Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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Farbe Weiß, der „Farbton" Weiß, ist heute ein
wichtiger Kulturfaktor, ein neuer Wert- und Zeitaus-
druck geworden. Er ist, farbig gesehen, ein Merkmal
unserer Zeitauffassung und mit ein Bestandteil der
gesamten heutigen modernen Weltanschauung. So
betrachtet, wird heute Weiß, das reine Weiß, mit als
sin Hauptbestimmungswert seiner Zeit gewertet.
Weiß — entschieden-positiv im Eindruck und in der
Wirkung — früher als Farbe überhaupt nicht gewer-
tet und nicht einbezogen gewesen in den Farben-
kreis, gibt in der Tat unserer Zeit die ganz bestimmt
und eindeutig farbige Note.

Ob Möbel, Plastik, Malerei oder der Mensch, der
vor ihm steht oder sich bewegt — das Weiß, das
reine Weiß als Hintergrund verlangt warnend Beach-
tung. Es zeigt jeden Fehler und verlangt, daß
man es neu würdige und den Sinn seiner besonderen
Betonung verstehe.

Das veraltete, mit allen Stilmerkmalen gekenn-
zeichnete Gebäude Malerhandwerk ist endgültig
trotz jahrhundertelanger Renovierungen unmöglich
geworden. Die neue Zeit gibt ihm eine neue Werk-
stätte. Sie nimmt ihm allen Ballast von Formen und
Farben, von Sauce und Patina: sie schenkt ihm sei-
nen Geist!

Der Innenraum als Behausung hat heute gegen-
über der alten Auffassung vom Wohnen eine andere,
eine neue Bedeutung bekommen. Er will nicht mehr
als geschlossener Raum wie früher Bedeutung
haben.

Er wirkt dann auch schon rein eindrucksmäßig
durch das Weiß als Maueranstrich wie gesprengt.
Man will nicht mehr in sentimental-romantisch ver-
sunkenem Halbdunkel von der Außenwelt, von der
Natur abgeschlossen sein. Vielmehr sucht man mit
allen Mitteln nicht nur mit den an sich gegebenen
Möglichkeiten durch große Fenster, Haus- und Dach-
gärten, Veranden und dergl. mehr, sondern auch mit
denen der Illusion des weißen Anstrichs sich Weite
zu verschaffen. Der heutige Mensch will Freiheit,
Luft, Licht; er braucht Ferne für seine Gedanken
und Ideen. Die Möbel, Betten, fast alle Einrichtungs-
gegenstände verschwinden in der Wand. Der Raum
wird leer, gibt Bewegung, macht frei gegenüber einer
Zeit, wo nur mit äußerstem Geschick durch mehr-
fache Tür- und Vorhanggarnituren abgedunkelt, mit
Möbelgarnituren aller Stilarten der bekannten Ver-
tikows und Nippes aufgestapelten ..Wohnräumen"
durchzufinden war. Im weißgestrichenen, fast leeren
Raum, steht heute das Wenige, nur äußerst Notwen-
dige an Einrichtung, wie im Freien, oder es erscheint
wie in der Luft hängend. Der Raum wirkt durch das
Weiß wie ins Unendliche gerückt, wie die Sinne des
modernen Menschen in vielfacher Tätigkeit erobern,
vorwärtsstürmen, in die Weite wollen. Die Vorstel-
lung Kerzenlicht —, den stimmungsvollen schummeri-
gen, patinierten Innenraum, der den Geist des Men-
schen einst beruhigte, einlullte, kennt er nicht. Er
macht die Wände seines Hauses auf. Er will ins
Freie, treibt Sport, will wandern, fahren, reisen,
fliegen, mit Aufbietung aller seiner Kräfte, hinaus,
hinauf, hindurch, kurz, ungezügelte Phantasie und
Ziele sind seine und der Zeit Merkmale. Diese Ein-
stellungen vertragen das Grau und Braun in der
Farbgebung von gestern nicht mehr.

Die Maschine hat vorweg einmal jedem das sonst
übliche Werkzeug aus der Hand zu nehmen versucht,

um es durch eines seiner eigenen Produktionsmittel
zu ersetzen. Das ist ihr denn, da sie fast alle
Arbeitsverrichtung mit den ihrigen heute schneller
und exakter, als die alte Handarbeit es ermöglichte,
in fast allen Gebieten auch gelungen.

Im Malerhandwerk wirkte sich das früher ja schon
deutlich durch das Entstehen der Schablonenfabri-
ken und neuerdings durch die Erfindungen der
Spritzmaschinen aus. Aber diese und alle noch kom-
menden maschinellen Erfindungen treffen, wenn sie
als Ersatz für die lebendig-geistige Arbeit im Maler-
handwerk gedacht sein sollten, das Wesentliche,
das Herz des Malerhandwerks, nicht. Sie gefährden
den wertvollsten Bestand nicht, weil sie nicht das
Geistige, den Sinn in diesem Berufsstand berühren.

Es soll ja wohl auch durch die Neuerfindung
„Spritzmaschine" das Anstreichen nur schneller
als sonst gehen. Allerdings kommt es aber doch
auch weiter darauf an, mit dem neuen Instrument
Spritzmaschine, das nun da ist, später einmal im
Form-Gestalten auch mit diesem Hilfsmittel, wie der-
einst mit dem Lineal oder der Schablone, Anschluß
an die neue Zeit zu finden.

Wie der Architekt heute durch die Erfindungen
neuer Baustoffe mit Normen und Einheitstypen
äußerlich sichtbar zu zeitgemäßen Bauformen
kommt, genau so wird auch der Maler mit dem neuen
Hilfsmittel Spritzmaschine zu neuem Formgestalten
kommen müssen. Die Spritz„maschine" mußte er-
funden werden, weil sie leichter und im Anschluß an
die eben auch von einer Maschine erzeugten glatten,
geraden Möbel und von ihr sonst erzeugter moder-
ner Einrichtungsgegenstände von selbst formen-
sichereren organischen Anschluß findet, als mit dem
bekannten Werkzeug Pinsel. Aber ob Schablone,
Lineal, Pinsel oder Spritzmaschine in der Hand,
immer werden die Hilfsmittel in der Anwendung von
einem lebendigen erfinderischen Menschen geführt
und beseelt werden müssen, um zu wirklichen
„Formgestaltungen" zu kommen. Vorläufig be-
herrscht aber noch die Farbe allein — „das Weiß" —
inner- und außerhalb des neugeschaffenen Raumes
die Situation, das neue Lebensgefühl. Die Spritz-
maschine ist aber auch gar nicht für den Maler, son-
dern bewußt oder unbewußt nur für das Anstrei-
chergewerbe als ein Teilgebiet des Malerhandwerks
erfunden worden. Denn, — das Maschinenzeitalter
in seinen Anfängen heute ist jeder malerischen
Form feindlich gesinnt. Für das Malerhandwerk be-
sonders da am stärksten fühlbar, wo es sich um
Hintergrundsbehandlungen im Innenraum, um die
Wandfläche handelt.

Gegenüber den heutigen einfachen Erzeugnissen,
den glatten, kantigen Maschinenmöbeln, Lampen und
was sonst jetzt in Massen Gebrauch findet, wird
vorläufig jede Verbindung, Betonung oder Vermitt-
lung mit diesen, geschweige denn irgendwelche
malerische Selbständigkeit, nicht gewünscht.

Die Maschinenerzeugnisse vertragen, weil sie
erstmalig und neuartig sind, von anderen seither an-
erkannten Schaffensgebieten vorerst kein künstle-
risches Beiwerk. Die Maschine hat für ihre Erzeug-
nisse eine ihr eigene Form und Ausdruck gefun-
den. Diese verlangen vorerst, so glatt und rein, wie
sie selbst sind, eine ebensolche Umgebung. Vom
Maler einen nicht eigens betonten, aber sauberen,
technisch einwandfrei hergestellten Hintergrund.

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