Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

Page: 433
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Aus dev KünffleclexikonzRedaktton.

Es liegt auf der Hand, daß sich bei öfterer Benutzung eines
Buches die Mängel desselben in ganz anderem Maße heraus-
finden lassen, als bei einmaligem Durchlesen, und daß man deshalb
dabei zu einem ganz anderen Urteil kommt, als der Rezensent.
So können wir z. B. eine Rezension von 1909 über Luigi Cällari,
Storia dell’arte contemp. ital., Rom 1909, in der hervorgehoben
war, daß das sehr umfangreiche Namensregister ganz besonders
gewissenhaft gearbeitet sei, dahingehend berichtigen, daß eben
dieses Register ganz besonders unzuverlässig und unvollständig ist.

Aber auch ältere Bücher, die schon bei Zeitgenossen wie
auch heute noch in ganz gutem Ansehen stehen, lernt man bei
öfterer kritischer Benutzung mitunter ganz anders einschätzen.
Z. B. spielt ln der Literatur über Kupferstecher des 18. Jahrhunderts
eine nicht unbedeutende Rolle F. Basan’s Dictionnaire des Graveurs
anciens et modernes, Paris 1767, und die 2. Auflage von 1789,
denn die meisten biographischen Angaben über französische und
englische Kupferstecher des 18. Jahrhunderts in den seitdem er-
schienenen Künstlerlexika, Handbüchern und Katalogen gehen auf
Basan zurück. Der Verfasser, Pierre Frangois Basan, geboren in
Paris 23. Oktober 1723, gestorben daselbst 12. Januar 1797, war
selbst Kupferstecher und Radierer und hat für seinen Verlag in
der Reihe der Jahre eine ziemliche Anzahl von Stechern beschäftigt,
so daß man wohl annehmen konnte, daß er viele Pariser Stecher
gekannt und biographisches Material über dieselben von ihnen
direkt erhalten hat. Jedoch haben wir an Hand von Urkunden-
material und Stichsignaturen feststellen müssen, daß Basan’s
Dictionnaire voll von Fälschungen, Erfindungen und Irrtümern
ist, und es ist kaum zu glauben, was sich in demselben selbst
die gleichzeitig mit Basan in Paris lebenden Stecher für Namens-
und Datenfälschungen von ihm gefallen lassen mußten. In der
ersten Auflage sind die bis dahin bekannten Anfangsbuchstaben
der Stecher-Vornamen z. T. noch ganz richtig wiedergegeben,
meist aber und zwar besonders in der 2. Auflage wurden aus
den Anfangsbuchstaben einfach Irgendwelche Vornamen konstruiert.
War überhaupt kein Anfangsbuchstabe bekannt, wurde der ganze
Vorname erfunden, ebenso Lebensdaten. So wäre also, um einige
Beispiele zu nennen, Basan wie folgt zu besichtigen: „Favennes
Jean de,“ = Favanne, Jacques de; „Feradini, Claude,“ = Fera-
diny, Jean Frangois; „Ferth, Bertrand de,“ — Fehrt, J. A. de;
„Ficquet, Etienne, nü en 1731,“ = geboren am 13.9.1719; „Fi-
danza, Paul, ne ä Rome en 1736,“ = geb. in Camerino 1731;
„Fletscher, Nicolas, ne ä Stougar en 1731,“ = Fletcher, Henry,
in London 1715—38 tätig; „Floding, Pierre, n& en 1721,“ /= geb.
1731; „Fokke, Simon, ne en 1770,“ geb. 1712; „Folkema,
Jacob, nö ä la Haye en 1724,“ geb. in Dokkum 1692; „Fontana,

Dominique-Marie, nö en 1673,“ = geb. 1607; „Fontebasso, Fran-
cesco, nö en 1681,“ = geb. 1709; „Fossato, David-Antoine, nü ä
Fiterbe en 1724,“ = Fossati, Davide Antonio, geb. in Morcote 1708;
„Foulquier, Hector, nö en 1731,“ = Foulquier, Joseph Frangois,
geb. 1744; „Fourdrinier, Philipp,“ — Fourdrinier, Pierre; „Fran-
gois, Jean-Charles, ne en 1703, mortenl757,“ geb. 1717, f 1769;
„Fruytiers, Philippe, nö en 1641,“ geb. 1610; „Fyt, Jean, ne en
1650,“ = geb. 1611; „Gaillard, Robert, ne en 1722,“ Gaillard,
Renö, geb. 1718/19; „Galimard, Claude, nü ä Troyes en 1729,“
Gallimard, Claude Olivier, geb. Paris 1718/19; „Ganieres,
George,“ — Ganiere, Jean; „Gaultier, N, ne ä Paris en 1575,“
Gaultier, Lüonard, geb. Mainz 1561; „Gautier, Jean,“ = Gautier
Dagoty, Jacques; „Gesner, Salomon, n6 en 1734,“ Gessner,
Salomon, geb. 1730; „Ghendt, Emmanuel de, nö en 1749,“ geb-
1738; „Girard, Ren6,“ Girard, Romain; „Glume, Jean-Gerard,“
Glume, Johann Gottlieb; „Godefroy, Francois, nü en 1748,“
= geb. 1743; „Godfrey, Ren£ Bernard,“ = Godfrey, Richard B.;
„Godfrid, Jean, nü en 1739,“ Haid, Johann Gottfried, geb. 1710;
„Gole, Jean, nt5 en 1724,“ = Gole, Jacobus, geb. 1659; „Goyrand,
Claude, nö ä Sens en 1662,“ = 1627 bereits tätig; „Grignon,
Charles,“ = Grignion, Charles; „Grontelle, L.,“ Croutelle, Louis;
„Guälard, Antoine, nä ä Paris en 1719,“ Guölard, J. B., tätig
1725-1747.

In mehreren Fällen waren später durch Stichsignaturen die

richtigen Vornamen bekannt geworden, und so kam es, daß bisher
in dem Küustlerlexika z. B. neben dem von Basan eingeführten
„N. Gaultier“ ein Leonard Gaultier herging, ebenso neben „Renö
Girard“ ein Romain Girard und neben „Antoine Guölard“ ein
J. B, Guölard usw. Natürlich handelt es sich immer um ein und
dieselben Künstler; doch hat noch niemand die von Basan ein-
geführten Vornamen als falsch gebrandmarkt, weil man eben aus
den oben angeführten Gründen garnicht daran dachte, die Richtig-
keit der Basan’schen Angaben anzuzweifeln.

So gut also an und für sich die Idee Basans war, ein Dic-
tionnaire des Graveurs zu schaffen, hat er doch mit diesem Werk
der Kunstwissenschaft einen recht schlechten Dienst erwiesen,
und es wird kaum möglich sein, all die damit von ihm in die
Kunstgeschichte eingeführten Fälschungen jemals wieder auszu-
merzen, denn der Uneingeweihte wird, wenn er in einem der
Künstlerlexika von Füßli, Zani, Nagler, Faber, Fr. Müller, Seubert,
Bryan, Bönözit usw. einen solchen Stechernamen behandelt findet,
natürlich nicht ohne weiteres daran denken, daß die biographischen
Daten auf Basan zurückgehen könnten, und selbst die recht zu-
verlässigen Portalis und Böraldi in ihren Graveurs du 18me siecle
haben sich in vielen Fällen mangels anderer Quellen noch auf
Basan verlassen müssen. Georg Schubert.

Dev ßild£)auec Degas.

Edgar Degas hat im letzten Jahrzehnt seines Lebens wenige
über die Schwelle seiner Wohnung gelassen. Von diesen Wenigen
haben nur einzelne im Atelier des Meisters die große Anzahl
kleiner Wachsstudien gesehen, die er in dunklen Winkeln und
Schränken verborgen hielt. Einmal, als ich in Begleitung von
Roger Marx Einlaß bei Degas gefunden hatte und der greise
Meister in den Hintergrund des Ateliers ging, um eine Leinewand
hervorzuziehen, wies Roger Marx mich auf einen Schrank, der
halb offen stand. Da sahen wir zu dutzenden Pferde, Frauenakte,
Tänzerinnen. Aber der mißtrauische, böse, alte Maler bemerkte,
daß unsere Augen wie gebannt an den kleinen Skulpturen hingen.
Als er mit dem Bilde zurückkehrte, drückte er hastig und ärger-
lich die Schranktür zu. Roger Marx mußte alle seine Gaben der
Menschenbehandlung aufbieten, um die schlechte Laune von Degas
wieder zu besänftigen.

Nach seinem Tode sind auch diese Arbeiten des Meisters
an die Öffentlichkeit gelangt und im Mai d. J. bei Hilrand in
Paris ausgestellt. Im ganzen hat Degas ungefähr 100 derartiger
Skulpturen in ganz kleinem Format geschaffen. 72 sind erhalten.
Alle sind in Bronze gegossen. Ein Exemplar jeder Plastik ging
in den Besitz der Familie über; ein zweites Exemplar behielt
Hilrand. Zwanzig Abgüsse gelangten in den Handel. Die Abgüsse
sollen ganz getreu und nicht überarbeitet sein. Bartholomö hat
den Guß überwacht. Unter den Skulpturen finden sich einige
Tierdarstellungen, vornehmlich schreitende, galoppierende und
springende Pferde, weibliche Akte in den verschiedenartigsten
Stellungen und Tänzerinnen. Ein einziges Mal, auf dem ersten
Salon des Independants hat Degas eine Tänzerin ausgestellt, die
er mit einem Gazerock bekleidet hatte. Diese Plastik erregte
einen Sturm der Entrüstung, sodaß er nach 1884 niemals wieder
mit Skulpturen vor die Öffentlichkeit getreten ist. Da der Meister
diese Wachsplastiken nur einzelnen Besuchern gezeigt hat, so ist
die Ausstellung bei Hilrard zu einer Überraschung geworden.
Wenige wußten vor allem, daß die Zahl seiner Skulpturen so groß
war. Einige der schönsten Arbeiten wurden inzwischen von aus-
ländischen Museen erworben.

Otto Grautoff.

Auffindung eines jYlelancbtbonbtnefes.

In der Sächsischen Landesbibliothek zu
Dresden, die eine große Anzahl Autogramme Melanchthons
aufweist, ist neuerdings ein Brief gefunden worden, der sich
in einem Stammbuch des niedersächsischen Historikers Heinrich
Maibom vom Jahre 1575 fand, das seinerzeit mit der Ölser
Schloßbibliothek in die Sächsische Landesbibliothek gekommen

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