Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

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Nach Thorvaldsens Tode ermittelte der getreue Eckart
seiner Kopenhagener Spätjahre, J. M. Thiele, sein
Testamentsvollstrecker und nachmaliger Biograph, im Keller
der römischen Wohnung des Meisters eine Unmenge von
Zeichnungen, für die Thorvaldsen — sparsam und
schreibfaul — mit besonderer Vorliebe die immer reich-
lich auf seinem Tisch lagernden, der Beantwortung
harrenden Briefe, Einladungs- und Besuchskarten benutzt
und die er dann eines schönen Tages mit dem ganzen
Ballast seiner Korrespondenz, achtlos, großenteils sogar
zerrissen in dem unterirdischen Verließe begraben hatte.
Der gewissenhafte Thiele machte sich über diese chao-
tischen Stapel her, säuberte, flickte, ordnete und rettete
so dem Thorvaldsen-Museum einen Schatz von mehreren
hundert Zeichnungen des Künstlers, der seither auf
6—700 Blätter vermehrt worden ist. In weiteren Kreisen
haben sie bisher nicht eben viel Beachtung gefunden,
jedenfalls nicht in Deutschland, wo das Barometer der
Würdigung Thorvaldsens seit längerer Zeit auf einem
Tief steht; von einer Ausstellung der Zeichnungen im
Thorvaldsen-Museum im Jahre 1918 zu profitieren haben
uns die Zeitumstände verhindert, und so heißen wir mit
besonderem Interesse eine bei G. E. C. Gad in Kopen-
hagen erschienene, aus Anlaß des 150. Geburtstages
Thorvaldsens von der Museumsleitung herausgegebene
Veröffentlichung willkommen, in der ein halbes Hundert
seiner Zeichnungen in trefflichen Wiedergaben und nobler
Ausstattung zu erfreulichem Strauße vereinigt sind.*) ln
einer Einleitung und kurzen Erläuterungen hat Albert
Repholtz schätzbares Material zum näheren Verständnis
der Blätter kundig und geschmackvoll niedergelegt, und
da die Auswahl mit geschickter Hand Beispiele der ver-
schiedenen Typen und Formen der Zeichenkunst Thor-
valdsens herausgegriffen hat, so wird durch sie sein Bild
als Zeichner rund und lebendig vermittelt.

Wenn Wert und Reiz der Zeichnung überall darin
vornehmlich besteht, daß wir in ihr die künstlerische
Persönlichkeit in immer sich erneuernden Spannungen
und Entladungen und so in ihrer frischesten, ungehemm-
testen Bewegung beobachten, so fällt dieser Vorzug für
Thorvaldsen besonders ins Gewicht. Denn nachdem er
einmal seinen Stil gefunden hat, scheidet aus seinem
Schaffen das Problematische aus; es fehlen darin die
Widerstände, die Hemmungen, die fruchtbaren Begegnungen,
es fehlen die geistvollen Fehlschläge und die triumphieren-
den Überwindungen; die Ausgeglichenheit, die Sicherheit,
die Harmonie seiner Kunst ermüden, weil man darin
nicht mehr die Wärme und die Unruhe des Blutumlaufs
spürt, und die Persönlichkeit droht zu einer präzise
arbeitenden Formel zu erstarren. In den Zeichnungen ist
Thorvaldsen weit interessanter, mannigfaltiger, unruhiger,

*) Thorvaldsens Tegninger. UdgivneafBeslyrelsen
for hans Museum med Text af Albert Repholtz. Köben-
havn 1920.

bewegter. Man sieht ihn sich mit seinen Problemen
auseinandersetzen. Er dreht, wendet, bewegt die Gestalten,
tastet ihre Formen ab, organisiert die Verteilung und
Ausgleichung der Massen; er schiebt die Gruppen hin
und her, korrigiert sich, probiert verschiedene Möglich-
keiten der Motive durch. Hastig, mit kräftigen strömenden
Linien folgt die in solchen Fällen mit Vorliebe von ihm
gebrauchte Feder seiner Ungeduld sich der künstlerischen
Idee zu bemächtigen, sucht sie die Formbeziehungen zu
sichern und zu ordnen und so die plastische Vorstellung
lebendig aufzubauen. Verfolgt man den Werdegang
seiner Ideen von der ersten spontanen Improvisation
über die weiteren Entwürfe und schließlich bis zur end-
gültigen Fassung in der Ausführung, so erkennt man als
typische Erscheinung, daß das Tempo sich fortgesetzt zu
verlangsamen, das Temperament sich zu glätten pflegt.
Eine erste stürmische Federzeichnung zu „Nessus und
Dejanira“ zeigt Gewalt, Kampf und Widerstand, An-
sammlung der Energie in fest zusammengedrängtem Um-
risse; auf einer zweiten aber hat sich der Widerstand
bereits beruhigt und die Gruppe ist in die melodische
Bewegung aufgelöst, die dann auch im Relief festgehalten
wurde. Auf dem offenbar früheren Entwürfe zum „Paris-
urteil“ sind die Gestalten der Göttinnen nackt, in der
Haltung lebhaft und verschiedenartig, der Umriß der
Gruppe spielt in steigender und fallender Wellenbewegung;
späterhin aber werden die nun sittsam bekleideten
Göttinnen reliefartig nebeneinander gereiht, der Umriß
ist streng und ruhig rhythmisiert, die Konzeption hat an
Spannung und Charakter eingebüßt. Besonders auffällig
ist am „Hylas und die Nymphen“ zu beobachten, wie
vom Entwürfe bis zur Ausführung der künstlerische Wille
zahmer, dünner und trivialer wird. In der Zeichnung
kämpfen Gewalt und Liebe um den Jüngling, die Gruppe
ist kräftig zusammengeballt und hat Strom — im Relief
ist sie durch Sonderung der Gestalten gesprengt, die
Bewegung ist in verschiedene Einzelmotive zerfasert,
Gebärden und Bewegungen sind schlaff und matt ge-
worden. Der — wohl von Carstens beeinflußte — Ent-
wurf des den Minotaurus tötenden Theseus, der in einem
bei Thorvaldsen ungewöhnlichem Maße mit dramatischer
und struktiver Energie geladen ist, ist bezeichnender-
weise nicht zur Ausführung gelangt. Oft wird das
Charaktervolle erster Einfälle im weiteren Verlaufe des
Formungsprozesses abgeschliffen und normalisiert. In
der mit hurtigen Strichen die Fläche aufreißenden Zeichnung
des Pan, der einen Satyrknaben die Syrinx lehrt, ist in
den Zügen Pans ein faunisches Grinsen des Wohlgefallens
gegeben, die beiden Gestalten sind ganz in ihre Aufgabe
vertieft und warm-vertraulich aneinander gedrängt; im
Relief ist die Gruppe wohlanständig gelockert, die Auf-
merksamkeit temperiert und Pan ist ein manierlicher
Herr in den besten Jahren geworden. Das Motiv des
den Paris im Frauengemache aufsuchenden Hektors hat

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