Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

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eine Qolyatbagmppe nach Roget? van dev IDeyden

oon

Auguft t. jvlayeü^jviCincben

In einer Sitzung der Berliner kunstwissenschaftlichen
Gesellschaft ist neuerdings wieder die Frage der
Beziehungen Rogers van der Weyden zur niederländischen
Plastik aufgeworfen worden.

Es ist nur allzu richtig, daß
dieses Kapitel noch viel zu
wenig bearbeitet ist, was aber
einem nicht wunder nehmen
kann, da eine Geschichte der
altniederländischen Bild-
schnitzer- und Bildhauer-
kunst überhaupt noch nicht
geschrieben ist. Diese Ge-
schichte wird garnicht zu
schreiben sein, ehe nicht die
zahlreichen und sehr bedeu-
tenden Arbeiten der nieder-
ländischen Künstler in
Spanien kritisch gewürdigt,
und in den allgemeinen
Zusammenhang gebracht
worden sind.

Zu dem Kapitel Roger und
diealtniederländischePlastik
vermag ich heute einen lehr-
reichen Beitrag zu geben. In
dem großen, an Kunst-
schätzen aller Art reichen
KlosterGuadelupe in Spanien
sieht man im Kreuzgang als
eine der zw'ölf Passions-
darstellungen eine aus
heterogenen Elementen zu-
sammengesetzte Kalvarien-
bergszene. Uns interessiert
die, wie alle übrigen Teile
holzgeschnitzte Gruppe mit
Maria, ihrer weiblichen
Begleiterin und dem Evan-
gelisten Johannes. Der
niederländische Charakter
springt sofort in die Augen,
und sucht man das Vorbild,
so ist es bald gefunden: die
Maria und der Johannes sind
fast wörtlich dem linken Flü-
gel des großen Diptychons
entlehnt, das sich in der
Sammlung Johnson in Phila-
delphia befindet (Katalog
No. 335, Abb. p. 210) und
das von M. J. Friedlaender
als Arbeit Rogers erkannt

worden ist*). Die Abweichungen von dem Gemälde
erklären sich leicht, nicht nur der in die Höhe gerichtete
Blick, sondern auch die dem Bedürfnis des Bildhauers

entsprechende Aenderung in
der Faltenbehandlung des
Mantels des Johannes. Die
Art dieser Faltenbehandlung
ist wiederum überaus typisch
für einen niederländischen
Bildschnitzer. Den Schnitzer
selbst zu ermitteln, kostet
nichtvielMühe. Esistderaus
Brüssel stammende Annequin
Egas, der in seiner Jugend
in Löwen gearbeitet hat und
dann in Toledo Jahrzehnte-
langeine hervorragende Rolle
spielte. Dieser Egas hat (vgl.
meinen Artikel in Bd. X. des
Thieme-Beckerschen Künst-
lerlexikons) seit den 50 ziger
Jahren bis in die 80ziger
Jahre für das Kloster von
Guadelupe gearbeitet und
schon Tormo hat den Namen
dieses Künstlers zaghaft mit
der erwähnten Gruppe in
Verbindung gebracht. Es
scheinen Angaben vorzu-
liegen, wonach die Kreuz-
wegstationen im Kreuzgang
1469—72 gearbeitet worden
sind. Wenn es noch eines
besonderen Beweises bedarf,
daß Egas der Meister
dieser Gruppe ist, so
zeigt ein Vergleich des
rundlichen Kopfes wie
auch der Gewandbehand-
lung der weiblichen Be-
gleitfigur mit der Ma-
donna an dem von Egas
gefertigten Grabmal des
D. Alonso de Velasco und
seiner Gemahlin in deren
Grabkapelle in der Kloster-
kirche (1464—1480), daß
kein anderer als Egas als
Autor hier in Frage kommen
kann.

Holzgeschnitzte Gruppe im Kloster Guadelupe

Roger van der Weyden, Sammlung Johnson, Philadelphia

*) Vgl. auch F. Winkler,
Der Meister v. Flemalle usw.
S. 51 und Abb. 22.

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