Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

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schiedensten Werkstoffe und Gebrauchzwecke dem
gleichen Formengeist unterwirft, wird durch die neue
Aufstellung höchst sinnfällig. Sie ist von der Vorbilder-
sammlung ehemaliger Zeiten denkbar weit entfernt;
dennoch bietet sie, wie man sieht, selbst dem ausübenden
Kunstgewerbler Gelegenheit zu lernen: daß auch die
Lehre von der „Stoff- und Werkgerechtigkeit“ in der
Kunst eben doch nur ein Dogma ist, das der mittel-
mäßigen Kraft wohl eine Stütze sein kann, aber niemals
dem herrscherlich schaffenden Geiste eine Fessel. — Zur
Eröffnung wurde ein „Führer durch die Schausammlungen
des Erdgeschosses“ herausgegeben.

Wie man weiß, ist der Vorrat des Hamburger
Museums mit den erwähnten Dingen nicht erschöpft.

Besuchfertig ist im Obergeschoß die Abteilung antiken
Kunstgewerbes, zu dessen ägyptischer Gruppe jetzt eben-
falls ein „Führer“ erschienen ist. Aus Mangel an Aufsicht-
personal muß aber diese Abteilung vorläufig geschlossen
bleiben. Noch in Bearbeitung sind die Bestände an
asiatischer Kunst — Islam, China und Japan. Die Aus-
scheidung des zur Schaustellung Ungeeigneten bildete eine
kleine Studiensammlung, die späterhin Fachgenossen
ebenfalls zugänglich sein wird. Magaziniert sind — außer
den Kunstblättersammlungen und der Gewebesammlung,
bei denen die magazinmäßige Aufbewahrung sich von
selbst ergibt — die reichhaltigen Sammlungen zur nieder-
elbischen Volkskunst. Hierfür muß man auf spätere
Raum- und Zeitgunst hoffen.

Deutscher und französischer
Barock des XVII. Jahrhunderts.
Raum 15

(Hamburger Schrank; Tisch aus
dem Bauhof von Hamburg;
Fayencen von Rouen Moustieres
und Hamburg)

Bild und Teppiet)

[üon

Rudolf ßtad).

Die nachstehenden Ausführungen Dr. Rudolf Biachs
dürften für die Leser des „Kunstwanderers“ von Interesse
sein. Dr. Biach, der sich lange Zeit im Orient aufhielt,
sucht in diesem Aufsatz durch die Gegenüberstellung
von Bild und Teppich den orientalischen Teppich als
Kunstwerk dem europäischen Verständnis zu erschließen.
Der Kunstwanderer glaubt, daß der Aufsatz geeignet ist,
unsere kunstwissenschaftlichen Kreise zu einer Diskussion
über die Antithese „Bild und Teppich“ anzuregen.

s wurde jüngst hervorgehoben, daß man zu falschen
Vorstellungen gelange, wenn man sich verleiten
lasse, eine Epoche nach der Kunst die sie hervorgebracht
hat, zu beurteilen. Es ist sicherlich richtig, daß aus der Ge-
schlossenheit in der Komposition der Kunstwerke einer
Zeit nicht auf die Ausgeglichenheit ihrer ganzen
Kultur geschlossen werden darf. Aber in der Kunst liegt
der vorzüglichste, vielleicht sogar der einzige Schlüssel
zum Verständnis ferner Epochen. Das liegt in der Auf-
gabe begründet, die die Kunst in der menschlichen Kultur

erfüllt, aber das Kunstproblem darf nur als durch diese
Aufgabe bestimmt gefaßt werden.

Die menschliche Kultur ist bedingt durch die Wesen-
heit der menschlichen Seele. Diese selbst aber ist ein
Knäuel von Bestrebungen, deren Zusammenwirken Be-
stand, Sinn und Werden alles Menschlichen ausmacht.
Der Mensch ist selbstherrlich, Individuum, Mittelpunkt
von Wirkungen, aber er gehört auch höheren Gewalten
an, in denen aufzugehen, denen sich hinzugeben in ihm
Neigung und Zwang ist. Ohne die Zahl der Tendenzen,
deren Verflechtung die menschliche Seele ausmacht, zu
erschöpfen, läßt sich ein Gemeinsames von allen mensch-
lichen Kulturen aus sagen: stets ist es der Staat, in dem
die Eigenheiten der Seele des Menschen, die ihn zum
Individuum wie zum Glied höherer Lebenseinheiten
machen, in ihrer Mannigfaltigkeit zum Ausgleich kommen.
Durch Rasse, Geographie und Entwicklung bedingt,

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