Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

Page: 375
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Herausgeber: iVdOlptl DOHQifl

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SHetfeCige durch das moderne Kunffleben in Parts

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Otto 0t?autoff

\\ Tenn man durch die Straßen des Pariser Kunst-
^ * handeis schlendert, einmal zu Georges Petit
hineinlugt, ein anderes Mal bei Chaine et Simonson ein-
tritt, ein hundert Schritt weiter vor der Galerie de la
Boitie stehen bleibt, hält man gelegentlich an, faßt sich
an den Kopf und fragt: „Ist es denn wirklich wahr, daß
Krieg war, daß eine Katastrophe die ganze Welt auf-
gewirbelt hat?“ In den Salons mondäner Kunst hat sich
nichts verändert. Der Geschmack ist der Gleiche. Die
Kunst ist geblieben, wie sie war: Sentimental, frivol,
unerhört kitschig. Die Gesellschaftsschicht, die diese
Kunst immer schon liebte, hat den Stürmen des Krieges
standgehalten. Sie muß auch ihre Finanzkräfte geschont
haben; denn sonst hätten die vielen Dutzend kleiner,
eleganter Kunsthandlungen, die dieser Malerei und
Plastik ein Absatzgebiet finden, in Konkurs geraten
müssen. Jedoch sie haben sich eher noch vermehrt und
die heiteren Mienen ihrer Besitzer lassen nicht auf eine
drohende Wirtschaftskrisis schließen. Die Salons im
Frühjahr machten den gleichen Eindruck. Der Herbst-
salon ist stark in die Breite gegangen. Die Breite hat
auch hier das Niveau gedrückt. Kein Land kann 2615
Meisterwerke in einem Jahre hervorbringen. Zählt man
die graphischen Blätter und Bücher einzeln, so kommt
man auf weit über 3000 ausgestellte Kunstwerke; darunter
findet sich eine Anzahl, die lediglich aus politischen
Gründen Aufnahme gefunden hat, z. B. die Kollektion
elsässischer Maler, die herzlich schlecht ist. Ein Saal
ist den katalonischen Künstlern eingeräumt, den man
auch übergehen kann. Die Ziffer religiöser Bilder ist
groß. Auch hier sind für die Aufnahme politische Gründe
mitbestimmend. Der Vizepräsident des Herbstsalons,

Georges Desvallieres, ist ein leidenschaftlicher Katholik
und steht mit an der Spitze der neukatholischen Reform-
bewegung. Seine eigene Kunst ist krampfhaft, und die-
jenige, die er fördert, weckt keine großen Hoffnungen.

Wenn man aus dieser großen Bilderwüste den offen-
sichtlichen Kitsch und die Tendenzwerke ausschaltet, so
bleibt ein kleiner Rest von Bildern, die lebendiger Kunst-
kraft entsprossen sind.

Eine Oase ist die sogenannte, retrospektive Aus-
stellung Renoirscher Werke. Eigentlich ist es weder
eine Retrospektive noch eine Ausstellung (wie es im
Katalog heißt) sondern es sind an irgendeiner Wand
dreißig Gemälde des Meisters aufgereiht, die zwischen
1915 und 1919 entstanden sind. Wie kann man den
großen Toten so lieblos ehren! Man hätte den Werken
des Künstlers zum letzten Mal doch leicht ein wenig
mehr Intimität geben können. Wenn das aber auch ver-
säumt wurde, so ist der Eindruck dennoch stark. Un-
verblühbar erscheint die Kraft des Meisters, der mit
wundem Körper und kranken Fingern so prachtvolle
Farbenharmonien zu schaffen vermochte. Es ist üblich
schon angesichts des Gesundheitszustandes des Greises
die Spätwerke Renoirs gering einzuschätzen, ihre ver-
schwimmenden Farben zu tadeln, die duftigen Harmonien
als Ferien in Rosenöl zu bespötteln. Alles das ist
ungerecht. Der Besucher des Herbstsalons bleibt wie
mit einem Ruck vor dieser leuchtenden Wand stehen.
Und er muß lange in den Sälen suchen, ehe er wieder
so stark gepackt wird. Die Gegenwart Renoirs beweist,
wie gewaltig sein Einfluß auf die ihm folgende Generation
war. George d’Espagnat und seine Altersgenossen sind
ohne Renoir nicht denkbar. Einige, wie gerade der eben

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