Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

Page: 177
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Herausgeber: Adolph DonGf'fl

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Der Professor der Kunstgeschichte an der Universität
Wien, Hofrat Dr. Josef Strzygowski stellt uns nach-
stehenden interessanten Beitrag über einen Fund zur
Verfügung, der in Deutschland noch nicht bekannt ist
und den er kürzlich in England kennengelernt hat

Es dürfte für manche Leser des „Kunstwanderers“ von
Wert sein zu erfahren, daß gleichzeitig etwa mit
dem Verschwinden des Schatzes von Petrossa, der von
Bukarest nach Jassy und von dort nach Moskau geflüchtet
wurde, in Schottland ein großer Silberschatz gefunden
wurde, der nach allen Anzeichen dem vierten nachchrist-
lichen Jahrhundert angehört und in gewissem Sinne als
Gegenbeispiel zu dem bekannten Silberschatz vom Es-
quilin in Rom gelten kann. Er zeigt jenen bezeichnen-
den Zusatz iranischer zu den griechisch-römischen Formen,
der in dieser Zeit so kennzeichnend für den Eintritt des
Mittelalters ist.

Der Schatz wurde im Mai 1919 durch den Direktor
des schottischen Nationalmuseums in der Nähe von
North Berwik an einem Orte „Traprain law“ gefunden
und wiegt 770 Unzen reines Silber. Nur wenige Stücke
sind vollständig erhalten oder ließen sich aus den Bruch-
stücken vollständig zusammenfügen; die meisten sind
schon bei der Ausgrabung zerhackt und zusammengedrückt
gefunden worden. Mann gewinnt so den Eindruck, daß
wir einen vergrabenen Raubanteil vor uns haben. Doch
handelt es sich kaum um ursprünglich schottisches
oder britisches Kunsteigentum; vielmehr weisen alle An-
zeichen darauf, daß der Raub in Südfrankreich aus-
geführt wurde. Damit ist natürlich noch lange nicht
gesagt, daß der Schatz auch in Südfrankreich entstanden
sei; vielmehr scheinen jene beiden Ursprungsgebiete für

die Herleitung der künstlerischen Arbeit maßgebend, die
auch sonst in der Übergangszeit von der Antike zum
Mittelalter den Aussehlag geben, ein hellenistischer und
ein iranischer. Neben diesem Einteilungsgrunde geht
ein zweiter einher nach Religionskreisen. Die heidnischen
Stücke wären in der Überzahl, wenn nicht auch die nach
Darstellung oder Schmuck zweifellos griechisch-römischen
Stücke christliche Sinnbilder, Inschriften oder Einritzungen
zu verzeichnen hätten. So entsteht jenes recht viel-
gestaltige Gesamtbild, das für die aus Münzen, Inschriften
und Formen erschließbare Zeit des Zusammenströmens
des Silberschatzes in Südfrankreich zu erwarten ist.

Eine kurze Beschreibung des Fundes gebe ich im
fälligen Doppelheft der Byzantinisch-neugriechischen Jahr-
bücher und will sie hier nicht wiederholen. Die antiken
Hauptstücke sind ein großer Silbertellerrest mit einem
Herakleskopf in toniger Flacharbeit und ein anderer solcher
Rest, geritzt mit einem Sieger, den die Nike krönt. Das
wichtigste christliche Stück, eine Vase, hat sich voll-
ständig zusammenfügen lassen. Sie zeigt um den Bauch
ein Reliefband mit vier Darstellungen aus der Bibel. Die
Zahl der Bruchstücke ist so groß, daß der Katalog allein
ein kleines Buch umfassen wird. Direktor Curie bereitet
die Veröffentlichung vor.

Nach dem Funde des Osebergschiffes durch Gustav-
son in Norwegen ist der Schatz von Traprain law
wohl der bedeutendste Fund, der in den letzten Jahren
im Norden gemacht worden ist. Wenn sich jemand die
Mühe nimmt, in meinem „Altai-Iran und Völkerwanderung“
nachzusehen, was ich über den Osebergschatz sage und
in dem gleichen Werke den zweiten Abschnitt über die

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