Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

Page: 250
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die Qualität der Bronzebeschläge, durch die überaus feine
Ziselierung und Vergoldung. Ein ganz hervorragendes
Kunstwerk der gleichen Zeit: die Standuhr mit dem

Sturze des Phaeton, aus vergoldeter Bronze, bemerkens-
wert durch die verwandten Vorzüge der Ziselierung und
der Matt- und Glanzvergoldung. Ihr Seltenheitswert
wird durch die Tatsache begründet, daß von ihr bisher
nur 3 Exemplare — sie befinden sich in Pariser Samm-
lungen — in die Öffentlichkeit gedrungen sind. Als ein
besonderes Stück der Sammlung erscheint uns
die graziös erfundene und gediegen ausgeführte Uhr mit
der verrückten, auf einer Causeuse ruhenden Bacchantin
eine Pariser Arbeit, die um 1790 entstanden, auf dem
Zifferblatt die Signatur von Baullier trägt. Neben Werken
von Barrand, Pochon, Robin u. a. wollen wir noch einer
charakteristischen Empireuhr Erwähnung tun, die von
dem in unserer Sammlung vielfach vertretenen Thomire
herstammt. Sie zeigt eine junge, nach linkseilende Frau,
die auf ihrem vorgebeugten Rücken eine Uhr emporträgt
und einen Amor, der ihre Flucht verhindern will.

Gestattet sei uns ferner der Hinweis auf zwei kost-
bare Wandbespannungen aus Seide, die dem ausklingen-
den Rokokostil angehören und französischer Herkunft
sind. Unter den Werken der Bildhauerkunst, die sich
dem Hauptmobiliar in bescheiden dekorativer Weise
unterordnen, gibt es einige Antiken, die als Originale
gelten und eine Reihe wohlgelungener Abgüsse, die viel-
fach von bekannten italienischen Künstlern des 19. Jahr-
hunderts durchgeführt wurden. Nennenswert sind noch
einige selbständige Arbeiten von Albacini, Banjault, Pan-
diani, Romanelli u. a. und eine in der Wiener Porzellan-
manufaktur entstandene Bisquitbüste nach Canova, welche
die Schwestern der Königin Louise von Preußen dar-
stellt.

Die Sammlung Pälffy enthält zuletzt noch eine An-
zahl von Stichen und einige Gemälde und Miniaturen
von Rang. Aus dem gutvertretenen Oeuvre des altwiener

Bildnismalers und Kupferstechers Agricola heben wir eine
klassizistische Venus, die sich im Spiegel betrachtet, eine
Kopie nach Lawrence (Prinzessin Metternich als Hebe)
vor allem aber das liebenswürdig empfundene und warm-
getönte Porträt der in den Kongreßtagen weltbekannten
und galanten Gräfin Desfours, hervor. Der altwiener
Schule gehören noch an: einige Bildnisse von Lampi;
ein feines und geschmackvoll arrangiertes Porträt der
Hofschauspielerin Adamberger in der Rolle der Sapho
ein Werk des Hubert Maurer und ein paar jener typisch
versunkenen und nachgedunkelten Ideal- und Felsenland-
schaften, die für die Art des älteren Markö bezeichnend
sind. Neben den Bildnissen einheimischer Provenienz
finden sich hier noch: ein wirksam erfaßtes, jedoch nicht
ganz vollendetes Porträt des Virtuosen Giuliani von
Stieler und ein skizzenhaft angelegtes, von einer packen-
den Lebendigkeit erfülltes Konterfei des Fürsten Bis-
marck — eine Kreidezeichnung von Lenbach, welche
der Reichskanzler 1892, während seines Aufenthaltes im
Palais Pälffy dem kunstfreundlichen Hausherrn zugeeignet
hatte. Wir machen noch auf einige Tierstücke und Land-
schaften von Bedeutung aufmerksam, welche die Signa-
turen der auf dem Kunstmarkt geschätzten Aus-
länder Bridgemann, Duprä, Girardet und Koller tragen
und auf einige nicht uninteressante Miniaturen, welche
Porträts von Persönlichkeiten der Kongreßzeit und von
Mitgliedern des Hauses Pälffy enthalten.

*

(Bei Redaktionsschluß geht uns aus Wien der Katalog der
Sammlung Pälffy zu. Der Katalog ist splendid ausgestattet und
mit vorzüglichen Reproduktionen geschmückt. Das ihm beigefügte
Verzeichnis der Schätzungspreise zeugt leider für die
Entwertung der österreichischen Krone. So ist z. B. der im vor-
liegenden Hefte des „Kunstwanderers“ abgebildete Schreibtisch
Napoleons mit nicht weniger als vier Millionen Kronen
bewertet, ein Paar Bronze-Kandelaber mit je 24 Kerzen mit drei
Millionen. Das von Lenbach in Kreide gezeichnete Bismarck-
Portrait erscheint uns mit 400 000 Kronen, trotz allen Umrechnungen,
doch einigermaßen überschätzt. Die Redaktion.)

Det? QcapbiRcc Robert f. K. Sebolb

Dort

Hans UX Singet?

[jer ruhig abwägende Betrachter der Menschheit, der
•S die Gegenwart im Spiegel der Vergangenheit zu er-
fassen sucht, schüttelt staunend den Kopf und fragt sich,
werden die Menschen es denn nie lernen, sich anders
als unreife Kinder zu betragen? Werden sie denn nie
zur Einsicht gelangen, daß selbsttäuschendes Wortgefecht
eine Stellung nicht stärkt und daß jedwede Verneinung
bei Entwicklungszuständen nur hemmender, nichtsnutzender
Ballast is, der dem neuen Schritt keine Kräfte hinzu-
fügt, sondern ihn eher fesselt. Aber nein! — immer
wieder, wenn Menschen etwas Neues wollen, verfallen
sie wie die Gymnasiasten zunächst einmal darauf, maßlos
auf das Bestehende zu schimpfen, um so maßloser, je

heller das Bestehende geglänzt hat, je höher die Mensch-
heit es soeben gepriesen hat. Es sollte doch genügen
ein neues Ideal aufzustellen, dessen Vorzüge nachzuweisen
und zu entfalten, ohne daß es nötig wäre, gleichzeitig
das alte Ideal in den Kot zu ziehen!

Jedenfalls hat sich die so unzählige Male abgespielte
Tragikomödie unlängst wiederholt und die Hauptrichtung,
in der sich die Propaganda des Expressionismus ent-
wickelte, war diejenige einer unflätigen Beschimpfung des
Impressionismus. Und noch nie ist lärmender, noch nie
mit annähernd so großem Aufwand an Komparserie ge-
spielt worden als diesmal. Das kam natürlich daher, daß
dieses Mal die Revolution in der Kunst sich mit jener

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