Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

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DCttfet? und Ctma da Conegltano

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tietnt?tU) lüölfflin

Der berühmte Kunsthistoriker der Münchner Universität,
Professor Dr. Heinrich Wölfflin, dessen Wirken an der
Universität Berlin n 'Ch in aller Erinnerung ist, stellt uns
nachstehenden kunstwissenschaftlich hochinteressanten Auf-
satz zur Verfügung.

|jie Münchner graphische Sammlung besitzt unter ihren
Dürerzeichnungen den Kopf eines lockigen Knabens
(oder Mädchens?) auf grüngrundiertem Papier mit dem
Monogramm und der Jahreszahl 1508 (S. Abb. 1). Das

„Dürer“ München, Graphische Sammlung

Blatt, eine Pinselzeichuung mit weissen Lichtern, mißt
265x192 mm und trägt den Stempel Karl Theodors.
Ueber die Provenienz geben die Inventare keine weitere
Auskunft. Lippmann hat das Stück nicht in sein Corpus
der Dürerzeichnungen aufgenommen und es gibt Gründe,
die seine Reserve verständlich erscheinen lassen (worüber
später noch zu reden ist), immerhin macht das Münchner
Exemplar einen viel besseren Eindruck als sein Doppel-
gänger im englischen Privatbesitz (Gathorne-Hardy), eine
Federzeichnung, die von der Dürer-Sociely 1908 als Ori-
ginal veröffentlicht wurde, aber sehr steif und kalt wirkt.
Wie immer man nun über die Originalität des Münchner
Blattes denken mag — aus dem Vorhandensein von
Wiederholungen darf man jedenfalls auf ein berühmtes

Urbild zurückschließen. Dieses Urbild aber ist keine
freie Schöpfung gewesen, sondern ist hervorgegangen
aus dem Eindruck eines Gemäldes von Cima da Coneg-
liano (jetzt im Museo Poldi-Pezzoli in Mailand, s. Abb. 2),
das Dürer vermutlich in Venedig gesehen hat. Be-
ziehungen zu Cima sind ja auch sonst bekannt.

Trotzdem der Kopf ins Breite und Jugendliche um-
gesetzt ist und trotz der anderen Haartracht, des anderen

Cima da Conegliano Mailand, Museo Poldi-Pezzoli

Halsabschnitts und der andern Flächenfüllung, ist die
Uebereinstimmung schlagend. Die Schrägstellung, der
Blick, der Mund mit sichtbaren Zähnen, die Untensicht
des Kinns, das ist mehr als eine zufällige Aehnlichkeit.
Es kommt dazu die Uebereinstimmung des Lichteinfalls,
woraus die auffallend gleiche Form des Schattens an der
Nase z B sich ergibt (der Schlagschatten scharf mit dem
Rand des Nasenflügels zusammengehend, Reflexlichter
an den Nasenlöchern usw.) Um so interessanter

sind dann die Aenderungen, die Dürer machte, da-
mit die Zeichnung in seinem Sinne sprechender werde:
die neue Modellierung von Kinn, Lippen, Nasen-
kuppe usw., bis zur Umsetzung der Haare in sein
Gelock.

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