Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

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Die JvtußkabteUung der Preußitcben Staatsbibliothek

in Beeltn

Qefcbicbtlicbes und Organtfaforifcbes diefer Sammlung

oon

UOÜbelm Attmann

Der Direktor der Musikabteilung der Preußischen
Staatsbibliothek Professor Wilhelm Altmann stellt uns
folgenden Aufsatz zur Verfügung, der auch alle Sammler-
kreise interessieren dürfte.

Verhältnismäßig jung ist die Musikabteilung der seit
1661 bestehenden Preußischen Staatsbibliothek.
Trotzdem darf sie den Ruhm für sich in Anspruch
nehmen, in bezug auf eigenhändige Handschriften der
bedeutendsten Tonsetzer und auch an älteren Drucken
die ähnlichen Sammlungen in Paris, London, Wien,
München und Brüssel mehr oder minder überflügelt zu
haben. Und dabei sind die erlesensten Schätze ihr durch
die Freigebigkeit oder das Entgegenkommen von Privat-
personen zugeflossen.

Seitdem man angefangen hat, Musikstücke auf Papier
zu bringen, sind derartige Niederschriften sehr bald auch
in die Bibliotheken gelangt. Insbesondere besaß wohl
jede Kloster- und Kirchenbibliothek schon im frühen
Mittelalter Musikalien zum mindesten zum praktischen
Gebrauch beim Gottesdienst. Auch in die vom großen
Kurfürsten in Berlin begründete Bibliothek waren seit
ihrem Bestehen Musikalien eingereiht worden, jedoch nur
in unbedeutender Anzahl. An eine systematische Samm-
lung von Musikalien hatte man jedenfalls im Preußischen
Staate1), der ein Pflichtexemplarrecht auf Musikalien im
Gegensatz zu Bayern oder zu Frankreich auch im 19.
Jahrhundert nicht beansprucht hat, bis in das erste
Fünftel desselben nicht gedacht. Zu allen Zeiten hatte
man zwar Statuen, Gemälde, Gemmen, Münzen und
ähnliche Kunstwerke gesammelt, auch dafür allenthalben
öffentliche Bildergalerien und Museen angelegt. „Ganz
anders aber“, so schrieb Georg Pölchau, ein damals in
Riga lebender, 1772 geborener reicher Privatgelelirter, am
25. Januar 1823 an den damaligen Leiter der Berliner
Kgl. Bibliothek, „verhält sich’s mit den Denkmalen der
Tonkunst. Nur selten findet man öffentliche, noch
seltener Privatsammlungen der Art. Kunstwerke, welche
unsere Urväter in ein staunendes Entzücken versetzten,
und die der Zufall mehrere Menschenalter erhielt, werden
der Raub des Moders oder die willkürliche Beute der
Kramläden. Woher dies? ... Hat denn die Tonkunst
nicht auch ihre Raffaele und Dürer, Canovas und Thor-
waldsens?“

') In meinem Aufsatze: „Erstreckt sich der Pflichtexemplar-
zwang in Preußen auch auf Musikalien?“ im 14. Bande des
„Archiv für öffentliches Recht“ (1899) glaube ich überzeugend
nachgewiesen zu haben, daß die preußischen Bestimmungen über
den Pflichtexemplarzwang durchaus auch auf Musikalien, zum
mindesten auf Vokalmusik angewendet werden können. Die Neu-
ordnung des Pflichtexemplarzwanges, die seit vielen Jahren be-
absichtigt ist, wird immer und immer wieder hinausgeschoben!!

Wir können Pölchau nur Recht geben. Sein Verdienst
aber war es, eine herrliche Musikbibliothek zusammen-
gebracht zu haben, ln dieser beanspruchten der Nachlaß
Karl Phil. Emanuel Bachs mit vielen Autographen seines
großen Vaters, Bestände aus der Bibliothek der alten
Hamburger Oper und die Sammlung des Göttinger
Professors Forkel, des 1818 f bedeutenden Musikschrift-
stellers, wesentliche Bedeutung. Pölchau wollte auch seine
mühselig zusammengetragenen musikalischen Schätze vor
dem Untergang dadurch bewahren, daß er sie der Berliner
Kgl. Bibliothek zum Kaufe anbot. Er wußte nämlich,
daß deren Leiter (der durch seine Geschichte der Kreuz-
züge bekannte Professor Dr. Wilken) auch für die Er-
haltung der Musikalien vollstes Verständnis hatte. Nicht
ohne Bewegung lesen wir in seinem Angebotsschreiben:
„Noch vor 25 Jahren verkaufte die Schulpforte aus
Mangel an Raum ihr seit der Reformation gesammeltes
Musikarchiv an Trödler um den Makulaturpreis.“ Stolz
zählt Pölchau dann alle seine Herrlichkeiten auf. An
gedruckten praktischen Werken des 16. und 17. Jahr-
hunderts waren darunter mehr als 300 Nummern. Er
konnte davon sagen: „Von diesem beinahe ganz aus der
Welt verschwundenen Zweige der Kunstliteratur dürften
außer der Kgl. Bibliothek in München, der reichsten und
merkwürdigsten in dieser Hinsicht in Europa, die mir
bekannten Sammlungen in Wien, im Britischen Museo,
in Rom, in Upsala . . . nicht viel mehr aufzuweisen
haben und gewiß manches garnicht. Unter den hand-
schriftlichen Werken aus der älteren, neueren und
neuesten Zeit, deren Zahl sich über tausend beläuft, wird
der Kunstfreund angenehm überrascht werden durch eine
nicht geringe Zahl wertvoller Originalhandschriften be-
rühmter, ja der größten Männer, wie z. B. von Sebastian
Bach2) und seiner 4 Söhne, von Händel3), Hasse, Graun4),
Haydn5), Mozart6); von den großen Italienern Leo,
Caldara, Lotti u. a. mehr: ja sogar von einer Probe der
musikalischen Kunst eines gekrönten Hauptes, einem
eigenhändigen Werke7) Friedrichs des Großen und einem
eigenhändigen seiner kunstliebenden Schwester, der Prin-
zessin Amalia. Haben dergleichen Werke nur relativen
Wert, dienen sie auch nur zur Folie, so wird doch der

2) Matthäus- und Johannes-Passion, Magnificat, die Kunst
der Fuge, die zweite Niederschrift der Solo-Sonaten für Viol.

3) Die Bearbeitungen von Acis und Galatha und des Alexander-
fests in Mozarts eigenhändiger Handschrift.

4) Von Hasse und Graun mehr als 100 Werke.

5) U. a. Salve Regina, Opern Armida, Orlando Palladino.

6) Vgl. bei Händel; außerdem Sinfonie Es, Finale aus Titus —
Beethoven ist hier von Pölchau nicht erwähnt; er besaß
freilich nur ein Stück, aber dies war das Kyrie der Missa solemnis.

;) Veränderungen über eine Arie aus der Oper Cleofide von
Hasse für den Castraten Porporino.

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