Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

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Der Direktor der Albertina in Wien, Dr. Josef Meder,
schrieb auf die Bitte des „ Kunstwanderers “ zum
100. Todestage von Bartsch (21. August) den nach-
stehenden Aufsatz.

A uf den 21. August fällt der hundertjährige Todestag
dieses stillen Wiener Gelehrten, dessen Name sich
im Kreise aller Kunstfreunde und Sammler des In- und
Auslandes eine Popularität erworben hat, wie kaum ein
anderer. Es gibt wohl keinen Auktionskatalog alter
Meisterblätter, der sich nicht auf seine Beschreibung und
häufig noch auf sein Urteil berufen würde, und allezeit
bedeutet es, zumal für junge Händler und Sammler,
eine Garantie der Echtheit, wenn das Objekt mit einer
Nummer des tPeintre graveur verknüpft werden kann.
Wiewohl Autodidakt, wußte er im Dienste der Wiener
Hofbibliothek durch einen brennenden Eifer für sein Fach,
durch seinen scharfen Blick, sein sicheres Urteil, durch
seine organisatorische Tätigkeit die damals noch zerfahrene
Kupferstichkunde zu erweitern und in ein festes System
zu fassen, so daß er mit Fug und Recht als deren
Begründer genannt werden kann. Was Baldinucci in
seinem Cominciamento e progresso (1686) angebahnt,
H. J. C. Heinecken in seiner Idee generale d’une collection
complete d’Estampes in Deutschland (1771) versucht oder
Pierre Jean Mariette auf dem Gebiete der Handzeichnung
glücklich eingeleitet hatte, das suchte Bartsch in um-
fassender Weise, aber in einfach systematischer Anordnung
für das weite Gebiet alter Graphik durchzuführen und
er erreichte es auch in seinem Hauptwerk, dem Peintre
graveur.

Ein geborener Wiener, der durch seinen unfaßbaren
Fleiß die beliebten Worte von Wiener Harmlosigkeit,
Fröhlichkeit und Leichtsinn Lügen strafte und theoretisch
und praktisch eine Tätigkeit entfaltete, die allem Erstaunen
Hohn sprach, ein Künstler und Schriftsteller, Kenner und
Organisator, der reiche Früchte seines Fleißes hinterließ,
an denen die Nachwelt noch lange zehren darf.

Es kann nicht Wunder nehmen, wenn dieses junge
Talent sich in kurzer Zeit selbst inmitten des damals
schon wissenschaftlich reich verzweigten Getriebes der
Hofbibliothek, in der die Kunstsammlung noch nicht viel
zu sagen hatte, eine erste Stellung zu erringen verstand.
Erst 39 Jahre vor seinem Eintritt — und dieser erfolgte
1777 — war die Kupferstichsammlung durch Kaiser Karl VI.
von der Erbin des Prinzen Eugen von Savoyen, der
Victoria von Savoyen, gegen eine Jahresrente von
10 000 Gulden erworben worden. Der damalige Kustode,
dem sie anvertraut war, wußte aus den kostbaren Schätzen
nichts zu machen. Vermehrungen fanden nicht statt und
erst mit der Thronbesteigung Kaiser Josef’s wurden wohl
auf Betreiben des jungen Scriptors wieder kleine Beträge
für Ergänzungen ausgesetzt. Welch Vertrauen mußte
Bartsch bereits besessen haben, daß er schon nach
sechsjähriger Tätigkeit im Dezember 1783 mit dem Scriptor
Paul Strattmann zur Valliere’schen Bücherauktion nach
Paris gesandt wurde, mit dem Auftrag, Sticheinkäufe zu
besorgen und auch tatsächlich über Holland mit einigen
Tausend Stück heimkehrte. Die notwendigen Verbindungen
waren damit angeknüpft und nun verstand er im Wege des
Kunsthandels eine regelmäßige Vermehrung durchzusetzen,

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