Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

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1 cm
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gewendet. Die Hände berühren einander nicht. Wie
eine Nachbildung dieser Gruppe aus der Zeit um 1440
erscheint das Bildwerk, das sich früher in der Sammlung
Seligsohn zu München befand; hier ist das Antlitz des
Johannes wieder halb in die Vorderansicht gewendet.
Die Falten sind vereinfacht, schmalrückig und tief unter-
schnitten.

Ein bäurisches Bildwerk aus Hüttlingen im Deutschen
Museum zu Berlin, stimmt, abgesehen von der Profil-
drehung des Johanneskopfes, mit dem oben genannten
Sulzdorfer Werke im Stuttgarter Museum überein.

Die Gruppen im Badischen Landesmuseum zu Karls-
ruhe (aus Baden-Baden), im Straßburger Museum (mit
knieender Dominikanerin, wahrscheinlich aus Unterlinden
in Kolmar) und ehemals in der Sammlung Spetz in
Isenheim gehören schon dem Beginne des 15. Jahrhunderts
an. ln der Formgebung schließen sie sich mit der ein
wenig älteren Gruppe aus S. Katharinental zusammen,
ln der Ordnung der Hände ist eine Neuerung versucht.
In Isenheim legt Johannes beide Hände in den Schoß
Christi, während der Heiland den rechten Arm des

Jüngers hält; in dem Karlsruher Werke scheint das gleiche
angestrebt zu sein. In der Straßburger Gruppe jedoch
faßt Christus mit seiner Rechten die Linke des Johannes,
die von dem Gelenk der rechten Hand des vorgebeugten
Jüngers überschnitten wird.

Je materialistischer das 15. Jahrhundert wird, je mehr
die Mystik aus dem Gefühlsleben schwindet, desto
unbedeutender und ausdrucksloser werden die Bildwerke.
Aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts sind noch
zwei Gruppen bekannt, die Johannes an der Brust Christi
darstellen. Die eine, im Bayerischen Nationalmuseum in
München, zeigt11) Johannes, das Haupt im Schoße Christi
bergend; nur die linke Hälfte des Antlitzes ist sichtbar;
Christus hat die Rechte erhoben und hält mit der Linken
den Jünger. Die zweite Gruppe aus dem Ende des Jahr-
hunderts, befand sich früher in der Sammlung Berlage
in Köln.

u) Nach freundlicher Mitteilung des Herrn Generaldirektors
Prof. Dr. Halm in München. Kat. VI, Nr. 834. Um 1470. Höhe 19,
Breite 13 cm. Lindenholz. Herkunft unbekannt.

Das IDteneü Palais Pälffy und feine Sammlungen

oon

Leo ötmnßein

g u den wenigen zeit- und baugeschichtlich interessanten

Häusern, welche sich heute noch in der stillen und
knappbemessenen Wallnerstraße in Wien erhalten haben,
zählt auch das zwischen dem ehemaligen Besitz der
Freiherrn von Geymüller und dem fürstlich Esterhäzy-
schen Fideikommishaus gelegene Palais Pälffy.

Der noch wenig erforschten Geschichte desselben
entnehmen wir, daß es in seiner ursprünglichen, heute
nicht mehr vorhandenen Gestalt, wahrscheinlich um die
Mitte des 16. Jahrhunderts errichtet wurde. Es befand
sich im 18. Jahrhundert im Besitze der Familien Martinitz,
Khevenhiller und Grassalkovich. Das Eigentumsrecht der
Grafen Pälffy ist seit Beginn des 19. Jahrhunderts nach-
weisbar. Im Mai des Jahres 1809 wurde der alte Bau
durch ein Bombardement zerstört. Das bald darauf im
Pälffy’schen Aufträge wiedererstandene und mit all den
Merkmalen des unverfälschten Empirestils ausgestattete
Palais rührt von dem bekannten altwiener Architekten
Karl von Moreau her. Seither blieb es mehr als ein
Jahrhundert lang im ununterbrochenen Besitze des alt-
ungarischen, auch um das Wiener Kulturleben vielfach
verdienten Adelsgeschlechtes der Pälffy.

Mögen vielleicht einige kostbare Stücke aus der un-
vergleichlichen Empireeinrichtung dieses Hauses schon
zu Beginn des 19. Jahrhunderts, etwa durch eine Gräfin
Pälffy, geb. Fürstin de Ligne hierher gelangt sein, so
geht der eigenartige Aufbau und die großzügige Aus-
gestaltung der Sammlungen, wie sie uns bis vor kurzem
noch erhalten blieben, wohl ausschließlich auf den Grafen

Jänos Pälffy zurück. Dieser hervorragende Kunstfreund,
dem ein bedeutendes Vermögen zu Gebote stand, und
den ein seltenes Sammlerglück begünstigte, hatte seine
stolzesten künstlerischen Erwerbungen zumeist in Frank-
reich gemacht. Von Paris aus, wo er oft und gerne
verweilte, brachte er viele der hervorragendsten Werke
des französischen Kunstgewerbes heim, trug er seltene
Möbel und Bronzen, Plastiken und Gemälde, Stiche und
Miniaturen zusammen, welche zum Teile in den unga-
rischen Schlössern, Bazin und Bäjmocz, zumeist aber in
den weiträumigen Palästen zu Preßburg, Budapest und
Wien ihre überaus geschmackvolle und zweckmäßige
Unterkunft fanden. Mit besonderer und unermüdlicher
Sorgfalt war er stets um die Ausschmückung des Wiener
Hauses bedacht, in welchem er auch abwechselnd Aufent-
halt nahm und worin sein vielgerühmtes französisches
Kunstmobiliar zu einer endgültigen, fast museal gearteten
Aufstellung gelangte. Im Wiener Palais ist auch Graf
Pälffy im Jahre 1908 verschieden.

Von diesem Zeitpunkt an, blieben die Tore eines
liebevoll-verschwenderischen Heims mehr als ein Jahr-
zehnt lang geschlossen. Der vor kurzem erfolgte Verkauf
des Palais (das, wie wir hören, lediglich Bureauzwecken
dienen soll) macht uns die Besichtigung der Räume
wieder möglich und gibt uns Gelegenheit, die in ihnen
vorläufig noch befindlichen Kunstschätze ein letztes Mal
in ihrer Gesamtheit und ursprünglichen Anordnung zu
genießen.

Am 7. März des lfd. Jahres wird, testamentarischen

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