Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

Page: 253
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Bode übet? „Kunftexpet?tife dut?cb
Röntgen{ft?ablen“.

Einem Pariser Bericht der Neuen Zürcher Zeitung zufolge
hat Dr. Andre Cheron die vor dem Kriege in Deutschland ge-
machten Versuche wieder aufgenommen, „die Röntgenstrahlen
der Kunstexpertise und Kunstgeschichte dienstbar zu machen“.
Diese „Versuche“ sind kürzlich der französischen Akademie der
Wissenschaften vorgelegt worden und es heißt jetzt, daß es
„möglich“ sein soll, „mit Hilfe der X-Strahlen das ungefähre
Alter eines Bildes zu bestimmen oder in einem strittigen Falle
die Frage nach der Authentizität zu entscheiden“.

Um nun zur Aufkläruug dieser kunstwissenschaftlich un-
diskutierbaren Angelegenheit beizutragen, hat sich „Der
Kunstwanderer“ an Geheimrat Dr. Wilhelm von Bode
mit der Bitte um seine Meinung gewendet. Bode schreibt uns:

„Schon bald nach Röntgens Entdeckung kamen
findige Bilderbesitzer auf die Idee, ihre Bilder mit
Röntgenstrahlen durchleuchten zu lassen, und machten
daraufhin die unglaublichsten Entdeckungen. Die
schönsten Namen: Raphael, Rembrandt, Tizian usw.
waren „deutlich“ zu lesen, oder unter einer Kopie von
Dietrich ließ sich „deutlich“ die Malerei von Correggio
entdecken usw. Alles Mumpitz! Es ist allmählich
auch davon still geworden, aber ganz werden sich
diese „Entdecker durch Röntgenstrahlen“ doch nicht
beruhigen lassen, so wenig das Geschlecht der Ent-
decker von den Inschriften auf den Bildern, die sie
aus Rissen, Schmutzflecken usw. in der Malerei zu-
sammenphantasieren, aussterben wird. Es ist dies
„neue Mittel zur sicheren Bestimmung von Kunst-
werken“ ein Gegenstück zu dem berühmten „Wünschel-
ring“, der den gleichen Zweck erfüllen soll!“

Scbmtt^ und Rotbetmiund.

Die Sammlungen tuenden nicht aufgelöli.

Man schreibt uns aus Dresden: Über die Dresdner
Kunstverhältnisse werden wieder einmal seltsame Nachrichten
verbreitet. Zunächst über die angebliche Auflösung der Samm-
lungen Schmitz und Rothermun d in Dresden-Blasewitz und
dann überden NeubauderDresdnerGemäldegalerie.
Da liest man: „Zwei der bedeutendsten Privatgalerien Deutsch-
lands, die Dresdner Sammlungen Schmitz und Rothermund werden
jetzt aufgelöst, ein Zeichen mehr dafür, daß die schöne Ent-
faltung im Kunstsammelwesen, die die Jahrzehnte von 1895—1914
brachte, vorläufig vorüber ist usw.“ Richtig ist an dieser noch
weiter ausgesponnenen Nachricht, daß die beiden Herren die
Hauptstücke ihrer bedeutenden Sammlungen der Dresdner Ge-
mäldegalerie als Leihgabe überwiesen haben und daß Herr
Rothermund ein paar Gemälde verkauft hat. Im übrigen denken
die beiden Herren nicht daran, ihre Sammlungen aufzulösen.
Herr Schmitz, welcher Schweizer ist, hat im übrigen seine fran-
zösischen Gemälde bereits 1919 nach seinem Heimatlande ver-
bracht.

Die andere „Nachricht“ lautet, das sächsische Gesamt-
ministerium habe beschlossen, den schon im Frieden bewilligten
Neubau der Gemäldegalerie baldigst ausführen zu
lassen. Richtig ist nun folgendes: „Das Ministerium hält aller-
dings den Bau für nötig, sieht aber keine Möglichkeit dafür,
neue Staatsmittel anzufordern. In Aussicht genommen ist aber,
den Neubauzu beginnen oder fortzusetzen, „sobald die rechtlichen
Möglichkeiten gegeben sind, eigene Einnahmen der Sammlungen
hierfür mit zu verwenden.“ — Durch diesen pythischen Spruch
soll jedenfalls angedeutet werden, daß das Ministerium gern
einen Teil der großen Einnahmen aus den beiden Verkäufen
von Gemälden, Waffen, Porzellan- und Elfenbeinarbeiten aus den
Dresdener Sammlungen — über die der „Kunstwanderer“ s. Zt.
berichtet hat — zum Neubau der Galerie verwenden möchte,

daß dies aber zur Zeit nicht möglich ist. Nach den Ankündi-
gungen von den beiden Versteigerungen sollten die erzielten
Einnahmen nur zum Kauf anderer Kunstwerke für die betreffen-
den Sammlungen verwendet werden. Man erzählt hier auch,
der frühere König Friedrich August von Sachsen habe gegen die
Versteigerungen überhaupt und gegen die Verwendung der er-
lösten Gelder zu Bauten im besonderen Einspruch erhoben.

Bredius und feine Gemälde?
Sammlung tm Jvlautntsbuts.

Laut holländischen Blättermeldungen, die zum Teil auch ihr
Echo in der deutschen Presse fanden, „soll Dr. A. Bredius
planen, seine berühmte dem staatlichen Museum Mauritshuis im
Haag geliehene private Gemäldesammlung zurückzuziehen und
sie zunächst noch für ein Jahr im Amsterdamer Gemeindemuseum
sehen zu lassen. Es handelt sich um etwa 25 Bilder, worunter
sich drei erstklassige Rembrandt, ein Delfter Vermeer usw.
befinden.“

Daß kleine Ursachen große Wirkungen haben können, paßt
sicherlich auch auf den Zwischenfall Bredius. Der hochverdiente
Kunstgelehrte und Forscher hatte 1S09 nach seinem Rücktritt als
Direktor des genannten Museums, dem er 20 Jahre hindurch in
erfolgreichster Weise vorgestanden hatte, von der holländischen
Regierung den Ehrentitel als „Adviseur bei der Königlichen
Gemäldegalerie“ bekommen. Dadurch, daß nun kürzlich in einer
Ankaufsangelegenheit, entgegen seinem ausdrücklichen Rat, von
den zuständigen hohen Amtsstellen anders entschieden wurde, ist
Dr. Bredius enttäuscht und geärgert. Eine Reihe von noch weiter
dazu gekommenen Momenten mußte seine Verärgerung dermaßen
steigern, daß er den erwähnten Ehrentitel niederlegte und sich
zu den bereits erwähnten Maßregeln genötigt zu sehen glaubte;
seine Beschwerden sind nicht so sehr gegen einzelne Personen
gerichtet, als vielmehr dadurch zu erklären, daß er in allem, was
vorgefallen war, ein offenbares Verkennen und Mißachten seiner
weltbekannten Verdienste als größter Kenner und hochherzigster
Förderer von Hollands künstlerischer Vergangenheit sehen mußte.

Es wäre sehr zu hoffen und zu wünschen, daß der Sturm
noch bei Zeiten durch versöhnende Maßregeln der inkriminierten
Autoritäten beschworen würde, damit der Haag nicht jene Zierden
seines jetzt so unvergleichlichenMuseumsverliere, — des Museums,
das ja gerade der Tätigkeit seines ehemaligen Direktors Bredius
und dessen dort seit Jahrzehnten geliehenem Kunstbesitze mit
seinen Weltruhm zu danken hat.

Aus dev jvtufeumsiüelt

Kunffballe Hambucg.

Man schreibt uns aus Hamburg: Im Lokal des Kunst-
vereins findet gegenwärtig eine Ausstellung der Hambur-
gi sehen Sezession statt, die einen guten Überblick über
die in Hamburg tätigen jüngeren Kräfte gewährt. Außer den
anerkannten einheimischen Künstlern, den Malern Ahlers-Hester-
mann, Stegemann, Tügel, Blohrn, den Damen Povorina, del Banco,
Wohlwill, den Bildhauern Opfermann, Wield sind diesmal auch
einige Auswärtige, sogar Ausländer vertreten: von Derain ein
recht guter Rückenakt einer Frau, von Vlaminck eine seiner
farbenbewegten Landschaften, von Othon Friesz ein gutes Wald-
bild, von Marie Laurencin einige kleine geschmackvoll launen-
hafte Kompositionen in Grau, Rosa und Blau. — Dazu kommen
vereinzelte Proben von Schmidt-Rottluff, Paul Klee und Jawlenski,
gleich den Franzosen aus hamburgischem Privatbesitz entliehen.
Das Gesamtbild ist ziemlich einheitlich expressionistisch, zumal
sich einige, die es früher anders verstanden, wie Stegemann und
Wield, inzwischen zu expressionistisch-dionysischer Ungebunden-
heit bekehrt haben

Der Bau der Kunst halle geht langsam seiner Voll-
endung entgegen. Geschlossen sind noch im Neubau das Kupfer-
stichkabinett, die Räume der Verwaltung, der große und kleine

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