Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

Page: 162
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Leo Güdnffein

„Der Kunstwanderer“ wird künftig auch im Rahmen
seiner Ausstellungsberichte aus den europäischen Kunst-
zentren Proben hervorragender moderner Qualitäts-Kunst
veröffentlichen. Heute bringen wir gelegentlich des
Artikels unseres Wiener Mitarbeiters Dr. Leo Grünstein
einige Radierungen des führenden Wiener Graphikers
Ferdinand Schmutzer, dessen Kunst auch im Aus-
lande außerordentlich geschätzt ist. Wir geben die
Radierungen Schmutzers mit Genehmigung des Verlages
Amsler und Ruthardt wieder.

Im ehemaligen Palais des Erzherzogs Friedrich, das die
deutschösterreichische Regierung für Bibliothek und
Musealzwecke in Anspruch genommen hat, befinden sich
gegenwärtig zwei Ausstellungen von besonderem Reiz
und Interesse. Die eine zeigt uns eine Auslese von
Architekturzeichnungen, die dem Bestände
der Kupferstichsammlung der Nationalbibliothek ent-
nommen wurde, die andere (in den altvertrauten Räumen
der Albertina) gewährt uns einen Einblick in die
Neuerwerbungen, welche dieses hervorragende Wiener
Kulturinstitut ungefähr in den letzten zwei Jahrzehnten
gemacht hat.

Die Architekturzeichnungen wurden vom Kustos Prof.
Dr. Stix und vom Architekten und Privatdozenten Dr.
Dagobert Frey mit außerordentlichem Geschick aus-
gewählt. Ihre Mannigfaltigkeit und Qualität vermag so-
wohl dem schaffenden Künstler, wie dem Kunstliebhaber,
dem historisch geschulten Gelehrten, wie dem modernen
Architekten mancherlei Anregung und Belehrung zu
bieten. Der größte Teil der Blätter entstammt der be-
rühmten Sammlung des Freiherrn Philipp von Stosch,
die um die Mitte des 18. Jahrhunderts durch Gerhard
van Swieten, den Präfekten der Hofbibliothek, im Auf-

Ferdinand Schmutzer

Radierung

Kainz als Hamlet

Ferdinand Schmutzer
Blumenmarkt in Paris Radierung

trage der Kaiserin Maria Therisia (um den Preis von
12 500 Gulden!) erworben wurde. Sie enthält die vielen
kostbaren Architekturpläne, die mit dem Rom der
Renaissance und des Ba-
rockzeitalters Zusammen-
hängen, und die von
Francesco und dem weniger S*
bekannten Bernardo Borro-
mini, von Girolamo da
Sangallo und Rainaldi von
Zuccari, Ruggieri u. a. m.,
herrühren. Wir verweisen
nur auf Francesco Borro-
mini’s Skizze zur Fontana
di Trevi und dieses Archi-
tekten ingeniöse Entwürfe
fürdieFassade desOratorio
di San Filippo di Neri,
beziehungsweise für das
Collegio di Propaganda
Fide; ferner etwa auf Lo-
renzo Bernini’s Projekt
eines Grabmals und die minutiöse Skizze eines Kardinal-
stabes, deren Ausführung für ein Mitglied der Familie
Barbarini bestimmt war.

Reich und fesselnd ist die Auslese, die von den
Architekturzeichnungen jener spezifisch österreichischen
Künstler getroffen wurde, die dem Wiener Stadtbilde
während eines Zeitraumes von mehr als zwei Jahrhun-
derten ein so starkes und eigenartiges Gepräge verliehen
hatten. An der Hand von flüchtigen, oft nur hauchartig
angedeuteten Skizzen, kühner angelegten Entwürfen oder
auch schon voll ausgereiften Plänen versenken wir uns
im Geiste in jene stolze und baufreudige Periode Wiens,
die mit der Regierung Leopolds I. einsetzt und allmählich
unter Maria Theresia und Joseph II. ausklingt.

Wir bemerken von Ferd. Hetzendorf von Hohenburg
einen ins hypermonumentale gerückten Entwurf zur Aus-
gestaltung des Gloriettehügels in Schönbrunn, ferner von
einem Künstler aus der Werkstatt Fischer von Erlach’s,
den (in Anlehnung an das Schloß Versailles gefaßten)
Plan einer weiträumigen cour d’honneur, durch welchen
die Hofburg sich gegen den Michaelerplatz ausbreiten
sollte; von Fischer v. Erlach selbst die Skizze eines
Triumphbogens zum Einzug Josefs I. als König (1690)
und von Lucas von Hildebrand ein Projekt einer Burg-
fassade innerhalb des sogen. Leopoldinischen Traktes.
Von dem Lothringer Architekten Jadot de Ville d’Issey
sind noch Entwürfe für eine imposante Ausgestaltung
des Michaelerplatzes, ebenfalls im Stile von Ver-
sailles, und solche für das Paradiesgartl und für die
Burgkapelle; von Nicolo Picassi Pläne zur Um-
gestaltung des Amalienhofes, Theaterbauprojekte usw.
nennenswert.

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