst Erthal

Besitzer: Graf M. Coudenhove, Prag

einmal in Lebensgröße und mehreremale in kleinerem
Formate verfertigen mußte.“ Auch J. G. Meusel berichtet
in seinem „Museum für Künstler“ (11. Stück 1790 S. 483),
daß Füger im Anschluß an seinen Heilbronner Aufenthalt
einige Zeit in Mainz tätig war: „Er malte am Hofe und
genoß die ausgezeichnetste Ehre, daß er sogar den Hof-
leuten Veranlassung zum Neide wurde.“ Laban bemerkt
hinzu, daß Miniatur-Porträts des Churfürsten Erthal leider
verschollen seien. Glücklicherweise fand ich eines der-
selben zusammen mit einer anderen des Meisters im
Besitze seiner Exzellenz des Herrn Grafen Max Couden-
hove, des früheren Statthalters in Böhmen vor, in dessen
Familie sie seit Ende des 18. Jahrhunderts sich befinden.
Den Photographien, die ich Herrn Grafen Coudenhove
verdanke, liegen den Abbildungen 1 und 2 zugrunde.
Die erste Miniatur (Abb. 1) zeigt den kultivierten, klugen
und feinen Kopf des Churfürsten Friedrich Karl Josef
Freiherrn von Erthal, der von 1774 bis 1802 regierte und
ein außerordentlich kunstfreundlicher Herrscher war. Aus
der Geschichte der Höchster Porzellan-Manufaktur wissen
wir, nach Zais, daß ihm das Prosperieren derselben sehr
am Herzen lag und daß er hohe Zuschüsse für diese
seine Fabrik bewilligte. Die zweite Miniatur (Abb. 2)
ist das Porträt der Nichte des Churfürsten, der Gräfin
Sophie Coudenhove, einer geborenen Gräfin Hatzfeld,
welche eine hervorragende Rolle am Hofe ihres Oheims
spielte und die zu ihrer Zeit allgemein als die Egeria

des Churfürsten von Mainz1) bezeichnet wurde. Wir
wissen von ihr außerdem durch Goethe, der im November
1792 in seiner Champagne in Frankreich aus Düsseldorf
schreibt: „Frau von Coudenhofe, eine schöne geistreiche
Dame, sonst die Zierde des Mainzer Hofes, hatte sich
auch hierher geflüchtet“. Die ebenso kluge wie reizende
Frau, welche Erthal gerne seine „Aspasia“ 2) nannte, hat
auch eine gewisse politische Rolle gespielt, denn sie
war es, welche den ihrem Einfluß gefügigen Churfürsten
dazu brachte, dem gegen die Wiener Regierung orien-
tierten, von Friedrich dem Großen begründeten und in
der Hauptsache protestantischen „Fürstenbund“ beizu-
treten. Ein charakteristisches Zeichen dafür, wie schwach
damals der Reichsgedanke war, daß der geistliche Chur-
fürst von Mainz und der Reichserzkanzler des heiligen
römischen Reiches einem derartigen Bündnis auch an-
zuschließen wagte. Die beiden Miniaturen, besonders
das der Gräfin Coudenhove in dem reichen dekolletierten
Kleide und dem hohen, damals überaus modernen turban-
artigem Gebilde auf dem englisch frisierten, grau ge-
puderten Lockenhaar offenbart den ganzen künstlerischen
Reiz der Porträt-Miniaturen Fügers aus der Louis XVI.-
Periode. Sowohl koloristisch wie psychologisch ist hier
das Höchste auf dem Gebiete der Porträtkunst erreicht
worden, ohne daß der Meister gleich neben seinen Fach-
genossen jemals süßlich oder handwerklich geworden
ist. Die Charakteristik, welche der oben erwähnte
Korrespondent Meusels im „Museum für Künstler“ gibt,
wenn er sagt, daß Fügers Pinsel „zart und doch kräftig
ist“, erscheint mir außerordentlich glücklich und gerade
für diese beiden Porträts sehr zutreffend.

Füger Gräfin Sophie Coudenhove

Besitzer: Graf M. Coudenhove, Prag

') Bielschowsky, Goethe II. S. 33.

2) Vgl. Eduard Heyck. Die Frauen des Rokoko. Velhagen
und Klasings Monatshefte 1907/8, S. 57.

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