Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

Page: 275
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erreicht, dafür aber von dem aufstrebenden Moskau im XVI. Jahrh.,
unter Iwan dem Schrecklichen, vernichtet wurde) und Wladimir.
Als um die Mitte des XV. Jahrh. in dem nach der Vertreibung der
Tataren mächtig aufstrebenden Moskau der Großfürst Johann III.
durch italienische Architekten den Kreml mit Steinmauern umgab
und steinerne Kirchenbauten aufführen ließ, nahm er sich die
Kirchen von Wladimir zum Muster. Die Italiener wurden dorthin
geschickt, um an Ort und Stelle die alten vormongolischen Bau-
formen zu studieren, und nach ihrem Muster wurde dann in der
zweiten Hälfte des XV. Jahrh. im Kreml zu Moskau vor allem die
Uspenski-Kathedrale erbaut, das schönste Kirchengebäude Moskaus,
das im Laufe von 4 Jahrhunderten als Krönungskirche der
russischen Zaren gedient hat. Von der Demetrius-Kathedrale in
Wladimir muß noch gesagt werden, daß sie sich durch schöne,
an den Außenwänden angebrachte phantastische Tierreliefs aus-
zeichnet, welche ihr ein seltsam-orientalisches Gepräge geben.

Das alte Thüringen und IDeimat’.

Einen wertvollen Beitrag zur Kunstgeschichte der ger-
manischen Frühzeit und der Völkerwanderung
lieferte Herr Professor Götze vom Völkerkundemuseum in einem
Vortrag über das alte Thüringische Königreich und seine Haupt-
stadt Weimar, den er am 12. Februar in der Vereinigung der
Saalburgfreunde hielt Die in den Museen von Weimar und
Berlin aufbewahrten Funde aus dem altgermanischen Friedhof in
der Nähe des Weimarer Hauptbahnhofs sind deshalb von ganz
besonderer Bedeutung für unsere Kenntnis der deutschen Vor-
geschichte, weil sie sich in Verbindung mit wichtigen geschicht-
lichen Vorgängen bringen lassen; gerade der äußerste Mangel
an festen historischen Anhaltspunkten macht ja die Forschung
auf diesem, gegenwärtig mit so lebhaftem Interesse betrachteten
Kunstgebiete schwierig. In dem Weimarer Beerdigungsfelde
scheinen wir nun einen Friedhof des Fürstenhofes und Gefolges
der Thüringer vor uns zu haben. Ein silberner Löffel mit der
Inschrift „Basenae“, von spätrömischer Form, ist wahrscheinlich
das Eigentum der Thüringerkönigin Basena gewesen, die ihren
Gemahl Bisino verließ, um dem Frankenkönig Childerich (f 481)
zu folgen, wie uns Gregor von Tours berichtet; sie wurde
Childerichs zweite Gemahlin und ist die Mutter Chlodowechs_

Unter den Schmucksachen zeichnen sich eine Reihe hervor-
ragender silberner und goldener Fibeln mit Almandinbesatz und
solche mit Adlerköpfen aus, nach Götze von ostgotischer Her-
kunft. Auch dies läßt sich wieder mit geschichtlichen Ereignissen
in Verbindung bringen, indem die Thüringer gegen 500, um der
wachsenden Macht der Franken zu widerstehen, ein Bündnis mit
dem Ostgotenkönig Theodorich in Italien eingingen. Die Tochter
des großen Goten Amalaberga heiratete den Thüringerkönig
Hermanfried, der im Jahre 531 dem Frankenreiche unterlag. Doch
blieb, wie die Funde der Weimarer Gräber dartun, die
Thüringische Kultur auch in den beiden Jahrhunderten nach dem
Untergang des selbständigen Königreiches unberührt von der
fränkisch-christlichen Bildung. Allerdings kann von einer eigen-
tümlichen Kunst nur mit Einschränkung die Rede sein, da die
Goldschmiedearbeiten, wie teilweise auch die Bronzegüsse, dem
ostgotischen aus der spätantiken Schwarzemeerkunst entwachsenen
Kunstkreise angehören, während die Gläser und die formvolleren
Töpferarbeiten Erzeugnisse spätrömischer Werkstätten des Westens
sein dürften. Nur die Eisenwaffen und schlichteren Töpfe sind
wohl einheimische Arbeiten. Doch sind über diese Frage, was
denn nun unter den Funden deutscher Gräber bodenständig
germanisch, was Einfuhr von außen ist, die Forschungen noch
sehr in den Anfängen.

Es wäre freudig zu begrüßen, wenn uns Herr Prof. Götze
einmal im Zusammenhang über die Kunst der germanischen Früh-
zeit bis zur Merovingischen Epoche unterrichten würde. Durch
seine Arbeiten über die gotischen Schnallen, über die Weimarer
Funde, sowie über die prächtige, gegenwärtig im Raffaelsaal des
Kaiser-Friedrich-Museums ausgestellte Sammlung altgermanischer
Schmucksachen, hat er selbst die Fundamente zu einer derartigen
Arbeit gelegt. Diese Veröffentlichungen schließen sich würdig

den besten Arbeiten auf diesem Felde an, von denen wir hier
nur das treffliche Werk von Gröbbels über den Reihengräberfund
in Gammertingen (in Hohenzollern) nennen wollen. Es sei bei-
läufig erwähnt, daß der Spangenhelm von Giulianova, der zur
Gruppe des Helmes von Gammertingen gehört (von Gröbbels in
das westgotische Reich in die Gegend von Toulouse versetzt)
jetzt in unserem Zeughaus zusammen mit anderen Schmuckstücken
und Waffen der germanischen Frühzeit in der Neuaufstellung
sehr gut zur Geltung kommt. H. S.

DetdeboUene pia(fiken
Leonhard Kerns.

Verlagsbuchhändler Wilhelm German in Schwäbisch-Hall
schreibt uns: Im Anschlüsse an den im „Kunstwanderer“

(August 1920) veröffentlichten Aufsatz „Verschollene Kunstwerke“
von Professor Dr. Pazaurek und an die Rubrik, die dann „Der
Kunstwanderer“ für dieses alle Kunsthistoriker und Sammler
interessierende Thema eingeführt hat, wende ich mich heute an
die weiten Kreise des „Kunstwanderers“. Mit der Niederschrift
einer größeren biographischen und kunstgeschichtlichen Arbeit
über den 1620—1652 in Schwäbisch-Hall, meiner Heimat tätigen
Bildhauer Leonhard Kern fertig, fehlt mir noch die Krönung des
Ganzen, das Bildnis des Künstlers. Nun sagt
Dr. F. Kugler in seiner „Beschreibung der k. Kunstkammer
Berlin, 1838“: „Noch ein anderes Werk endlich gibt sich als
eine unzweifelhafte Arbeit des Leonhard Kern zu erkennen. Es
ist ein in Speckstein geschnitztes 41/, Zoll hohes, 33/8 Zoll breites
Relief: Das nackte Brustbild eines bärtigen Mannes, welcher die
Arme über die Brust gelegt hat und den rechten Zeigefinger wie
im ernsten Gespräche erhebt. Die Art und Weise, wie die Alters-
bestimmung (Ae 55) und das Monogramm (L. K.) neben einander
stehen, deutet darauf hin, daß sie sich auf einander beziehen,
daß das Werk somit als des Künstlers eigenes Porträt betrachtet
werden muß.“ (Alle Forschungen danach waren bisher erfolglos,
weshalb ich den Lesern des „Kunstwanderers“ für diesbezügliche
Mitteilungen sehr dankbar wäre.) Das Relief ist auch schon, aber
wohl irrigerweise als das Porträt eines Grafen von Hohenlohe
bezeichnet worden. Weitere verschollene Kunstwerke
Leonhard Kerns sind: „Hölzernes geschnitztes Männlein“ (1642
im Besitz von Kunstmaler Georg Müller-Frankfurt a. M ), „Nackter
Kämpfer in vorstürmender Stellung"g(Holzfigur 20 cm hoch, 1881
in der Kunstsammlung von Eugen Felix in Leipzig), ferner folgende
Elfenbeinfiguren: „Venus, Mars und Cupido, aufrecht stehend»
nackend“, „Knabe, mit der einen Hand einen Apfel, die andere
am Bauche haltend“, „Fortuna auf einer Kugel mit einem Fuße
knieend.“ An Monumentalwerken ist verschollen „der Hochaltar
für die Oberburg bei Laibach 1613“, dessen Bild besonders für
die Bestimmung anderer wertvoll wäre. Der jetzige doitige Hoch-
altar stammt vom Jahre 1780.

Leider sind viele Kunstwerke Leonhard Kerns nicht mit
dessen Monogramm versehen, so daß jedenfalls noch manches
in deutschen und ausländischen Museen aufzufinden wäre. Zu
Vergleichungen ist Professor Chr. Scherer’s mit sehr guten Ab-
bildungen versehene Abhandlung „Leonhard Kern als Klein-
plastiker“ im „Jahrbuch der preuß. Kunstsammlungen, 37. Band,
1916“ ein vorzüglicher Führer.

Aus der jvtufeumsc und Sammlerioelt.

Die Technische Hochschule zu Berlin - Charlottenburg hat
Wilhelm von Bode die Würde eines Ehrendoktor-
Ingenieurs verliehen, „dem hervorragenden Kunstkenner,
Kunstgelehrten und Forscher, dem Mehrer der vaterländischen
Kunstsammlungen“. Die Auszeichnung erfolgte auf Antrag der
Abteilung für Architektur aus Anlaß von Bodes Ausscheiden aus
dem Staatsdienst.

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Die berühmte Japan-Sammlung des Konsuls Gustav J a c o b y
in Berlin ist durch Schenkung in den Besitz der ostasiatischen

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