Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

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Der? lvlatbematt(cb^Pby{tkaUfcbe Salon in Dresden

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Max engclmann^Dt^esden

Fachgelehrten als eine Fundgrube altbekannt, trat
der Mathematisch-Physikalische Salon in Dresden doch
erst im letzten Jahrzehnt immer mehr ins Licht der
breiteren Öffentlichkeit. Da dem „Kunstwanderer“ nun
auch vom Ausland her wiederholt Anfragen über die
Art, Bedeutung und Geschichte des Mathematisch-
Physikalischen Salons zugingen, ersuchten wir unseren
Mitarbeiter Max Engelmann, den Konservator dieser
Sammlung, um einen Aufsatz über das von ihm mit-
geleitete Institut.

Es ist ein förmliches Naturgesetz, daß der Begriff
„mathematisch“ auf manchen Menschen abstoßend
wirkt, so auch in der seit nahezu 200 Jahren geschicht-
lich gewordenen Bezeichnung der Staatssammlung des
„Mathematisch-
Physikalischen
Salons“ auf man-
chen Besucher des
Dresdner Zwin-
gers. Mit dem
Meiden der Samm-
lung entgeht ihm
aber, außer dem
Bekanntwerden
mit manchem
Stück edelsten
Sammelgutes, der
Genuß, Pöppel-
manns über-
ragendste Innen-
‘5--y architektur-
schöpfung mitdem
stolzgefügten
Deckengemälde
Louis de Sylves-
tres, den Götter-
himmel dar-
stellend, auf sich
wirken zu lassen.

Dieser etwa 1717—23 ausgebaute Pavillonsalon diente
niemals den ihm zugedachten Hoffesten August des
Starken, nahm aber gegen 1730 die Instrumente und
Uhren der ehemaligen kurfürstlichen Kunstkammer, als
selbständige Sammlung, unter ihrem heutigen Namen
auf. In ihm ist das Wort „Salon“ an sich Träger von
ehrwürdigen Erinnerungen an jene höfischen und bürger-
lichen Kunstkammern, Sammlerkabinette und -salone, die
eine bedeutsame Entwicklungsphase zu unserem heutigen
Sammlungswesen waren. In seinem Namen drückt sich
aber auch die Unterscheidung von jenen viel mit ihm
verglichenen allgemein technischen Museen von der Art
des Pariser Conservatoire des Arts et Metiers, des Lon-
doner South Kensington Museums und des Münchner
Deutschen Museums aus. In seinem engeren Bereich
der geschichtlichen instrumenteilen Feintechnik wurde
der Mathematische Salon zugleich zu einer Pfleg- und
Sammelstätte ziertechnischer Hochleistungen, zu einem

technischen und kunstgewerblichen Museum in einem.
Es trägt wesentlich zum Verständnis der Eigenart
dieser Sammlung bei, wenn man einige Blicke auf die
Geschichte des in ihr vertretenen Stoffes und auf ihr
Werden wirft.

Die Welt entwand sich allmählich den mittelalter-
licher Fesseln der Scholastik, als Heinrich von Hessen
gegen den Ausgang des 14. Jahrhunderts jene Wiener
mathematische Schule gründete, der auch Johannes von
Gmunden, Peurbach und Regiomontan als führende Geister
angehörten. Diesen Männern ist jenes Aufleben klassi-
scher Erkenntnisse
in der Himmels-
und Erdkunde,
sowie der damit
verbundenen an-
gewandten Mathe-
matik zu danken,
das auf diesem
Gebiete deutsche
Kulturwert von
überragender Be-
deutung schaffte.
Dieses Aufleben
und Ausbauen
führt in gerader
Linie auch zur
Instrumententech -
nik unserer Tage.
Die Wiederher-
stellung der Pla-
netentheorie des
Ptolemäus durch
Peurbach war die
erste selbständige
Tat der rasch hoch-
kommenden abendländischen Astronomie. Die Reinigung
des durch fremde Entstellungen überwucherten Almagest,
rekonstruktiv durch Peurbach,sprachlich durch Regiomontan,
war ausschlaggebend für jene Geistesrichtung, die zunächst
in Kopernikus und Kepler ihren Höhepunkt erreichte. Re-
giomontan fand 1471 in Nürnberg den rechten Boden,
seine reichen Pläne für einschlägiges instrumentelles
Rüstzeug zu verwirklichen. Die vierundzwanzig Blei-
soldaten Gutenbergschen Geistes hatten sich kaum ein
Stück Welt erobert, als sie sich Regiomontan für seine
Schriften durch seinen Gönner Bernhard Walther dienst-
bar machte. Mit dieser Neubelebung antiken Erkennens
und getragen von dem Flügelpaare neuer Raum- und
Zahlenlehren, kam zuerst in Nürnberg und bald darauf
auch in Augsburg eine gern gepflegte Werkstattstätigkeit
hoch, die das Bedürfnis nach entsprechenden Instrumenten
kaum befriedigen konnte. Fast jedem regen Kopf ge-
nannter Städte ohne Hochschule war es ein förmliches

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