Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

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Auftrag gab. Es handelte sich hier also um eine
Replik. Daneben hatte er noch für sie die Büste

Herders, der sich in ihrem Gefolge befand, an-
zufertigen. Das sind die beiden Bildwerke, die in
der Weimarischen Landesbibliothek ihre Aufstellung
gefunden haben.

Die vom Prinzen Christian bestellten beiden Büsten,
die, wenn nicht schon früher, nach seinem Tode (1798)
in das Arolsener Schloß gekommen sein müssen, sind
gezeichnet: Alexr. Trippei Inventor 1789. In Weimar
liest man am Goethe: Alex. Trippei Fecit ln Roma 1790.
Herders Büste trägt eingemeißelt: A. Trippei Fecit Roma
1790. So lange also zog sich die Fertigstellung dieser
beiden Arbeiten hin. Die Schließe in Knopfform, die an
der Büste Goethes in Arolsen die Gewandung auf der
Schulter zusammenhält, zeigt den Kopf einer tragischen
Muse, in Weimar eine blattartige Verzierung. Diese
Verschiedenheit der Knöpfe ist der einzige, auf-
fällige Unterschied zwischen beiden Büsten, die im
übrigen als gleichartig und gleichwertig bezeichnet
werden können. Zu der Büste für den Prinzen
aber - das bleibt bestehen — hat der Dichter
dem Künstler damals gesessen. Als die Herzogin in

Rom eintraf, weilte Goethe schon seit Monaten in der
Heimat.

Die Büste Herders ist ein Seitenstück zu der Goethes:
Das Haupthaar fällt in Locken herab, das Gewand ist
nach dem Vorbilde der Alten um die Schultern gelegt.
Auch hier ist alles in einem „schönen und edlen Stil“
gearbeitet. Aber das Auge des Besuchers haftet begreiflicher-
weise doch länger an der Büste seines großen Zeit-
genossen.

Auf der Säule, die Friedrichs des Großen Büste
trägt, hat Trippei, der dem Könige selbst römische Be-
kleidung gegeben hat, eine Marmortafel angebracht, die
Minerva und Mars zeigt. Beide reichen sich die Hände.
Auch dieses Sinnbild hat Kennern, wie der Künstler
versichert, gut gefallen. Sicher ist jedenfalls, daß Goethe
mit dem „Apollokopfe“, der ihn darstellen soll, zufrieden,
vielleicht recht zufrieden war! Wie lauten doch seine
Worte vom 14. September 1787?: ich habe nichts dagegen,
daß die Idee, als hätte ich so ausgesehen in der Welt
bleibt! Aber die Welt nach mehr als hundert Jahren
denkt doch wohl anders und kann der fleißigen, gut-
gemeinten Arbeit Alexander Trippeis höchstens einen
zweiten Preis zuerkennen.

Übet? Bucb^ und Bucbeinbandfäl(ebungen
und -DeefäUebungen

non

6. A. 6. ßogetag

IV.*)

[|ie Fälschung eines ganzen gedruckten Buches würde
dem Raritätenbetrüger die größten Schwierigkeiten
machen, gerade weil (wenigstens theoretisch) diese Schwie-
rigkeiten nicht technischer Art sind. Der Druck eines
Buches, zumal eines Buches geringen Umfanges, macht
nur wenig Kosten und Umstände. Die Absichten des
Fälschers auszuführen ist ihm dazu das photomechanische
Reproduktionsverfahren behülflich. Aber es genügt noch
nicht, irgend ein „altes“ Buch in so vollkommener Weise
zu drucken, daß es auch einer eingehenderen buch-
gewerblichen Prüfung standhalten würde (ein Unter-
nehmen, das, wie noch zu erörtern ist, sich praktisch
kaum verwirklichen ließe). Der äußeren Wahrscheinlich-
keit muß auch eine innere gerade für das Vorhandensein
dieses „sehr seltenen“ Druckes entsprechen, ganz ab-
gesehen davon, daß er zu einer Büchergattung von hohem
Liebhaberwert gehören müßte. Mit anderen Worten: die
bibliographische Richtigkeit ist die unerläßliche Voraus-
setzung der technischen Richtigkeit einer Buchfälschung,
beide zu erreichen eine Aufgabe, deren Lösung aussichtslos
erscheint. Die Auswahl geeigneter Büchergruppen, die
ein Raritätenbetrüger für solche Fälschungen hätte, wäre

*) Siehe „Der Kunstwanderer“ 1. Maiheft 1920.

ja an und für sich nicht ganz klein. Aber er muß bei
einem bisher unbekannten Druck höchsten Wertes von
vornherein mit der allgemeinen Aufmerksamkeit der Sach-
verständigen rechnen. Der Fälscher, der einen Druck
ad hoc fabrizieren will, muß sich ein bibliographisches
Thema wählen, das kommerziell lohnend ist und das ein
Buch ermöglicht, dessen Vergleich mit ähnlichen, mit ihm
verwandten Büchern das Bestehen des Unicums zu recht-
fertigen scheint. Ein unbekannter und unvermuteter
Druck ist jedoch in der weiten Bücherwelt an nicht
alizuvielen Stellen denkbar, die aufzufinden zwar nicht
an und für sich allzuschwer ist, die auszunutzen aber
der dazu erforderlichen bibliographisch-historischen und
buchgewerblichen Vorbedingungen wegen nicht glücken
kann. Zu den letzteren gehört vor allen Dingen, daß
der Druck nicht allzu umfangreich werden darf, denn je
umfangreicher er wird, desto mehr häufen sich in ihm
die äußeren und inneren Unwahrscheinlichkeiten an, desto
zahlreicher werden seine unbewußten und unvermeidlichen
Fehler. Zu den erstbezeichneten Vorbedingungen gehört
weiterhin, daß der Druck einer nicht allseitig aufgeklärten
Büchergruppe zugehört, die Überraschungen zuläßt. Damit
ist dann auch die Beschränkung auf ganz wenige Lieb-
haberwerte angezeigt, die das Wagnis einer derartigen

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