Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

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Die neuentdeckten peesken jvietoesos da poeli

Im Klonet? S. Onofcio in Rom

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In dem weltberühmten kleinen Kloster S. Onofrio in
* Rom, wo der unsterbliche Tasso die letzten fünfund-
zwanzig Tage seines Lebens zubrachte und wo er auch starb,
sind vor wenigen Monaten zwei Fresken entdeckt worden,
über die bislang nur wenig in die Öffentlichkeit ge-
drungen ist, da erst in der nächsten Zeit mit Erlaubnis
der italienischen Regierung, die dazu besonders erteilt
werden muß, Reproduktionen und Photographien her-
gestellt werden dürfen. Die Entdeckungsgeschichte ist
folgende:

In der ersten Kapelle rechts vom Eingang der
Klosterkirche wurden seit einiger Zeit Renovierungsarbeiten
vorgenommen und zu diesem Zwecke auch einige Bilder
entfernt, die, wie sich herausstellte, der beste Schutz
für zwei Fresken Melozzos da Forli waren, den man
sich vorstellen kann! Es handelt sich um zwei Fresken,
die in zwei Zwickel der Mauer verteilt, eine Verkündi-
gung Mariae darstellen. Im linken Zwickel der Engel,
außerordentlich an die Art Botticellis erinnernd, ein herr-
licher Blondkopf mit wallendem Gewände, über ihn in
den Wolken Gottvater; im rechten Zwickel Maria, der
eine Taube entgegenfliegt. In prächtigen Farben leuchten
die Fresken dem Beschauer entgegen, fortan ist das
Kloster um einen köstlichen Schatz reicher.

Natürlich untersuchte man sofort die anderen Teile
der Mauer, ohne jedoch andere Fresken zu finden. Je-
doch gestatteten mir meine Beziehungen zu dem wacke-
ren schlesischen Pater Stanislaus Klimcza, der während
des Krieges wegen seiner deutschen Gesinnung nahezu
drei Jahre auf der Insel Ventodenne interniert worden
war, noch eine andere Entdeckung im Chor des Klosters,
das bekanntlich dem Orden der Girolamiten gehört, zu
sehen. Vor einem Jahre etwa wurde in dem Chore eine
elektrische Leitung gelegt. Dabei stieß man auf eine
Freske oberhalb eines Fenster, die ebenfalls sehr gut er-
halten ist. Eine Madonna mit dem Jesuskinde, das auf
einem Tische Gehversuche macht. Die Mutter zieht vor
den Füßen des Kindes ein breites Band auf, damit es

nicht vom Rande des Tisches stürzen kann. Die graziöse
Arbeit wird dem Melanzo zugeschrieben.

Bekanntlich wurden vor einigen Monaten im Pantheon
ebenfalls einige Fresken Melozzos da Forli entdeckt.
Prächtig ist ja die Freskensammlung desselben Meisters
in der Sakristei der Peterskirche.

In der Klosterkirche von S. Onofrio wird überhaupt
jeder Kunstfreund starke Eindrücke mitnehmen. Im
Jahre 1846 entstand hier die Freske Balbis, Tassos Tod
darstellend, an seinem Bette Kardinal Aldobrandini. Das
große Tassodenkmal aus Marmor, unter dem seine
irdischen Reste ruhen, schuf 1857 der Italiener Joseph
Fabris. In einer anderen Seitenkapelle ist Kardinal Josef
Mezzofanti aus Bologna beigesetzt, der 1848 als Titulär
von S. Onofrio starb. Man weiß, daß er achtundsieben-
zig Sprachen und hundertundfünfzig Dialekte beherrschte.
Die Altar- bezw. Kuppelbilder stammen von Pinturicchio
und Annibale Carracci. Das Grabmal des Kardinals
Johannes Sacci meißelte Sansovino. In der Sakristei
malte um 1777 Peter Vangelini auf Holz den heiligen
Hieronymus — den Ordensprotektor der Girolamiten —
mitsamt dem heiligen Sebastian, der heiligen Katharina
und dem seligen Nicolaus. Die berühmte Madonna des
Donato von Leonardo da Vinci bildet mit der heiligen Anna
über dem Grabmal des Kardinals Sacco von Pinturicchio
einen allerwertvollsten künstlerischen Besitz des Klosters.

Jeder Tassoverehrer und -Kenner wird außerdem
mit tiefster Rührung die Tassosammlung durchschreiten,
die vieles des persönlichsten und seltensten enthält. So
viele und große künstlerische Schätze enthält das Kloster.
In geringer Entfernung davon befindet sich die vom Blitz
erschlagene Tassoeiche. Die großartige Allee Margaritha
gewährt die unvergeßlichsten Blicke über Rom und führt
zur Villa Pamphili, wohl der schönsten aller römischen
Villen. Damit aber der moderne Mensch über all der
Schönheit nicht in lauten Jubel ausbreche, sieht er an-
stoßend an die Klostermauer von S. Onofrio ein Hospital
für jene armen und kranken Kinder, die der Eltern
Sünden büßen.

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