Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

Page: 122
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BecUnct? Akademie det? Künlte.

Eins ist unbestreitbar: die jüngste Akademieausstellung steht
an Qualität höher als alle die Veranstaltungen, die wir in den
letzten Jahren am Pariser Platz gesehen haben. Man spürt die
Organisationsbeweglichkeit Max Liebermanns, trotz den
73 Jahren Jahren des neuen Akademiepräsidenlen. Ja, man spürt
sie. Er hat die jungen Elemente herangezogen, die um Pechstein
und die um Kokoschka, aber er hat in seiner Altklugheit nicht das
allerradikalste mitaufgehängt, sondern etwas gemäßigte, zahme
Stücke, die freilich — und das sei gleich gesagt — künstlerisch
nicht gerade hervorragen. Im ersten Moment mag es vielleicht
erheiternd wirken, so einen Bluff wie Schmidt-Rottluffs „Interieur“
in der Nähe einiger schon sehr akademischer Bilder zu sehen,
aber schließlich findet man sich damit ab. Schmidt-Rottluff in
der so nahen Nähe von Kiesel ist ein ausgezeichneter Lieber-
mannscher Witz.

Pechstein, der in seinen Glasfensterentwürfen gewiß
ernst zu nehmen ist, arbeitet als Nur-Maler heute schon schablonen-
haft, und Kokoschka, der zweifellos eine stärkere Eigenart
hat als Pechstein, wirkt in seinem Akademiebildnis schwächer als
sonst. Da wir aber schon bei den Jungen sind, möchte ich be-
sonders auf Krauskopfs Porträt seiner Gattin hinweisen: das
ist ein Bildnis voll seelischer Kraft und koloristischer Tiefe.
M e s e c k s „Ferne“, P a r t i k e 1 s „Brücke“ und Hofers „Tän-
zerinnen“ sind schon so etwas wie expressionistische Akademie.
Aber der alte Rohlfs sticht mit seinen leuchtenden Soester
Häusern stark aus dem expressionistischen Durchschnitt hervor.

Sonst ist diese Ausstellung in ihrer Malereigruppe haupt-
sächlich eine Bildnis-Ausstellung. Und unter den Bildnissen
wieder zeigt ein großer Teil längst bekannte Gesichter: Corinth,
Slevogt und Liebermann selbst stellen ältere Stücke aus.
Liebermann erscheint übrigens in seinen letzen Porträts matter,
während seine beiden Gartenbilder realistische Reize haben.
Ein kleines Meisterstück ist das Mutterporträt von Mosson.
Auch E. R. Weiss, Kardorff, Orlik, Ernst O p p 1 e r ,
Heinrich Hübner, Schulte im Hofe, Schuster-Wol-
dan, H. Bengen und Fritz Rhein fallen mit ihren Bildnissen
besonders auf. Von künstlerischer Schlichtheit und Feinheit ist
Otto Marcus im Porträt seiner Frau. Auch M. Saute-J
A. von Z i t z e w i t z und Max Fabian seien genannt.

Eine malerisch anregende Komposition ist „Die Pflege des
heiligen Sebastian“ von Paul P 1 o n t k e. Hier ist eine eindring-
liche Schulung an altflämischen Vorbildern zu meiken. Unter den
Landschaftern zeigt M. Neumann in seiner „Mondnacht“ kolo-
ristische Qualitäten, Dettmann spachtelt virtuos auf eine große
Schafherde los, Eichhorst war schon stärker, Karl Lang-
hammer ist poetisch, Otto H. Engel naturwahr.

Geschmackvoll präsentiert sich die Plastik. In Auswahl und
Anordnung. Man sieht gute Büsten von Lederer, Klimsch,
A. Oppler, Manzel, Schott, Wenck, A. Kraus,
J. von Jakimov. Unter den Tierplastiken stehen die famosen
Pinguine von August Gaul lür seinen Hamburger Brunnen und
eine köstliche bronzene Eule von Max Esser, der sich in jüngster
Zeit der Porzellanplastik widmet. Zu den interessantesten Stücken
der Ausstellung gehört aber eine Kaminumrahmung in Holz von
Bar lach, die zwei Stilarten glücklich miteinander vereinigt.
Während der obere Teil in seiner sagen wir lieblichen Darstel-
lung gut Ludwig Richtersch anmutet, sind die beiden Figuren des
unteren Teils gotisch empfunden und sind mit das stärkste, was
uns die moderne Plastik bisher geschenkt hat.

Adolph Donath.

*

Die Altkunst veranstaltet vom 29. November bis zum
9. Dezember eine große Ausstellung ihrer Neuerwerbungen an
Porzellanen. In der Hauptsache werden Meißener Qualitäten
sowie die Seltenheiten der süddeutschen Manufakturen zu sehen
sein. Die Ausstellung ist von dem Kunsthistoriker Dr. Ernst
D e n e k e arrangiert.

Bautzen.

Die Jahresausstellung der Freien Künstlervereinigung Bautzen
bringt jetzt Graphik von Berthold Hunger, Georg K. Heinicke,
Hanns Petschke, Marianne Britze, Paul Wicke, Alfred Glatter,
Georg Neugebauer und Margarete Heil.

Düsseldoef.

Die Galerie Flechtheim teilt in ihrem letzten Katalog
mit, daß die Änderungen im Luxussteuergesetz sie in die
Zwangslage setzen, Sammelausstellungen vom 1. Januar ab nicht
mehr zu zeigen. Betroffen werden nicht nur das Haus selbst
und das kunstinteressierte Publikum, sondern „in erster Linie
junge zukunftsvolle und vorwärtsstrebende Künstler“.

Köln.

Im Graphischen Kabinett des Kunstsalons Hermann Abels
findet im Dezember eine Ausstellung von Holzschnitten und
Kupferstichen Dürers statt. Außer der kompletten Folge des
Marienlebens und der Apokalypse sind zahlreiche gesuchte
Einzeldrucke zu sehen. Bei Abels erscheint übrigens unter dem
Sammelnamen „Zeitgenössische Graphik“ die II Serie
graphischer Originalarbeiten deutscher Künstler in einer ein-
maligen Ausgabe von 60 Exemplaren. Die Mappe enthält Blätter
von Peter Halm, Muench-Ke, Erna Frank, Theo Blum, Wilhelm
Oesterle, Rolf Roselieb, Max Mayrshofer und Carl Thiemann.

*

In Bornheims Kupferstichkabinett ist jetzt eine große
Sonderausstellung von über 600 graphischen Arbeiten R i d i n -
gers zu sehen. Es sind durchweg erstklassige Exemplare.
Neben den Einzelblättern interessieren auch die kompletten Ri-
dinger-Werke mit Text.

IDies baden.

Man schreibt uns aus Wiesbaden: In dem verzweifelten
Ringen, das das „besetzte“ Wiesbaden um seine Existenz als
Kurort führt, leuchtet freundlich das trotz Krieg, Revolutions-
gewinnertum und Besetzung unverdiossen weiter blühende
Kunstleben auf. Unter großen äußeren und inneren Schwie-
rigkeiten und Unerfreulichkeiten setzt es sich immer wieder durch.
Wiesbaden hat zur Zeit mehr als ein Halbdutzend ständiger
Kunstausstellungen, den Kunstverein, vier Kunstsalons, und meh-
rere graphische Kabinette mit ständig wechselndem Programm in
verschiedenen Buchhandlungen. Der Kunstverein verfügt über
den halben Galeriebau des neuen Museums. Ob man vom Stand-
punkt der Museumspflege damit einverstanden sein kann und darf,
ist eine Frage für sich; aber jedenfalls muß man zugeben, daß
der Kunstverein es verstanden hat, die für sich beanspruchte
Masse von Räumen mit zum Teil sehr interessanten Ausstellungen
zu füllen. Es ist das Verdienst des künstlerischen Leiters Fabry
mit diesen Ausstellungen den Expressionismus in Wiesbaden ein-
geführt zu haben.

Die gegenwärtige Ausstellung gleicht einem bunten Strauß.
Die stärksten Farben leuchten im Hauptsaal, denSchmidt-
Rottluf bezogen hat. Neben ihm, dem unerbittlichen, auch
die Blasphemie nicht scheuenden Wahrheitsironiker erscheint
Rohlfs mit sehr gut verinnerlichten Ergebnissen von Augen-
blicksstimmungen, W a 1 d s c h m i d t mit stark angeschlagenen Ak-
korden aesthetischer Gottessehnsucht, Gertrud Ulmann, ein
neuer Name aus Darmstadt, eine Malerin inbrünstig blickender
Apostelaugen, D i e t e r ein Phantast oberrheinischer Landschaften,
Charles Hofer mit seinen in einer kalten Klangwirkung wie ge-
hämmerten Stilleben und groß sich aufbäumenden Akten.

In der Galerie Banger, dem ältesten Kunstsalon am Ort,
gegenwärtig schon von einer jungen Generation tatkräftig geleitet,
ist eine große Ausstellung moderner Graphik vereinigt, worin be-
sonders N o 1 d e , Heckei, Kokoschka, P r o t z e n , Felix
Müller vorzüglich vertreten sind. Protzen, noch wenig be-
kannt, dürfte bald unter die ersten Namen aufsteigen. — Eine
Kollektion von Olaf Christiensen, dem Sohn des Malers und
Astronomen Hans Christiensen, interessiert durch die frische Kraft,

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