Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

Page: 294
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Im Anschluß an meine Ausführungen im 2. Februarheft
des „Kunstwanderers“ über die Sammlung griechischer
Münzen des Prof. Pozzi in Paris, die am 4. April
in der Galerie Fischer in Luzern zur Versteigerung ge-
langt, seien hier noch einige wenige unter den hervor-
ragendsten Stücken des Katalogs an der Hand von
Abbildungen (nach Clichees, die von der Auktionsfirma
gütigst zur Verfügung gestellt wurden) besprochen. Unter
den s i z i 1 i s c h e n Münzen erscheint als eines der
feinsten Meisterwerke der Stempelschneiderkunst das
Vierdrachmenstück von Akra gas, dem heutigen
Girgenti, No. 389, mit zwei Adlern, die einen Hasen in
ihren Fängen tragen, und dem Seeungeheuer Skylla
unter einem Krebse; die Einzelteile der wundervollen
Bildkomposition sind hier in vollendeter Weise dem
Münzrund angepaßt. Auf der Münze von Katane
(heute Catania) No. 406 fesselt das Bild eines menschen-
köpfigen Stieres, in dem die Griechen ihre Flußgötter
darzustellen pflegten, und über ihn wegspringend ein
langschwänziger Silen, auf der Rückseite eine zartge-
wandete Nike. Von unvergleichlicher Vornehmheit und
Reinheit des Stiles ist der Kopf eines jugendlichen Fluß-
gottes, den drei köstlich gezeichnete Fische umspielen,
auf der Münze von Gje 1 a No. 445. Das Stück von
Himera No 456 bietet ein reizendes Genrebildchen:
die zierlich gekleidete Stadtgöttin opfert über einem Altar,
daneben steht in einem Brunnenbassin ein kleiner Silen
und läßt mit Behagen das Wasser einer mit Löwenkopf
geschmückten Fontäne sich über den Rücken plätschern.
Mit solchen Münzen scheinen die Himerär Reklame für
ihre im Altertum berühmten heilkräftigen Bäder (heute
Termini) gemacht zu haben.

Zu den prächtigsten Denkmälern griechischer Klein-
kunst überhaupt gehören die silbernen Zehndrachmen-
stücke von Syrakus. Erstmalig geprägt nach der
Besiegung der Athener am Assinarosfluße im Jahre 415
vor Chr., hat in ihnen die Idee einer Siegesmünze wohl
den schönsten Ausdruck für alle Zeiten gefunden.
No. 609 ist eine Arbeit mit der Signatur des Künstlers
Kimon, No. 614 eine solche mit der des Künstlers
E u a i n e t o s. Beide Male ist mit der zweien Meister-
individualitäten entsprechenden Vollendung der Kopf
der Stadtgöttin, der Quellnymphe Arethusa, und ein
von der Siegesgöttin bekränztes Viergespann in
vollem Laufe, darunter Waffenstücke als Spielpreise,
dargestellt.

Aus dem makedonischen Griechenland
kommen die folgenden Münzen der Sammlung:
No 737 der Stadt Terone mit einer Kult des
Dionysos und blühenden Weinhandel kündenden trauben-
geschmückten Amphora von vortrefflicher Zeichnung —
No. 753 des chalkidischen Bundes, in Olynthos
vor Eroberung der Stadt durch König Philipp II
358 vor Chr. geprägt, mit einem sanften lorbeergezierten

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Kopfe des Apollon und seiner Leier — endlich No. 785
Men de, wo wiederum Weinfreude zu einem aufs
höchste gesteigerten künstlerischen Ausdruck gelangt ist:
hier lagert Dionysos oder Silen mit Schlauch und Trink-
becher in anmutiger Haltung auf dem Rücken eines
Esels, davor ein Rabe in einem Efeuzweig, auch die
Rückseite ziert ein hübscher Rebenstock.

Die Geldstücke No. 808, 1014, 1038 entstammen
thrakischen Münzstätten des 5. und 4. Jahrhunderts
vor Chr. Auf der ersten von A m p h i p o 1 i s sehen
wir Apollon in wallendem Lockenhaar einer Zeit-
mode entsprechend en face dargestellt, dazu eine
brennende Handfackel, ein kleiner Dreifuß ist darunter,
an die Wettläufe mit brennenden Fackeln zu Ehren der
Artemis erinnernd. Die beiden anderen, von Ainos,
zeigen uns den Kopf des dort verehrten Gottes Hermes,
das eine Mal im Profil von der Seite im strengen Stile
des 5. Jahrhunderts, das andere Mal von vorne in der
weicheren freundlicheren Art des folgenden Säkulums,
immer begleitet von den ihm geheiligten Tiere, dem
Ziegenbock.

Aber die Krone für die Gestaltung eines jugend-
schönen Männerkopfes mit der den Griechen eigenen
Idealität verdient wohl das Apollonhaupt en face der
Münze No. 2399 der jonischen Stadt Klazomenai.
Weiter, möchte man von diesem Meisterwerke der Griffel-
kunst in Anwendung eines Winckelmannwortes sagen,
kann der menschliche Begriff von Schönheit nicht gehen.
Ein ebenso wundervoll geformter Schwan schmückt die
Kehrseite dieser Münze, die das Exemplar der aufge-
lösten Sammlung des Kopenhagener Bürgermeisters
Philipsen ist. Sie war früher mit einer etwas störenden
Oxydschicht überzogen und hat durch geschickte
Reinigung, der sie der neue Besitzer unterzog, offenbar
sehr gewonnen.

Als eines der Hauptstücke der Pozzisammlung in
Bezug auf Seltenheit, bildlichen und künstlerischen Reiz
darf der Stater No. 2010 der kretischen Stadt Sybritia
gelten: der seine Sandalen bindende Hermes, ein Motiv
lysippischer Kunst, hat hier als Gegenbild einen auf
einem Panther dahinjagenden Dionysos.

Unübertreffliches hat bekanntlich die griechische
Münzkunst auch in der Wiedergabe lebensvoller
Herrscherbildnisse geleistet. Hiervon mögen die beiden
Vierdrachmenstücke No. 2091 und 2092 des pontischen
Königs Mithradates IV. (169—150 vor Chr.) und
seiner Gemahlin L a o d i k e eine Probe geben, die in
ihrer ausgezeichneten Erhaltung auch Seltenheiten ersten
Ranges sind; ferner das prunkvolle Goldstück No. 3236
der Berenike, jener Königin des ptolemäischen
A e gyp t e n s, die für die glückliche Heimkehr ihres Gatten
aus einem Feldzuge ihr Haar der Aphrodite weiht, das
dann von dem Hofastronomen als Sternbild am Himmel
wiederentdeckt wird.

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