Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

Page: 357
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstwanderer1920_1921/0365
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
und ist bekleidet mit einem hemdartigen Gewand, das
um die Hüften von einem zweistreifigen Band gegürtet
ist, dessen Enden nach vorn herabhängen. Die Art der
Kopfbedeckung weist die
Arbeit sofort in die Zeit
der vollen Türkenherrschaft,
wie der primitive Stil über-
haupt nicht zu frühem
Zeitansatz verführen darf.

Das Merkwürdigste an ihr
ist das Motiv selbst: ein
Grabstein mit skulpierter
menschlicher Figur, also die
Hauptform des westlichen
Grabmals seit dem Mittel-
alter, die im Osten aber
unbekannt blieb oder nicht
nachgeahmt wurde. Es ist
das erste Beispiel der Ver-
wendung des westlichen
Typus im Osten, das nunmehr bekannt wird.

Dieses Verhältnis der Abhängigkeit vom Abendlande
scheint mir für die Annahme einer armenischen Arbeit zu

sprechen. Denn für die spätere armenische Kunst ist
gerade die Aufnahme abendländischer Kunstprinzipien
oder besser ihre Nachahmung, die gelegentlich zu ganz

originellen Mischtypen führt,
charakteristisch. Die Tracht
sagt mir nichts; ich kenne
nichts Analoges, auch die
Verwendung des Bechers
vermag ich nicht zu
deuten. Aber auf Armenien
weist wieder die Relief-
technik hin.

Die Wahrung der ein-
heitlichen Vorderfläche, das
Herausarbeiten von Körpei
und Schatten aus dem
Grunde entspricht voll-
kommen dem Schnitzstil
armenischer Holzplastik.
Als Zeitansatz würde mir
das 17. Jahrhundert zu früh, das frühere 19. als nicht
ganz ausgeschlossen, am wahrscheinlichsten aber das
18. erscheinen.

Abb. 1

6in lugendbt?tef von fians Jvlakavt

Aus dev Dokumentenfammlung Dat?mffaedtet? det? Pt?eußi(eben Staatsbibliothek

mitgefeilt oon

L Dat?mftaedtet? und 7» Schuftet?

Unter den vielen interessanten Briefen, die der Nach-
laß von Gustav Freytag birgt, fiel uns ein kleines
Blatt aus der Jugendzeit von Hans Makart auf,
das wohl einer der wenigen Briefe sein dürfte,
die aus der Zeit stammen, wo der berühmte Kolorist
noch wenig bekannt war. Dieses Blatt ist seiner
Zeit durch die Mutter des Künstlers, Katharina Makart,
die ihren so früh dahingerafften Sohn um fünfzehn Jahre
überlebte, an Frau Anna Strakosch, die spätere Gattin
von Gustav Freytag, gelangt. Am 28. März 1885 schrieb
Makart’s Mutter — Makart starb schon 1884 im Alter von
44 Jahren — an Frau Strakosch: „Gleichzeitig erlaube ich
mir, weil Frau von Strakosch eine so große Verehrerin
meines mir unersetzlichen Sohnes sind, einen Brief aus
seiner Jugendzeit, wie er noch in der Piloty-Schule war,
als Andenken zu senden, da ich sonst nichts anderes
von seiner Hand besitze.“

Der Brief rührt aus der Zeit her, wo Makart bei
Karl Piloty studierte. Es war ein bedeutsames Ereignis
für Makart’s künstlerische Entwicklung, als Ferdinand
Piloty den Lieblingsschüler seines Bruders 1863 mit nach
Italien nahm, wo sich ihm schon frühzeitig die kolo-
ristischen Wunder der verschiedenen italienischen Schulen
erschlossen.

Wir geben das interessante Dokument aus der

Jugendzeit des Künstlers in seiner eigenen Orthographie
wieder. Es ist ein hervorragendes Selbstzeugnis zur
Geschichte und Biographie der eigenartigen Persönlich-
keit Makart’s, die der eindringenden Würdigung noch
immer wartet.

Briefe von Makart sind selten. Auf einer Visiten-
karte des Künstlers, ebenfalls im Freytag’schen Nachlaß,
finden sich mit Blei die Worte hingeworfen: „bei Tag
von schönen Frauen belagert — Abends nie zu Hause,
komme ich nicht zum Schreiben.“

Von privater Seite, der wir unsere Absicht, den
Makart-Brief zu veröffentlichen, mitgeteilt hatten, wurde
uns dankenswerter Weise die hier reproduzierte Zeich-
nung zur Verfügung gestellt. Das aus dem Nachlaß des
Meisters stammende Blatt stellt ihn selbst zeichnend in
der Umgebung einer schönen Frau und eines Freundes
dar. Im Gegensatz zu Makart’s sonstiger Art mutet die
Auffassung geradezu impressionistisch an.

Der Brief Makart’s lautet:

Liebste theuerste Mutter!

Du wirst staunen wenn Du das fremde Postsiegel
siehst u. doch ist es wahr, ich bin in Rom in der
ewigen Stadt Rom. O wie prächtig wie riesenhaft ist
hier Alles die Kunstdenkmale wie die Natur, alles grün.
Die Bäume voll reifer Orangen, Zitronen, Datei die

357
loading ...