Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

Page: 228
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lichkeit hinaus und sind auch nicht frei von Bezwungen-
heit, aber die besten geben in ungezwungener Auffassung
starke innerliche Charakteristik und gehen auch über die
schlichte einfache Technik zu stärker belebter Mache
hinaus. Weiter finden wir eine Fülle von genremäßig
dargestellten Menschen aus der ländlichen Umgebung
vonMeran: Bauernund Bäuerinnen, auch einheimischeTiere
wie sie Wasmann bei seinen Wanderungen begegneten
und seinen allzeit lebendigen Augen auffielen, ln be-
zeichnenden Stellungen und Bewegungen, wie sie der
Augenblick mit sich brachte, hat sie der Künstler fest-
gehalten, bald fein und sauber durchgearbeitet, fast rasch
hingeworfen in wenigen andeutenden Strichen, immer
aber in schlagender Lebenswahrheit. Und die Land-
schaften sind nicht minder ehrlich, getreu gesehen, ohne
jede akademisch-stilisierende Manier, manchmal, wie
Grönvold richtig sagt, geradezu impressionistisch, locker
und farbig. Im ganzen ergeben die Zeichnungen das
Bild eines zart und fein empfindenden, leidenschaftslos
ruhigen, oft zaghaften Künstlers, der uns nicht geradezu
hinreißend begeistert, aber doch unsere Teilnahme in
außergewöhnlichem Grade fesselt.

Nebrn ihm steht Martinvon Rohden, 25 Jahre
älter als Wasmann, aus Kassel gebürtig, der seit 1795 in
Rom im Kreise von Reinhart und Koch lebte und mit
Ausnahme ganz weniger Jahre, die ihn nach Kassel und
Dresden führten, dort arbeitete, und 1868 dort neunzig-
jährig starb. Sein Gebiet ist die Landschaft. Er malte
sie ohne die geringste Neigung oder Abweichung zur
stilisierenden Richtung seiner römischen Freunde, nur
nach der Natur in schlichter Treue, in malerischer Bild-
nismäßigkeit, stets geschickt und wirksam im Ausschnitt
und stets ohne Belebung durch Menschen. Anfangs

schlicht und einfach werden diese Landschaften mit dem
wachsenden Können des Künstlers immer reicher: wahre
Prachtstücke sind darunter, zu denen ihm die Campagna,
Tivoli mit seinen Wasserfällen, auch Kassel, Dresden
und die sächsische Schweiz die Vorwürfe geliefert haben.
Während seiner Lebenszeit stand er abseits der modischen
Richtung; um so besser wissen wir jetzt seine un-
verkünstelte Kunst zu würdigen. Sein Sohn Franz
von Rhoden lebte ebenfalls in Rom und schloß sich
an Overbeck an. Auch von ihm sind einige treffliche
Bildnisse vorhanden; im übrigen ward er in seiner
sklavischen Verehrung für Overbeck ein schwächlicher
Enkel der Natur.

Hans Beckmann (1809 — 1881) gehört nicht zu
diesen Römern, sondern erhielt seine Ausbildnng haupt-
sächlich in München und malte Landschaften aus der
Umgebung von München, vom Starnberger See usw.
Als einer der ersten in impressionistischem Sinne zeich-
nend, hat er uns manch stimmungsvolles Bild geschenkt,
das uns die gewählten Naturausschnitte im Duft von
Licht und Licht reizvoll vor Augen stellt. Endlich ist
in der Sammlung noch Victor Janssen mit Gewand-
studien vertreten, die ein sauberes akademisches Studium
bekunden, aber auch nicht mehr. Er war 1807 geboren,
lebte mit Wasmann befreundet in Rom und starb mit
38 Jahren.

Im ganzen handelt es sich um eine sehr interessante
Ausstellung, die uns einen bestimmten Abschnitt deut-
scher Kunst näher bringt. Sie soll außer in Dresden
auch noch in anderen deutschen Städten gezeigt werden.
Ein friedensmäßig vorzüglich ausgestattetes Heft mit rund
30 Bildern ist dazu erschienen, wozu Dr. Hans Wolff
eine vortreffliche Einführung geschrieben hat.

Kdnßlet? (Iber Künftlet’

Gedanken übet? Turnet?

oon

bemann Stt?uek

„Der Kunstwanderer“ setzt heute die im ersten No-
vembeiheft 1920 begonnene Seiie „Künstler über
Künstler“ fort. Diese Serie ist von LesserUry,
dem Berliner Meister, mit einem Artikel über Hodler,
Israels, Klingrr und Zorn ei öffnet worden. Heute geben
wir dem hervorragenden Berliner Graphiker Hermann
Struck das Wort.

I urner kann man nur in seinem Lande richtig kennen
lernen, denn nicht viele seiner Bilder sind ins Aus-
land gekommen. Reproduktionen aber, geben so wenig
eine Vorstellung von seinen Werken, wie etwa die
Wachsfiguren des Panoptikums von Kaisern, Staats-
männern und Verbrechern.

Die Sammlungen Londons — von allem die National-
Gallery bewahren eine ungeheure Zahl seiner Ölgemälde
und Aquarelle. Zweimaliger Aufenthalt in London im
eben abgelaufenen Jahre gab mir Gelegenheit, nach
langer Zeit mich wieder in Turners Schöpfungen zu ver-
tiefen.

Er war und ist für mich das größte Rätsel in der
Geschichte der neueren Kunst und wird es mir wohl
auch bleiben — trotz Meier-Graefe’s meisterhaft ge-
schriebener, aber sehr absprechender Charakteristik in
seiner Entwicklungsgeschichte der modernen Kunst.

In seinen frühen Jahren stark beeinflußt von Claude
Lorrain malte er neben sehr schönen Bildern einige
große Schinken, vor denen wir ganz ratlos stehen. Wenn
wir auch begreifen, daß er wie der alte Vater Homer
mitunter in Schlaf verfiel, so ist es doch unverständlich,
wie er in einen Zustand geraten konnte, in dem er seiner
so ganz unwürdige Werke schuf.

Die früheren Werke von ihm zeigen, wie schon be-
merkt wurde, eine starke Abhängigkeit und sind in der
Farbe ziemlich zahm. Das Rätsel beginnt mit der Ent-
wicklung einer Farbigkeit, von der man sich, ohne die
Bilder selbst zu sehen, unmöglich eine Vorstellung

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