Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

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keiten haben. Vor allem wird die dazu nötige Ausführ-
lichkeit für lange Jahre wegen der allzu großen Kosten
die Drucklegung ganz unmöglich machen. Wohl aber
halte ich die Veröffentlichung eines Inventars für möglich
und auch für völlig ausreichend. Bei Werken, die schon
gedruckt vorliegen, besonders gilt dies von den großen
kritischen Gesamt-Ausgaben der Werkes der Klassiker,
ist es m. E. durchaus unnötig, daß die Autographen oder
Handschriften ausführlich beschrieben werden; es genügt
da Hinweis auf den Druck. Wer sich dafür interessiert,
wie sich dieser zur Handschrift oder dem Autograph
verhält, der kann ja dann selbst die Vergleichung vor-
nehmen. Gar nicht genug betont werden muß auch
immer, daß das Autograph des Komponisten für die
kritische Textgestaltung nicht unbedingt maßgebend ist,
daß ein von ihm überwachter Erstdruck in der Regel
den Vorzug vor der eigenhändigen Handschrift ver-
dient. Diese ist oft noch im letzten Moment abgeändert
worden, so daß der letzte Korrekturabzug unter Um-
ständen wichtiger ist als die ursprüngliche Niederschrift.

Die alten in Drucken vorliegenden Theoretiker sind
neu katalogisiert worden; dagegen konnte und mußte von
einer Neukatalogisierung der alten Drucke von praktischer
Musik bis zum Jahre 1700 Abstand genommen werden.

Bisher liegen von der alten Abteilung nur alpha-
betische, nicht auch systematische Kata-
loge vor.

Beides aber ist der Fall bei den seit 1701 im Druck
erschienenen musikalischen Büchern und praktischen
Musikwerken; nur die Textbücher, die Bibliothek Erk
und eine Anzahl unbedeuteuder Musikalien harren noch
der Katalogisierung. In der neuen Abteilung ist auch
ein Schlagwortkatalog und ein stark benutzter
Katalog der in Musik gesetzten Dich-
tungen vorhanden. Wie wir gesehen haben, hatte
schon in den 40 er Jahren des vorigen Jahrhunderts
das Kultusministerium den Wunsch, daß ein Katalog der
musikalischen Abteilung gedruckt würde. Für die neue
Sammlung, d. h. die Werke seit 1701 wäre der Druck
des Katalogs durchaus möglich, doch ist er keineswegs
notwendig, da alle wesentlichen Werke von vornherein
als vorhanden angesehen werden können. Unter den
heutigen Verhältnissen ist der Kosten wegen an Druck-
legung überhaupt kaum zu denken. Mir wäre es am
sympatischsten, wenn später einmal Teilkataloge, z. B.
über Oper- oder Kammermusik, gedruckt würden, in
denen dann freilich auch die Autographen und Hand-
schriften berücksichtigt werden müßten.

Sine Standuhr aus Keplers Utmer Bett

uon

Max Sngelmann

Neben Nürnberg und Augsburg war die alte Reichs-
stadt Ulm eine der ersten süddeutschen Städte, die
über eine beachtliche feintechnische Industrie verfügten
und damit auch zu Pflegestätten der Uhrmacherei wurden.
Wie sich die Ulmer Goldschmiede schon im 16. Jahr-
hundert zu einer stolzen Zunft zusammengefunden hatten,
so begegnen wir in erhaltenen Arbeiten auch einer un-
unterbrochenen Reihe Ulmer Uhrmacher seit dem Ende
des 16. Jahrhunderts. An Ulms farbenfroh gestaltetem
Rathaus hatte schon 1580 der Schaffhausener Uhrmacher
und Mitarbeiter an der zweiten Straßburger Münsteruhr
unter Dasypodius, namens Isaak Habrecht, jenes astro-
nomische Uhrwerk angebracht, dem heute neues Leben
gegeben ist; zu Beginn des 17. Jahrhunderts arbeitete
hier Johann Sayller seine, namentlich auch im Orient
geschätzten Eiuhren und späterhin hatten tüchtige Meister
wie Georg Nunner, Johannes Bär, Valentin Stoß und der
Instrumentenmacher Scheffelt weit über den Umkreis des
Münsters hinaus vornehme Kundschaft und reichen Absatz.

Die hier abgebildete Standuhr ist gleichfalls das
Werk eines bisher kaum bekannten Ulmer Uhrmachers
namens Christof Pleig. Sie entstammt annähernd jener
Zeit, in der Johannes Kepler von dem Ulmer Magistrat be-
auftragt wurde, das in Verfall geratene Maß- und Gewichts-
wesen der Reichsstadt wieder in Ordnung zu bringen.
Demzufolge wurde jenes in Ulm noch verwahrte, versum-

schriftete, als „Keplerkessel“ bezeichnete, gewichtige
Bronze-Normalmaß 1627 durch Hans Braun gegossen.
Zu gleicher Zeit schritt aber auch Kepler in Ulm zu
einer seiner größten Taten, der Drucklegung seiner
„Rudolfinischen Tafeln“ (Ulm 1627). Eine Gedenktafel
am Ulmer Rathaus kündet von diesem Wirken Keplers.

Akten des Ulmer Stadtarchives berichten kurz von zwei
Meistern namens Pleig (auch Bleyg oder Bleig) und zwar
von einem Leonhard Pleig, daß er als Kleinuhrmacher in
die Zunft der Schmiede am 10. Juli 1592 aufgenommen
wurde und (wie zu vermuten ist) von dessem Sohne
Christof Pleig, dessen Aufnahme in gleicher Berufs-
stellung und in die gleiche Zunft am 9. Juni 1600 er-
folgte1). Ersterer nahm Lehrjungen im Juli 1595 und

Oktober 1617, letzterer im Mai 1622 und Pfingsten
1625 auf.

Eine nähere Datierung der Uhr erlaubt noch das
Datumzifferblatt (Fig. 2) rechts oben, das die Verfertiger-
inschrift „Christof pleig“ trägt. Die gravierte Darstellung
Ulms auf diesem Zifferblatt ist eine getreue Kopie jener
heute gesuchten sogenannten Ulmer Regimentstaler. Sie
wurden das erstemal 1622 (das letztemal 1682) geprägt,

9 Nach freundlichen Mitteilungen von Direktor H. Herren-
berger, Ulm. — Zur Ulmer Schmiedezunft gehörten alle Metall
verarbeitenden Handwerker, aber auch solche, die den eisernen
Hammer führten, so z. B. die Maurer und die Ofensetzer (Hafner).

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