Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

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Kunftausftellungeru

Aus deta Beclinec Kunlifalons.

Die „Saison“ hat wieder begonnen. Man wandert durch die
Kunstsalons und sucht nach „Schlagern“. Aber nicht überall ist
schon Leben, Bewegtheit, Neuheitstrieb; denn manche Salons
warten noch bis zum Oktober.

Wir kunstwandern also. Und platzen vom beschaulichen
Künstlerhause, wo die Ausstellung „Berliner Straßen-
namen im Bildnis“ eine Galerie zumeist gestochener Por-
träts vorführt von Friedrich I. von Preußen (siehe „Friedrich-
straße“), bis zu Kleist, dem Grafen von Nollendorf, (siehe „Kleist-
straße“) und bis zu Böcklin (siehe „Böcklinstraße“ in Berlin O) mitten
hinein in das expressionistische Gewoge bei Ferdinand Moeller.
Heinrich Tischler ist hier Trumpf. Er bringt Paletten um
Paletten (denn „Gemälde“ sind das nicht). Farbe hat er, aber
sein grotesker Sinn, den es halb zu kubistischen, halb zu ex-
pressionistischen Formen und Formeln hinzieht, wirft die Masken
(denn Gestalten sind das nicht) wild durcheinander. Ruhiger ist
er schon im Aquarell. Wenn er Köpfe malt, gibt er so etwas wie
„Plastik“. Wir wollen aufmerksam verfolgen, ob er noch auf die
richtigen Wege kommt. Das Zeug dazu hat er.

Auch Leo Prochowniks Malerei — erstellt bei Carl
Nicolai aus — scheint mir noch entwicklungsfähig. Ihre Note
ist allerdings nicht von literarisch-expressionistischer Schattierung,
sondern vom künstlerischen Hodler beeinflußt und von Willumsen,
der das Element „Sonne" einmal so ornamental behandelt hat
wie es heute Prochownik versucht. Immerhin: Prochownik hat
ein malerisch-dekoratives Können, das in glühenden Farben von
oft seidenem Schimmer schwelgt. Man denkt an Teppiche,
Goblins, Stickereien . . .

Die Neue Kunsthandlung bringt Jakob Steinhardt.
Er ist unter den „Neuen“ nicht nur einer der interessantesten,
sondern auch stärksten Graphiker. Und eine Individualität. Die
Naturalistik seiner prachtvollen Kohlezeichnungen von 1907, die
man in den Kreisen der Jüngsten schon „akademisch“ nennen
dürfte, weicht heute einer mystisch-beseelten Darstellung, deren
Gesichte und Gestalten uns packen. Steinhardt zeichnet das
Ghetto des Ostens, aber er erzählt es nicht nach, sondern er erlebt
es mit all seiner lyrischen Gespensterhaftigkeit, seiner tragischen
Bitternis, seiner schreienden Qual, seiner mißverstandenen Scheu-
heit, seiner tausendjährigen Gottergebenheit. Und all seiner Un-
gehobeltheit, Kantigkeit, Ungeglättetheit. Manches Einzelblatt da
mag vielleicht im Augenblick wirr erscheinen, doch das Werk als
Ganzes ist voll der Impulsivität eines herangereiften Talents, das
seine Höhepunkte hat in dem radierten Cyklus „Litauische Juden“
von 1919 und der Holzschnittfolge „Die 10 Plagen“ von 1920.

Adolph Donath.

Kunff auktio neru

Seltene Büchet? bei ]vtax Pet?l in Berlin.

Das Buch- und Kunstantiquariat Max Perl versteigert vom
21. bis 23. Oktober eine Büchersammlung aus Literatur und Kunst,
die sich zum größten Teil aus Nachlässen bekannter Bibliophilen
zusammensetzt. Der soeben erschienene Katalog zeigt, daß es
sich um eine Sammlung handelt, in der sich hervorragende Quali-
täten und Raritäten befinden. Wir haben hier Werke aus der
deutschen Literatur der klassischen und romantischen Periode,
des jungen und jüngsten Deutschland, darunter Erstdrucke
von Goethes Werther, Tasso, Diwan, Wahlverwandtschaften etc.
Heines Buch der Lieder, Keller, Grüne Heinrich, Hauptmann,
Weber etc. etc. Ferner finden wir die Hauptwerke der Welt-
litaratur in schönen Ausgaben, darunter eine Fülle illustrierter
Bücher, besonders des 18. Jahrhunderts: Ein Exemplar des be-
rühmten Boccaccio,Decamerone, illustriert von Gravelot
1757 in Probedrucken, von Derome in Maroquin gebunden, ferner
das von Freudeberg illustrierte Werk Marguörite de Na-
varre in einem herrlichen Zustand, ferner ein vollständiges
Exemplar von R e t i f de la Bretonne Contemporaines mit

sämtlichen Kupfern von Binst und andere interessante und seltene
Werke dieser Kunstepoche. Aber auch die Illustratoren des
19. Jahrhunderts sind gut vertreten. Neben Daumier, Ga-
varni, Grandville, Monnier finden wir ein Pracht-
exemplar der Werke Friedrichs des Großen mit den Holzschnitten
von Menzel, und zwar in der berühmten Fürstenausgabe, die
nur zu Geschenkzwecken bestimmt war und seit ca. 20 Jahren
nicht mehr öffentlich ausgeboten wurde. Außerdem sind allerhand
gute Werke aus der Geschichte: Kultur- und Kunstgeschichte,
sowie Werke der Topographie, große Kupferstich- und alte Reise-
werke in reicher Anzahl vorhanden. Den Beschluß des Katalogs
bildet eine ausgezeichnete Kollektion moderner deutscher und
ausländischer Luxusdrucke in kostbaren Handeinbänden berühmter
Buchbinder, wie sie selten auf dem deutschen Markte Vorkommen
dürften. Für die Welt der Bibliophilen bedeutet diese Auktion
bei Perl zweifellos eine Attraktion.

Dresden.

Der Katalog der für den 12.—14. Oktober festgesetzten
Versteigerung der Doubletten aus den Sächsischen
Staatsammlungen, die der „Kunstwanderer“ bereits im
zweiten Augustheft ausführlich würdigte, ist soeben erschienen.
Er vermerkt 1759 Nummern. Im Vorwort des vom Kunstauktions-
hause Rudolph Lepke in Berlin herausgegebenen, reich
illustrierten und wissenschaftlich bearbeiteten Katalogs — Lepke
führt die Auktion im Sächsischen Kunstverein in Dresden durch —
wird betont, daß die Versteigerung der Doppelstücke den staat-
lichen Sammlungen „weitere Mittel zu neuen Erwerbungen“ ver-
schaffen soll. Man darf dieser bedeutenden Auktion von Meißner,
China- und Japan-Porzellan, von Waffen, Elfenbeinschnitzereien
usw. mit Spannung entgegensehen.

fttanKfuct a. )M.

Soeben erschien der Katalog der ersten Herbstversteigerung
der Frankfurter Messe, die vom 7.-9. Oktober stattfinden
wird. Die Ausstellung des Versteigerungsgutes wird mit der
Ausstellung des deutschen Kunsthandels im Römer verbunden
sein. Der Katalog gibt ein ungemein reiches Bild aus allen Ge-
bieten künstlerischer Arbeit, uud zwar in einem Material, das, von
wenigen Ausnahmen abgesehen, unbekannt ist, und noch niemals
zum öffentlichen Verkauf angeboten war. Der Katalog enthält
989 Nummern und 170 Abbildungen, die trotz des bequemen
Taschenformates eine gute Vorstellung der Hauptkunstwerke ver-
mitteln. Der Inhalt ist wissenschaftlich abgefaßt und von den
Direktoren der Frankfurter Museen überprüft. Von besonderem
Wert dürfte für den Sammler das Vorwort Georg Swarzenskis
sein, das mit dem Satze schließt: „Der Katalog enthält aus-
schließlich Arbeiten, deren Echtheit gewissenhaft geprüft ist;
alles Zweifelhafte wurde zurückgewiesen. Deshalb werden auch
die bescheidensten Gegenstände, die zur Versteigerung kommen,
den Liebhaber interessieren können.“ In einem zweiten Artikel
würdigt Dr. Friedrich Lübbecke die Bedeutung der Frankfurter
Kunstmesse und ihrer Kunstauktion.

Köln.

Bei Math. Lempertz in Köln wird am 19. Oktober eine
Kollektion von Gemälden älterer Meister versteigert, unter denen
sich eine größere Anzahl importanter Werke aus den Beständen
des Landes-Museums, Darmstadt befinden. Zur Ab-
rundung sind die Gemälde aus dem Nachlasse Frau Julius
Joest, Godesberg und der nicht unbedeutende Besitz
eines norddeutschen Sammlers hinzugefügt. Es handelt sich
meistens um Werke der italienischen und niederländischen Schulen
des 16. und 17. Jahrhunderts. Der mit 10 Lichtdrucktafeln aus-
gestattete Katalog verzeichnet unter seinen fast 300 Nummern
u. a. folgende Meisternamen: C. P. Berchem, J. H. Roos, J. F.
Beschey, M. J. van Miereveit, Meister der weiblichen Halbfiguren,
W. C. Heda, Ch. W. Hamilton. H. Rigaud, Sir Peter Lely, Marinus
van Rumerswale, Chr. Allori, Jean Jouvenet, P. Molijn, Lucas von

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