Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

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2. Dezcmberheft

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Otto öüautoff

„Der Kunstwanderer“ traf mit dem Berliner Kunst-
historiker Dr. Otto Grautoff die Vereinbarung, über die
wichtigsten Ereignisse des Pariser Kunstlebens von heute
zu schreiben. Grautoff, der sich zu diesem Zwecke
einige Zeit in der französischen Hauptstadt aufhielt,
sendet uns nun den ersten Artikel über seine Pariser
Kunstwanderungen.

Seit Kriegsende ist Paris um eine — wenn auch nur
vorübergehende — Sensation reicher geworden.
Das sind die Museumspremieren.

Es ist den Kunstfreunden aller Länder bekannt, daß
vor und während der Beschießung von Paris die meisten
Museen geräumt worden sind. Nach Friedensschluß
wurden die Kunstschätze wieder zurück in die Haupt-
stadt geführt. In einigen Sammlungen wurden die Bilder
wieder an die alte Stelle gehängt, die Statuen wieder auf
ihren Platz gestellt und alles blieb wie früher. Die
meisten Konservatoren aber haben die Gelegenheit be-
nutzt die Säle neu zu streichen, die Bilder gründlich zu
reinigen und eine Neugestaltung ihrer Sammlung vor-
zunehmen. Am entschiedensten und durchgreifendsten
hat in diesem Sinne die Louvreverwaltung gearbeitet
und innerhalb der Louvreverwaltung die Gemäldedirektion.
Ist eine Abteilung der Galerie fertig gestellt, werden
Einladungen zu ihrer Besichtigung versandt und die
Minister eröffnen die neugestalteten Säle.

Zu diesem feierlichen Akt, über den die Presse wie
über Theateraufführungen berichtet, hat heute ein Deut-
scher natürlich keinen Zutritt. Man versäumt nicht viel;
denn offizielle Besichtungen sind für den Kunstgenuß
nicht sonderlich geeignet.

Wenige Tage, bevor ich in Paris eingetroffen war,
waren die beiden großen Säle der französischen Malerei

des XVII. und XVIII. Jahrhunderts in dieser Weise feier-
lich eröffnet worden. Die Einweihung dieser Galerie-
abteilung wurde dadurch besonders bedeutungsvoll, da
bekannt wurde, daß Paul Jamot, einer der Konservatoren
des Louvre, dem Museum aus eigenem Besitz ein Ge-
mälde des Nicolas Poussin stiften werde. Das Gemälde
ist eine im Lebenswerk des Meisters wohl bekannte
Komposition, schien aber verschollen: Achilles unter den
Töchtern des Lykomedes. Es gibt zwei Fassungen dieses
Bildes. Dieses Exemplar ist die erste und stammt
aus der mittleren Lebenszeit des Künstlers. Noch hat
diese Neuerwerbung in der Galerie keinen Platz gefun-
den. Das Bild wird den bisherigen Bestand des Louvre
an Werken Poussins aufs Glücklichste ergänzen. Der
Meister tritt nach der Umwandlung der Galerie wirkungs-
voller in Erscheinung. Die kalte Pracht des Riesensaales
ist gefallen. Vier halbhohe Seitenwände sind in den
Raum eingefügt, durch die eine bessere Lichtführung er-
zielt worden ist. Die Strahlung durch das Oberlicht
schwimmt nicht mehr durcheinander. Einige Möbel,
Skulpturen und Vasen geben sowohl diesem Saal wie
demjenigen, in dem die Malerei des XVIII. Jahrhunderts
vereinigt ist, mehr Intimität. Die rhythmische Aufreihung
der Bilder nimmt den Sälen den früheren, magazinartigen
Charakter. Poussins Gemälde sind mit besonderer Liebe
gehängt. Das ist verständlich, da die Museumsverwaltung
in Paul Jamot und Louis Demonts zwei besondere
Kenner besitzt. Sie sind nicht wahllos aufgereiht,
sondern in wirkungsvollen Akzenten verteilt. Allein,
es scheint den Konservatoren garnicht nur darauf
angekommen zu sein, den Hauptmeister der Zeit beson-
ders herauszuheben. Zwischen den Poussinbildern

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