Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

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im Stadtmufeum zu Bauten

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A ls ein bedeutungsvolles Werk Thomas wird von ver-
schiedenen Freunden des Meisters ein Christusbild
aus dem Jahre 1896 erwähnt, das man für verschollen
hält. Im Thomawerk Henry Thodes (Klassiker der Kunst
15. Band, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart u. Leipzig
1909) ist es Seite 397 abgebildet mit der Anmerkung:
„Besitzer unbekannt“. Im Hans Thoma-Buch des See-
mannschen Verlages von 1919 fragt der Herausgeber
Seite 127 mit Bezug auf dieses Bild: „Wer weiß den
jetzigen Besitzer dieses schönsten Thomachristus?“ Ge-
nauere Angaben über dies Gemälde enthält die Künstler-
Monographie von Fritz v. Ostini (Verlag von Velhagen
u. Klasing, Bielefeld u. Leipzig 1900). Er erzählt darüber
Seite 88—90 folgendes: Herr Th. Bierck machte im Jahre
1896 Thoma den Vorschlag, ein Bildnis des Heilandes
zu malen, „losgelöst von einer personenreichen Kompo-
sition und befreit von einer mehr oder weniger sinnreich
erdachten Handlung als bloße Erscheinung einer religiösen
Empfindung“. Dieser Vorschlag war gleichzeitig noch
an acht andere deutsche Maler ergangen, an Fritz v. Uhde,
Karl Marr, Franz Stuck, Ernst Zimmermann, Gabriel Max,
Franz Skarbina, Arthur Kampf und Ferdinand Brütt. Alle
neun Künstler nahmen den Vorschlag an. Mit welcher
Hingabe Hans Thoma ans Werk ging, beweist ein Brief,
den er an den Auftraggeber richtete und in dem er schrieb:

„Es war mir ein leitender Gedanke, daß wie die
religiöse Musik ihre Mittel in allem Reichtum verwendet,
um dem inneren gemeinsamen religiösen Gefühl starken
Ausdruck zu geben, diesem ähnlich auch die Malerei
mit ihren Mitteln einem religiösen Gegenstände ent-
sprechend zu verfahren habe. Die Malerei verfügt ja
über mächtige Mittel zur Wirkung auf das Menschen-
herz — ist doch ihr eigenstes Element eine feierliche
Stille, die in der Farbenharmonie liegt und die sich
gar wohl eignet, einem religiösen Gefühl als Ausdruck
zu dienen. Das Bild ist eine ruhig sanfte Harmonie
in blau, die ich durch den von mir gemalten und vom
Bilde nicht zu trennenden Rahmen noch stärker betonte,
indem ich den Rahmen in lebhaftem Rot hielt, auf
welchem die Symbole der vier Evangelien, auf den
Seiten Ähre und Weinstock, unten der sich zur Krone
windende Dornzweig sich abheben; der obere Teil des
Rahmens ist wieder allerintensivstes dunkles Blau, auf
welchem ein Kreuz mit Goldstrahlen steht. Wie weit
es mir gelungen ist, mit diesem Christusbilde nach
solchen Zielen hinzuweisen, muß ich natürlich dem
Urteil anteilnehmender Mitmenschen überlassen
für mich aber bedeutet dieses Bild etwas
wie den Sammelpunkt für mein ganzes
Schaffen“. —

Als ich vor einiger Zeit diese Beschreibung las,
erinnerte ich mich eines Christusbildes in unserem Stadt-
museum zu Bautzen, das völlig dem im Thomawerke
Thodes abgebildeten Gemälde gleicht. Es ist aber nicht,
wie dort angegeben, auf Leinwand, sondern auf Holz ge-

malt, ohne Rahmen 120 cm hoch und 75 cm breit und
trägt in der linkeren unteren Ecke das Namenzeichen
Thomas mit der Jahreszahl 1896. Ich nahm infolge-
dessen an, daß dies Bautzener Bild der verschollene
Christus Thomas sei, wandte mich an den Meister selbst
und legte meinem Briefe eine Abbildung aus dem Baut-
zener Museumsführer bei. Daraufhin erhielt ich folgende
Antwort:

„Durch Ihre freundliche Nachricht habe ich endlich
erfahren, wo sich das von mir für verschollen gehaltene
Christusbild befindet. Es ist das Bild, das im Thoma-
werk Thodes Seite 397 abgebildet ist, gemalt 1896.

Ein norwegischer Kunsthändler Th. Bierck hat es bei
mir bestellt: Es sei von einem Liebhaber meiner Bilder
bestellt, der nicht genannt sein wolle. — Der Auftrag
intressierte mich und ich lieferte das Bild zur Zufrieden-
heit Biercks an denselben ab — aber ich war erstaunt,
als ich erfuhr, daß das Bild mit noch etwa 10 andern
Christusen in verschiedenen Städten herum reisen
mußte — es war also eine Kunsthandelspekulation,
gegen die ich nichts machen konnte — nach Schluß
der Ausstellungen wurden die Bilder versteigert und es
war weder mir noch meinen Freunden möglich zu erfahren,
wo das Bild hingekommen sei. Bierck hüllte es so ein,
als ob dies ein Staatsgeheimnis sei und so musste ich das
Bild für verschollen halten, was einem Künstler immer
weh tut, wenn eines seiner besten Bilder verloren geht. —
Nun freue ich mich aber, daß das Bild in dem Museum
der Stadt Bautzen der Oeffentlichkeit wieder gegeben ist.

In jetziger Zeit dürfenwir unseredeutschen Bildernicht
verderben — sie können doch immerhin ein wenig dazu
beitragen, über deutsches Wesen aufzuklären.

Für das Interesse, das Sie an dem Bilde haben,
sage ich Ihnen meinen besten Dank und bin in vor-
züglicher Hochachtung

Ihr ergebener

Karlsruhe, 15. April 1921. Hans Thoma.

Da ich das Chrislusbild für verloren gehalten habe,
so habe ich ein ähnliches Bild in gleicher Umrahmung
vor 2 Jahren nochmals gemalt, das sich jetzt in Frank-
furt in Privatbesitz befindet.“

Diesem Briefe hatte Thoma das Blatt aus dem Bautze-
ner Museumsführer wieder beigelegt; außerdem schickte
er eine Abbildung seines neuen Christusgemäldes mit.
Beide Blätter sind mit handschriftlichen Anmerkungen
Thomas versehen, wie es die nebenstehenden Abbildun-
gen veranschaulichen.

Es gibt neuerdings 2 Christusporträts von Thoma.
Beide Bilder haben miteinander große Aehnlichkeit. Aber
doch bestehen zwischen ihnen wesentliche Unterschiede.
Das Frankfurter Bild hat ein etwas breiteres Format;
außerdem ist sein Rahmen noch mit Symbolen ausge-
schmückt. Vor allem aber hat der achzigjährige Meister
dem Christusantlitz nicht mehr das geben können, was er

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