Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

Page: 268
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Rudolf BetdinetJzjvtüncben

Im Laufe der von mir durchgeführten Untersuchung der

dem Bamberger Domschatz entstammenden Dalmatika
Kaiser Heinrichs II. im Bayer. Nationalmuseum — ihre
Ergebnisse sind für den Abdruck im Münchner Jahrbuch
der bildenden Kunst bestimmt1) — wurde ich zu der
Feststellung geführt, daß der rote, halbseidene Grundstoff
der Besatzstreifen (Abb. 1) nicht, wie bisher stets an-
genommen wurde, nachträglich mit dem Goldfaden be-
stickt ist, sondern daß der Goldfaden gleich am Webstuhl
eingeaibeitet worden ist; denn
er wird vom Kettfaden ge-
kreuzt, bildet also einen inte-
grierenden Bestand des Stoffes
an sich. Befremdend wirkte
diese Beobachtung hauptsäch-
lich dadurch, daß der Gold-
faden nicht nur die wagrechte
oder wenigstens überhaupt nur
eine Richtung zur Kette ein-
hält, sondern sie ganz nach
den Erfordernissen der Zeich-
nung verändert, ja auch die
Rundung nicht scheut. So
fest die Tatsache steht — sie
wird durch die Untersuchung
der staatlichen Webschule in
Münchberg bestätigt, — so
wenig wollte es zunächst
gelingen, diese Technik in
einen historischen Zusammen-
hang zu stellen. Die Erinnerung an jene Einwebungen
der koptischen Gewebe, die man als mit „fliegender
Nadel“ hergestellt bezeichnet, lag sofort nahe, aber dort
handelt es sich offen-
bar um Zutaten zum
fertigen Gewebe, nicht

x) Ich bedaure, auf die
noch nicht erschienene
Arbeit verweisen zu müs-
sen; in ihr wird man die
Begründung auch zu dem
finden, was hier nur als
Behauptung wirkt. So
angreifbar solches Vor-
gehen auch erscheinen
kann — die Verhältnisse
in unserem Zeitschriften-
wesen, die des Münchner
Jahrbuchs im besonderen,
zwingen zu ihm. Die
Dalmatika ist — nicht
immer ganz richtig — ab-
gebildet und besprochen
bei E. Bassermann-Jordan
und W. Schmidt, Der
Bamberger Domschatz
(München 1914).

wie an den Besatzstreifen um einen Entstehungs-
vorgang des Gewebes selbst. Aber ein technischer Zu-
sammenhang wird bei diesen beidesmal nicht freihändig
sondern an Maschinelles gebundenen Stickereien doch
wohl sicher vorliegen, obwohl ich gestehen muß, daß
ich mir unter der „fliegenden Nadel“ nicht allzuviel vor-
stellen kann. Eine stilistische Eigentümlichkeit der
Technik der Besatzstreifen besteht darin, daß der ein-
gestickte Goldfaden Innenzeichnung einer Musterung gibt,

deren Konturen durch Aus-
sparen des Grundes entstehen;
daß sie dann nachträglich
mit einem Seidenfaden aus-
gefüllt wurden, ändert nichts

am Prinzipiellen. Dadurch
wird man an Bortenarbeiten
erinnert, wie ich eine in Abb. 2
von der Kasel des hlg. Gode-
hard in Niederaltaich2) (ent-
standen zwischen 997 und
1022) wiedergebe. Ich möchte
vermuten, daß auch technisch
eine Verbindung zwischen der
Bortenweberei und unserer

Technik besteht, denn der
Arbeitsvorgang — Entstehen

des sog. Grund- und des
Mustergewebes in einem —
ist grundsätzlich der gleiche,
neu ist nur der Richtungs-
wechsel im Musterfaden.

Eine Übergangsstufe zwischen den beiden Tech-

niken glaube ich in einem Stoffe der Sammlungen des

erzbischöflichen Kleri-
kalseminars in Freising
gefunden zu haben.
Es ist der unterste Be-
satzstreifen der Mitra,
die laut Inschrift 1714
im Sarge des Bischofs
Konrad III. Sendlinger
(f 1323) gefunden und
dann restauriertwurde3).

2) Sie wird durch
Dr. Gröber veröffentlicht
werden.

3) huius mitrae major
pars . . . inventa est . . .
— Für die Förderung
meiner Untersuchung bin
ich den hochw. Herren
Prof. Dr. Schlecht, Rektor
P. Röhrl, Präfekt J. Maier,
der die Aufnahmen über-
nahm, zu herzlichem Danke
verbunden.

Abb. 1

Abb. 4

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