Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

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Briefe 1* X li)mckelmantVs an feinen Derteger

Aus dev Dok.umentcnfamm[ung Dacmffaedtec den Pt?cußtfcben Staatsbibliothek I.

mifgeteilt oon

L Daernftaedtei? und 1. Schuftet?

Am 9. Dezember 1917 sind zweihundert Jahre vergan-

gen, seitdem Johann Joachim Winckelmann geboren
ward. Wer glaubte, den über die Atmosphäre des Wider-
strebens erhabenen Heros der Kunst des Altertums in
seinem Ethos und Pathos erstehen zu sehen, vernahm
kaum mehr als philologische Grabreden. Und das dem
Atanne, dem Gefühl alles war, der nur erfühlend verstan-
den werden kann! Goethes subjektiv impressionistischer
Schilderung ist erst in diesem Jahre die expressionis-
tische, im Boden des Historisch-Kritischen fest ver-
ankerte Studie des Lebens und der Wunder Winckel-
manns von Ernst Bergmann gefolgt, die den wohl hier
und da gelockerten, aber nie ganz unterbrochenen Faden
aufs neue knüpft, so daß wir wieder einen Trunk aus
dem Meere der Gedanken und Gefühle Winckelmanns
schöpfen und uns an seinem Strand ergehen können.

Sucht man den Winckelmann, den uns Bergmann
aufs neue geschenkt hat, in seinen Briefen wieder, so
bedarf es des dadurch geschärften Blickes, um unter der
Ruhe des Schaffens die Bewegung der Seele zu er-
schauen. Denn das Leitmotiv seines Lebens, die Ge-
schichte der Kunst des Altertums, war wie diese selbst
seine große Liebe, wie ihr auch die letzten schriftlichen
Anweisungen galten, als ihn zu Triest der mörderische
Dolch traf.

Auf Winckelmanns literarische Ideen, die er aber,
auch hier „vagus et inconstans“, nicht alle ausführte,
sind die Briefe helles Licht zu werfen geeignet, die er
an seinen Verleger, den Hofbuchhändler und Kommer-
zienrat Georg Walther in Dresden (f 1778) gerichtet hat.
Von ihm, der sich des Vertrauens eines Algarotti, Mau-
peretuis, Voltaire erfreute, sagt Winckelmann (28.XI. 1756):
„Ich weiß, ich habe mit einem Manne, der die wahre
Ehre kennt, und der mein Freund ist, und mich lieb hat,
zu tun.“

Von diesen Briefen, deren Zahl auf mindestens 38
sich belaufen muß, sind 11 in den von Karl Wilhelm
Daßdorf 1780 herausgegebenen Briefen Winckelmanns
an seine Freunde gedruckt. Das Original des
3. Briefes (26. IX. 1758) kam 1917 in die Handschriften-
abteilung der Preußischen Staatsbibliothek. In der ge-
nannten Reproduktion fehlt vor dem letzten Absatz der
Passus: „Sollten Sie den Hn. Bianconi ansichtig werden,
so bitte ihn wissen zu lassen, daß ich auf 8 eingeschickte
Nachrichten und Schreiben wenigstens eine Antwort er-
halten könnte.“ Fortgelassen ist auch der von Walther
unterstrichene Schluß des Briefes: „Dem Herrn Monal-
dini werde ich nachdrückl. auf den Hals gehen, und
wenn es verlanget wird, ohngeachtet wir Freunde sind,
ihn gerichtlich seiner Schuldigkeit erinnern lassen. Ich

bedaure, daß ich die Kosten eines theuren Briefes machen
muß, allein da mein Briefwechsel mit dem Hofe unter-
brochen ist, und meine vorgegebenen Freunde so nach-
lässig mit mir verfahren, so muß ich den geraden Weg
nehmen."

Die hier mitgeteilten Briefe sind zu verschiedenen
Zeiten aus dem Autographen-Handel in die Handschriften-
abteilung der Preußischen Staatsbibliothek gekommen;
der erste aus der Sammlung v. Radowitz, der 5. befindet
sich in der Dokumenten-Sammlung Darmstaedter (von
Boerner in Leipzig gekauft.) So sind von der offenbar
schon frühzeitig zerstreuten Korrespondenz durch plan-
volles Sammeln 6 wieder vereinigt. Es ist sicher, daß
in Autographen-Sammlungen und in Bibliotheken noch
eine Anzahl hierher gehöriger Briefe erhalten sind, die
für eine kritisch-historische Ausgabe der Briefe Winckel-
manns, die ebenso Desiderat wie Ehrenpflicht der Alter-
tumskunde ist, von Wert sind. Einen solchen Brief
(29. I. 1763) hat aus seiner Privatsammlung Dr. Segelken
1917 in seinem Lebensbericht Winckelmanns veröffent-
licht, einer Arbeit, die zu rascher Orientierung ein zu-
verlässiger Führer ist. Unter Hinweis hierauf und auf
die zitierte Literatur bedürfen die folgenden Briefe keiner
besonderen Erläuterung. Der Schlußsatz der Briefe 2
und 5 ist bekannt, da Daßdorf ersteren einem Brief vom
8. XII. 1759 als Schluß angehängt hat, letzteren dem
Brief vom 22. V. 1760, ohne jedoch dies anzugeben oder
kenntlich zu machen.

Der Inhalt ist echt Winckelmannisch. Er charakteri-
siert den römischen Winckelmann, der vierzigjährig mit
kaum bewußter Zielsicherheit die große Idee seines
Lebens ausführt, die er mit 26 Jahren, als Lehrer grind-
köpfiger Kinder zu Seehausen, gefaßt hatte — jetzt
„durchgedrungen nach Rom“, wie Goethe unübertrefflich
von Winckelmann sagt, Freund, nicht nur Bibliothekar
des Kardinals Alexander Albani, Prefetto delle antichita
di Roma. Hier, in der ewigen Stadt, sind die äußeren
Faktoren gegeben, die den zarten Körper und die labile
Seele des Genies aus Stendal, des Enkels einer lungen-
schwindsüchtigen Großmutter und Sohnes eines epilepti-
schen Schusters, gleich Orest im geheiligten Hain gesunden
lassen, hier sein Wahnfried.

Was für alle Briefe Winckelmanns gilt: Wiederkehr
von Satzgruppen, die aus anderen Briefen bekannt sind,
trifft auch hier zu. Kein Meister des Briefs; ein Ringer,
sein Werk zu vollenden, um es zu erleben; Preuße von
Geburt, Grieche von Konstitution, römischer Abbate von
Beruf; Hellas in sich und sich in Hellas fühlend; ein
rückwärts gewandter Titan, der Gegenwart so fern und
doch so nah; das Wunder: Johann Winckelmann.

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