Donath, Adolph [Editor]
Der Kunstwanderer: Zeitschrift für alte und neue Kunst, für Kunstmarkt und Sammelwesen — 2.1920/​21

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Sie nicht mit Figuren schmücken, wenn er auch
Figuren malen konnte. Das beweisen zwei Kinder-
Studien gar gut, die vortrefflich entworfen und aus-
geführt sind. Unter den Gemälden weisen wir auf

die meisterliche Kopie nach van Goyen: Dordrecht
hin, die von seiner aufrichtigen Verehrung für die
alten Niederländer ein beredtes Zeugnis ablegt; dann
auf den neuerworbenen schönen „Waldbach“, endlich
auf Issels Porträt im jugendlichen Alter, das die Familien-
tradition wohl zu Unrecht als Selbstporträt bezeichnet.

Herzlichen Dank sagen wir Karl Lohmeyer.
Auch diese übersichtliche und streng auf Qualität
gerichtete Ausstellung, die vielleicht nicht so in
sich geschlosen wie die der Romantiker ist, hat
ihren hohen Wert. Sie macht wiederum kostbare
Kunstwerke, die bisher in Heidelberger Familien
verborgen blieben, der Forschung zugänglich und
läßt gut erkennen, wie viele Brücken die Kunst
von Heidelberg nach München und Wien geschlagen
hat.

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|^\er Dichtung hat dieses Gebiet mehrere Kräfte von
Rang geschenkt: Benjamin Constant,

Alexandre Vinet in der ersten, R o d in der zweiten
Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts; den Sinn der
Gegenwart drückt mit Meisterschaft aus C. F. R a m u z.
An diese muß sich wenden, wer des Genauem über
Geist und Streben des aus keltischen, romanischen und
burgundischen Elementen, dazu vielen in neuerer Zeit
zugewanderten Deutschschweizern gemengten Stammes
unterrichtet zu werden wünscht. Die Sprache ist heut-
zutage von der Mundart fast ganz gelöst; das jetzt ver-
breitete, je nach Ort und Stand mehr oder minder pro-
vinziale, in den vielen gebildeten Zentren sehr geläuterte
Französische der Waadtländer ist aber von Germanismen,
sowohl im Wortschatz als im Satzbau, außerordentlich
stark durchsetzt. Diese Besonderheit, weit entfernt als
Mangel zu wirken, wirkt wie Würze und gibt Halt und
Charakter. Der von der vorwaltenden Konfession der
Bevölkerung und von ihrer Neigung zum Erziehertum
herrührende Bibelstil der mündlichen und schriftlichen
Ausdrucksweise, vereint mit der tausendjahralten Berufs-
epik der Winzer, Ackerbauer, Fischer, befestigt die Eigen-
art, der just jener Bildungsdrang und die Fremden-
industrie entgegenarbeiten. Wie dem sei, die literarische
Geschichte des zwischen Jura, Alpen und Leman ein-
geschlossenen Bezirkes ist imponierend, reich und
wesenhaft.

Und so steht es denn auch mit der bildenden
Kunst,1) die vornehmlich als Malerei in diesen
Gegenden auftritt. Nicht daß die Plastik,2) und
namentlich die Architektur, nicht in Betracht käme. In-
dessen ist auf die savoyisch-italische und auf die franzö-
sisch-bernische Baukunst, welche das Land, im aus-

*) Auch graphisch wird viel geleistet. Voran stehen die
Pariser-Waadtländer Qrasset, Steinlen, Vallotton,
C a r 1 e g 1 e („Vie Parisienne“); von den Einheimischen namentlich
Henri Bischoff, aber auch Clement, Gottofreyu. a.

2) Als Plastiker im engern Sinn treten hervor Lugeon;
Sandoz (Paris-Lausanne), Pedro Meylan (u. a, eine Büste
Hodler’s), zwei Reymond.

gehenden Mittelalter die erste, die zweite im sechzehnten,
siebenzehnten, achtzehnten Jahrhundert, füllten, einst-
weilen nichts gefolgt, wa> jenen Zeiten ebenbürtig wäre.
Die einen stellen kosmopolitisch-technische Vollkommen-
heiten auf, die andern suchen das bernische Barock, das
aus der Zeit von Bern’s Herrschaft über das Waadtland
einheimisch ist, zu verwelschen und zu modernisieren. —
Die Malerei gewährt dem Rückblickenden größere
Freuden. Nicht nur genießt er des immer wieder an-
ziehenden Schauspiels, wie die Künstler eines bestimmten
Kulturraums sich zu den Kunstereignissen der aufein-
anderfolgenden Zeitalter Europas einstellen und verhalten
wie ein G 1 e y r e um 1830 zum Klassizismus, B o c i o n ,
David, A. van Muyden, Castan, Vautier,
Veilion, Chavannes sich zum Klassizismus, zur
Romantik und darüber hinaus, im Sinne des frühen
Barbizon, zu der sich daraus entwickelnden Genre- und
Landschaftsmalerei stehen; wie ein Grasset, Giron
und einige andere, im lockenden Schein des zweiten
Kaiserreiches erwachsen und unwiderstehlich nach Paris
eingezogen, (mag es inzwischen auch, dem Namen nach,
das Haupt einer Republik geworden sein), zwischen dem
schwanken Ideal einer nur mehr dekorativen Antike und
dem Aufglühen des Impressionismus suchen, stöbern,
zaudern, von Zeit zu Zeit aber in der Heimat rasch und
der Oberfläche nach neue Nahrung saugen; wie zwischen
1880 und 1890 eine neue Schar ausrückt, der Steinlen,
Otto Vautier, Felix Vallotton, Bieler,
Estoppey, Hermenjat angehören und sich in
den hellen Auen des aufgeblühten Impressionismus an-
siedeln, jeder nach seiner Weise und mit seinen Wahl-
verwandten, 0 11 o V a u t i e r, La Touche ähnlich, an der
Seine mit losen Schönheiten und im Wallis mit schlanken,
wie Sarazenerinnen lockenden Dorfmädchen, Hermen-
jat Jahre durch am Wüstenrand mit Beduinen, dann
mit sehnigen, langsamen Heimatbauern dort am Rande
der grünen Hochebene und der lemanischen Sonnenhalde,
der kühlere, beständigere, überlegende Vallotton im
Auferbauen einer naturalistischen und expressionistischen,
im Grunde neuklassischen Ornamentik aus Blumen, Land-

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