Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

Page: 270
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6. A. 6. ßogeng

i.

Antike „Fälschungen“ von Kunstwerken - Sammler-
stücken sind der Archäologie als etwas nicht allzu
Ungewöhnliches bekannt.Und in der Renaissance,
diesem goldenen Zeitalter der Kunstsammlungen, blühten
mit den anderen Künsten auch die Fälscherkünste. Mit
den anderen Künsten, denn die angesehensten Meister
haben damals sich gelegentlich bemüht, ein „altes“
Kunstwerk zu schaffen, wie denn früher da, wo die
Gewohnheiten handwerksmäßigen Werkstattbetriebes
herrschten, der Begriff eines „Originals“ in seinem Ver-
hältnis zu Kopie und Imitation durchaus nicht eine eng-
begrenzte Bestimmung erfuhr. Erst die aus verschiedenen
Sammelrichtungen und Wissenschaftszweigen auf diesen
Begriff einwirkenden geschichtlichen Rücksichten haben
ihm seine Gegenwartsbedeutung, die gelegentlich schon
überschärft wird, verschafft. Damit ist dann auch die
Empfindung und Erkenntnis von „Fälschungen“ und
„Verfälschungen“ hervorgerufen worden und deren An-
wendung auf den „Raritätenbetrug“.* 2) Aber als ein ge-
winnbringendes Unternehmen werden sie nur da

') Adolf Furtwängler, Neuere Fälschungen
von Antiken. Leipzig-Berlin: 1899. Daß auch der

„bookfaker“ im Altertum bereits sein Gewerbe übte, zeigt die
bekannte Lucianische Satire.

2) Der Begriff des Raritätenbetruges ist von Hans Groß
(DerRaritätenbetrug. Berlin: 1901, dem später D igge 1-
mann’s juristische Monographie über die Fälschung
von Sammlungsobjekten folgte) in die Rechtswissen-
schaft eingeführl worden. Abgesehen von der nicht gerade glück-
lichen Bereicherung der juristischen Terminologie bietet dieses
Werk aber auch sachlich Anlaß zu manchem Widerspruch. Es
ist dazu zu verweisen auf G. Koch, Kunstwerke und
Bücher am Markte. Eßlingen a. N.: 1915, wo im Kapitel
„Fälschungen und Kunstbetrug“ mit der durchaus gebotenen
nüchternen Sachlichkeit, die sich vor übertreibenden Verallgemeine-
rungen hütet, das Thema allgemein mit reichlichen Verweisungen
behandelt wird. Im übrigen ist auch die Literatur über Bücher-
und Handschriftenfälschungen naturgemäß eine Spezialliteratur,
die sich vorwiegend mit den einzelnen Fällen beschäftigt. Mit
der wachsenden Höhe der Liebhaberwerte, mit der wachsenden
Zahl der Sammler steigerten sich Geschicklichkeit und Kühnheit
der Fälscher so sehr, daß sie und ihre Erzeugnisse auf fast allen
belebteren Sammelgebieten zu einer auch für erfahrene Kenner
nicht immer vermeidbaren Gefahr geworden sind. Die Abschnitte,
die in den Handbüchern für Sammler über Fälschungen und Ver-
fälschungen handeln, werden immer umfangreicher und auch die
ausschließlich den Fälscherkünsten gewidmeten Schriften ver-
mehren sich. Aber dabei wird die Abrechnung mit diesem
Fälscher allzuhäufig auch eine Anweisung für jenen, eine Ver-
besserung seiner Versuche vorzunehmen und die notwendig ge-
wordene „Fachliteratur“ dient letzten Endes am meisten den
Betrügern. Es wäre deshalb wohl erwägenswert, ob die Berichte
über Fälschungen nicht so vorsichtig abgefaßt werden können,
daß sie keine technischen Neuerungen verraten. Freilich wird
sich das nicht immer durchführen lassen.

versucht werden, wo Sammlerstücke nicht allein durch
ihre augensichtliche Güte oder Schönheit sondern auch
noch durch andere verbürgende Eigenschaften, wie Alter,
Seltenheit, Urheberursprungsvermerke usw. ihren Wert
gewinnen, den ein hoher Liebhaberpreis auszeichnet.
Angebot nnd Nachfrage des Sammelmarktes regeln auch
die Fälscherkünste. Die in der ersten Hälfte des neun-
zehnten Jahrhunderts erwachte romantische Mittelalter
Sehnsucht stellte die Fälscher vor Aufgaben, deren Lösung
sie hundert Jahre früher hätte als Narren erscheinen
lassen. Und die in der zweiten Hälfte des neunzehnten
Jahrhunders im Zusammenhang mit der kunstgewerb-
lichen Bewegung sich in dem Ausbau der Sammlungen
alter Kleinkunst zeigende Einschätzung lange unbeachtet
gebliebener Gebrauchsgegenstände hat mit der plötzlichen
hohen Bewertung des bisherigen „Gerümpels“ auch eine
plötzliche Ausdehnung der Fälscherei veranlaßt. Der
Expansion des modernen Kunstmarktes entspricht die
Expansion des modernen Raritätenbetruges. Daß bei
besonders günstigen Vorbedingungen Herstellung und
Vertrieb von Fälschungen sogar zu einer Art nationaler
Industrie werden kann, lehrt das Japanische Beispiel.
Deutlich die Entwicklung der Fälscherkünste auch in
ihren geschichtlichen Voraussetzungen zu erfassen, ist
aber nicht unwichtig. Einmal, weil damit eine Übersicht
der „Fälschungsprovenienzen“ zu gewinnen ist, die nicht
nur auf gelegentliche Vergleichungen eingeschränkt bleibt,
sodann, weil die Unterscheidungen von Nachbildung
und Vorbild aus ihrem zeitlichem Abstande das wesent-
lichste ästhetisch-psychologische Element der Kritik alter
Fälschungen ist.:i)

Die ästhetische und technische Qualität auch einer
Fälschung kann sehr groß sein und Fälschungen können,
als solche festgestellt, dann und wann ihren Rang unter
den Kunstwerken eigener Bedeutung behaupten wie die
beiden berühmtesten Fälschungen des neunzehnten Jahr-
hunderts, die Benivieni Büste von Bastian in i
und die sogenannte Tiara des Saithaphernes
von Rouchomowski. Deshalb ist eine genauere
Unterscheidung von Nachahmung und Nachbildung für

3) J. Lessing, Was ist ein altes Kunstwerk
wert? Berlin: 1885. Das dort S. 47f darüber ausgeführte
gilt auch mutatis mutandis für buchgewerbliche Erzeugnisse,
zumal dann, wenn ihre kunstgewerblichen Werte in Frage
kommen. Echtheit und Unechtheit distanzieren sich, weil
jede Zeit eine ganz besondere Art hat, die Gegenstände der
Natur und auch die Arbeiten der Menschenhand anzusehen.
Daher bringt der Kopist immer nicht nur etwas von seiner
persönlichen Eigenart, sondern auch etwas von dem allgemeinen
Geschmack seiner Zeit in seine Arbeit hinein und diese fällt um
so mehr vom Original ab, je älter sie wird.

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