Kraus, Franz Xaver [Hrsg.]
Die Kunstdenkmäler des Grossherzogthums Baden (Band 1): Die Kunstdenkmäler des Kreises Konstanz — Freiburg i.Br., 1887

Seite: 84
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84 KREIS KONSTANZ.

insbesondere weite Schwibbogen. Vielleicht rührten dieselben von einer römischen
Brücke her, über welche eine Strassenabzweigung geführt haben mochte. Merkwürdige
Sculpturen, wol Sonne und Mond von einem Mithrasdenkmal (vgl. das Mithras-
denkm. von Osterburken) am Thorbogen des 1856 abgebrochenen Emmishofer
T h u r m e s eingemauert, leider aber verschwunden und jetzt nur noch in einer L.
Leiner'schen Jugendzeichnung vorhanden, waren wahrscheinlich römischen Ursprungs.
Bekannt ist endlich ein in der S. Mauritiuskapelle des Münsters eingemauerter, wahr-
scheinlich einem früheren römischen Gebäude zugehöriger unzweifelhaft römischer
Inschriftstein aus dem Ende des 3. Jhs. (294) mit Beziehungen auf Vitudurum
(Winterthur). Den Stein hat bereits LEONARDO ARETINO (1414) gekannt
(Epist. IV 3.) HANS' SCHÖNSPERGER hat ihn in seinem 'Buch der Chroniken und
Geschichten' (1496) erwähnt: 'dieselben tafel künden wenig Costnitzer lesen. Das gmein
Volck helt dieselben tafel für heiltumb. Die Freülein vnd das ander vnnerfare Volck
hat mit berürung irer hennd vnd mit bestreichung irer antlütz dieselben buchstaben
yetzo schyer gantz von der tafel abgetilget.' Er ist dann mitgetheilt bei APIAN
p.454. STUMPF V10. TSCHUDlp. 134. GUILLIMANp. 26. GRUTER
1667. BOCHAT I 426. RAISER Oberdonaukr. I 24. ORELLI 467—275.
EISELEIN 200. BUCELIN Topogr. 83. MANLIUS b. PISTOR. II690.
EBERLIN 255. Zuerst kritisch ed. bei MOMMSEN Inscr. Helvet. XIX
n. 239. Eine Abschrift älterer Zeit etw. abweichend in der Hs. 376 (Konst.
Kollect. 1715. Das G. L. Arch. z. Karlsruhe). Die noch gegenwärtig im Innern der
Mauritiuskapelle des Münsters an der Umfassungsmauer eingelassene Inschrift lautet
in MOMMSEN's Text und Ergänzung:

im? • CAES • G • AVRE • VAL ■ DIOCLETlANus pont ■ max ■ ger ■ max • ii
SAR • MAX • PERS • MAX • TRIB • POT • XI • IM/ ■ x ■ cos ■ u ■ p ■ p ■ procos ■ et
IMP • CAES ■ M • AVR • VAL • MAXSIIMIAwwj pont ■ max -ger • max ■ sar
MAX • PERS • MAX -TRIB • POT • X • IMP-Villi • COy • impprocos -p ■/■ inuaugg-
ei • VAL • CONSM.NTIVS • ET - GAL • VAL maximianus nobilissimi
cAESS • MVRVM ■ VITVDVRENSEM • A Solo refecerunt

AVRELIO PROCVLO V • 1/ 1/ R aes ■ prou ■ dedic.

Der Stein ist, wie auch MOMMSEN (auf welchen für die Erklärung und
Kritik der Inschrift im Uebrigen verwiesen wird) annimmt, aus Oberwinterthur
und wahrscheinlich durch irgend einen Bischof hierhergebracht worden, vielleicht
weil man der Meinung war, aus V. 5 den Namen der Stadt herleiten zu können.

Alles zusammen genommen, wird man schwerlich fehl gehen, wenn man die
auf dem höher gelegenen Münsterplatz aufgefundenen Mauerreste dem früher dort
befindlichen Castrum zuschreibt. Dafür spricht auch, dass das nördlich angrenzende
Gelände, das vielleicht von der römischen Civilbevölkerung bewohnt war, von alters
her den Namen 'Niederburg' führt, wie sich z. B. bei dem römischen befestigten
Lager von Neckarburgen am Südabhange des Odenwalds der Name 'niedere und
obere Burg' erhalten hat. Die oben berührte römische Strasse würde dann von
Süden her in das Castrum eingemündet haben. Zerhauene menschliche Schädel,

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