Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

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Herausgeber: Adolph Donüttl

2. Januarheft-

Dte Pflege der deutßben Ktrcbenßbät^e

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Jieütnann Schmiß

L> o d e befaßt sich in seinem Aufsatz „Aufgaben und
* Aussichten für die deutschen Museen“ in der Bei-
lage zur Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 11. De-
zember 1920 auch mit den deutschen Kirchenschätzen.
Er weist auf die Gefährdung hin, der die Kirchenschätze
in den gegenwärtigen unsicheren Zeitläuften ausgesetzt
sind — zahlreiche Einbrüche und Diebstähle sind be-
reits erfolgt. Die ungenügende Sicherheit der Auf-
bewahrungsräume, die selten ausreichende Überwachung
haben es den Spitzbuben oft nur zu leicht gemacht.
Aber auch abgesehen von der Sicherung hat die unzu-
längliche, ja die unwürdige Aufstellung vieler Kirchen-
schätze in Deutschland schon oft den Unwillen der
Kunstfreunde erregt. Man hat häufig den Küstern, den
Sakristanen und anderen nicht fachmännisch gebildeten
Organen eine viel zu weit gehende, oft völlig un-
beschränkte selbständige Stellung als Bewahrer der
Kirchenschätze eingeräumt. Jeder Freund deutscher
Kunst, der viel im Lande gereist ist, weiß sich mancher
Fälle zu erinnern, wo ihm der Genuß und das Studium
der Kunstschätze in den Kirchen durch die mangelhafte
Räumlichkeit sowie durch die sie verwaltenden Beamten
beeinträchtigt, wo nicht gar unmöglich gemacht worden
ist. Es sei an die Domschätze von Halberstadt und
Essen sowie an einige Nürnberger Kirchen erinnert.
All zu sehr wurde die Zugänglichkeit in vielen Fällen
zur reinen Trinkgeldfrage. Die Gemeinden und die
Geistlichkeit schienen oft vergessen zu haben, daß der
Besitz so hoher Kunstwerke auch die Pflicht ihrer Pflege
und ihrer Nutzbarmachung mit sich bringt.

Viele rühmliche Ausnahmen sind allerdings nicht
zu vergessen; ein Muster sorgfältiger Pflege ist der

Bamberger Domschatz. In der gegenwärtigen Zeit, wo
wir uns stärker auf unseren nationalen Kunstbesitz
besinnen, muß auch die Stellung der Domschätze sich
ändern. Mit dem einfachen Verschließen der Schatz-
kammern, wie es seit dem letzten Jahre vielfach Brauch
geworden ist, sogar mit dem Vermauern, wie im Zitter
zu Quedlinburg, ist es jedenfalls nicht getan. Durch
einen Dauerzustand der Art würde man ein geistiges
Mdliardenkapital nutzlos liegen lassen. Sind doch vor
allem die Domschätze die Stätten, wo wir die Kunst
des deutschen Mittelalters, speziell der Blütezeit vom
10. bis 13. Jahrhundert kennen lernen. Die Gold-
schmiedekunst, die Elfenbeinschnitzerei, die Textilkunst
und die Buchmalerei von der Ottonen- bis zur Hohen-
staufenzeit kann man ohne die Kirchenschätze überhaupt
nicht studieren. Wer aber, selbst von Fachgenossen,
Hand aufs Herz, hat die Domschätze von Halberstadt,
von Bamberg, Hildesheim, Quedlinburg, Münster,
Paderborn, Aachen, Trier und Köln, die Domschätze
Süddeutschlands und Österreichs dieser ihrer Bedeutung
nach voll und ganz würdigen können. Seit der
Düsseldorfer Ausstellung 1902, die in Falkes monu-
mentalem Werk festgehalten wurde, haben diese
Kleinodien deutscher Kunst in der Mehrzahl ihr Leben
im Verborgenen weitergefristet. Welchen ungehobenen
Schatz an technischen Anregungen bieten z. B gerade die in
den Museen nur spärlich zu findenden Goldschmiede-
arbeiten des hohen Mittelalters mit ihrer hochentwickelten
Kunst des Treibens, Gießens, des Filigrans, der

Gravierung, der Punzierung, der Schmelzarbeit und der
Steinfassung dar! Und wie sehr muß gerade die nach
Stilisierung strebende Kunst unserer Zeit von dem

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