Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

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fortgelassen hat, weiß ich nicht. Einband: Halbpergament,
der Titel in Qoldaufdruck auf den Vorderdeckel. Als
achter Prospero-Druck wurde Dostojewskis Novelle „Der
Sanfte“ mit 10 Lithographien von Bruno Krauskopf ver-
ausgabt. Krauskopfs ganze Stilart ist gewissermaßen ge-
borener Buchschmuck, wenn auch nicht in Morrisschem
Sinne. Indessen, Morris in höchsten Ehren es geht
doch nicht an, seine große und lautere Geschmackskultur
als das für alle Zeiten maßgebende zu betrachten. Ich
stehe noch immer auf dem Standpunkt, daß der idealste
Buchschmuck die Vereinigung des typographischen Bildes
mit dem Zierstück ist, also mit der „Illustration“, aber
die moderne Technik ist ein Zwang, dem man sich
schließlich unterordnen muß. Nicht immer lassen sich
Steindruck und Radierung in geeigneter Verkleinerung
dem Satzbilde einordnen, bei Krauskopfs Zeichnungen
beispielsweise würde das .garnicht möglich sein, wenn
sie nicht an eindringlicher Wirkung verlieren sollten.
Aber auch so, auf Sonderblättern eingefügt, ist seine
geistreiche, oft verblüffende, jedenfalls immer fabelhaft
interessante Eigenart, die in den glänzend gelungenen
Handabzügen (von Herrmann Birkholz) prachtvoll hervor-
tritt, „Buchschmuck“ im besten Sinne. Satz und Druck,
eine starke Antiqua, scharf und gerade geschnitten,
lieferte wieder Holten. Sehr reizvoll ist der Pappeinband
aus seepflanzenartig gepinseltem Braunpapier mit einem
breiten Rücken und Ecken aus Rohseide. Auf dem
Rücken der Titel in Gold.

Auch eine Folioausgabe befindet sich unter den
neuen Prospero-Drucken: „Romeo und Julia“ (leider in
der Übersetzung Schlegel-Tiecks, ohne die Abfeilungen
Gundolfs) mit Lithographien von Bernhard Hasler, dessen

weicher, schmiegsamer, graziler Stift eine Reihe schöner»
rhythmisch bewegter, poesieerfüllter Szenen geschaffen
hat. Die Satzanordnung (Spamer) gewinnt durch den
Rotdruck der Personennamen und verliert durch das Zuviel
an Weiß am Seitenrande infolge der Kurzverse, die dann
hie und da wieder durch die Vollzeilen der eingefügten
Prosa unterbrochen werden. Auf den linken Seiten stört
der breite weiße Rahmen fast garnicht, weil da der Text
beinahe in der Mitte steht. Eine leichte Verschiebung
des textlichen Mauerwerks nach der Mitte zu wäre viel-
leicht auch auf den rechten Seiten angebracht gewesen —
gegen die Regel, das weiß ich, aber wenn buchästhetische
Gründe dawidersprechen, kann man auch einmal eine
sogenannte feststehende Regel umgehen. Gelb getönter
Pappeinband, der Titel in Gold auf dem Vorderdeckel,
Lederrücken und Lederecken. Was ich noch besonders
anerkennen möchte, ist die geschickte Auswahl der
Künstler für die einzelnen Werke, die wohl auf die Ver-
lagsleitung zurückzuführen ist. Es wird leider durchaus
nicht immer beachtet, ob der oder jener Zeichner der
geeignetste ist für die Illustrierung eines bestimmten
Werkes. Diese Rücksichtnahme auf die individuelle
Begabung und die Besonderheit des Stiltalents hat
mich auch bei den letzten Veröffentlichungen der
Gurlitt-Presse gefreut. Die Begleitbilder zu dem
knorrigen Memoirentext des Berlichingen konnten
keinem Besseren anvertraut werden als Corinth, nur
Janthur konnte den philosophischen Gäulen Swifts
innermenschliche Beseelung geben, und Mesecks
stimmungsvolle Stilkunst brachte die pathetische Schwer-
mut der Hymnen des Novalis zu wahrhaft erschütterndem
Ausdruck.

Stn neues LÜet?k von JHicolas Poufßn

oon

Otto 0t?autoff

^Uicolas Poussin ist einer derjenigen Meister, die allen
^ etwas zu geben vermögen. Die Akademiker be-
rufen sich auf ihn. Franzosen von reinem Blut, denen
Maß und Würde als höchstes Gesetz gilt, denen Cor-
neilles klare und scharfe Charakterzeichnung, das sym-
metrische Flechtwerk seiner Dramen bedeutender er-
scheint als der wuchernde Reichtum und die tiefe Mystik
Goethes und Shakespeares — diese Franzosen sehen
Poussin am größten in denjenigen Bildern, die aus dem
Geist des cartesianischen Rationalismus herausgehoben
worden sind wie das „Testament des Eudamides“, „Der
Tod der Saphira“, „Die Sakramente“. Außerhalb Frank-
reichs verankert sich die Liebe zu Poussin vornehmlich
in seine frührömische Schaffensperiode und in die Zeit
seines Lebensabends, in der er im Bilde die Naturformen
zu Trägern einer Idee machte und aus pantheistischem
Weltgefühl, das im Goetheschen Sinne Erhabene, Große,

die Seele weitende und stärkende in Landschaften vor-
stellte.

Da die Akademiker Jahrzehnte lang Poussin gepach-
tet hatten, unterschätzte man quantitativ und qualitativ
die Werke seiner frührömischen Epoche. Erst die Kata-
logisierung seiner Gemälde hat ergeben, daß ein gutes
Viertel aller Bilder des Meisters dieser glücklichen Jahre
zwischen 1628 und 1632 angehören. Es ist mir eine
besondere Freude, den Lesern dieser Zeitschrift ein bis-
her verschollenes Bild Poussins, das zu den schönsten
Darstellungen bacchischer Motive gehört, bekannt geben
zu können.

Die „Schlafende Venus, von Satyrn belauscht“ be-
findet sich in schweizer Privatbesitz. Die Leinwand mißt
99X76 cm. Das Bild ist rentoiliert. Die ursprüngliche
Leinwand ist grobkörnig. Der Zustand des Bildes ist
gut. Das Bild ist nicht stark nachgedunkelt. Es finden

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