Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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empfinden der Spätgotik auch einen starken künst-
lerischen Reiz haben mußte, wurde zum Vorbild für
das Kirchendach. Dürer hat als Maler dem Reiz
der alten Dorfbilder mit ihren ungeheueren Dach-
massen mehrfach Ausdruck zu geben versucht, so
in dem Kupferstich des :.Verlorenen Sohns'' und in
dem Aquarell „Drahtziehmühle", die die Dächer noch
über die wirkliche Höhe hinaus steigern, wie sich
durch die Vergleichung der objektgetreueren, weni-
ger umgesetzten Zeichnungen beider Situationen
ergibt. Als man ihn aber als Architekten vor
die Frage der Kirchendachgestaltung stellt, ist für
ihn nicht der malerische Reiz der damals schon als
altertümlich empfundenen Form maßgebend, sondern
nur noch der bauliche Formausdruck seiner eigenen
Zeit.

Denn trotz aller nur technischen Gründe, die
Dürer für das flache Dach und gegen das hohe Dach
anführt, kann man sich dem Eindruck nicht ver-
schließen, daß ausschlaggebend für ihn eine neue
Empfindung für das Bauwerk als gelagerte Masse
war. Zudem war seiner Zeit wie der unsrigen
eine Form, die sich nicht konstruktiv oder zweck-
lich zu rechtfertigen vermag, widrig: man dachte
in architektonischen Fragen im Jahre 1518. dem
Jahr der Abfassung des Gutachtens, um vieles
strenger als in der Spätzeit des 15. Jahrhun-
derts, in der das dekorative Empfinden oft das
architektonische überwuchert.

Daß die neue Formempfindung das letztlich für
Dürer ausschlaggebende war. kann man aus der Tat-
sache entnehmen, daß er selbst die Nachteile des
flachen Daches in Vorteile umzudeuten versucht.
Denn wenn auch in vielen Punkten das niedere
flache Dach dem hohen steilen als Kirchendach
überlegen ist, da es weniger toten Raum enthält,
leichter ist und fast keinen Winddruck auszuhalten
hat, dem Feuer weniger Nahrung bietet, ungefähr-
licher zu decken ist und schließlich geringeren
Unterhalt kostet, so ist der siebente Punkt, den
Dürer anführt, daß der Wind den Schnee auch leicht
von solcher Fläche blase, doch entschieden zwei-
felhaft.

Es läßt sich schwer sagen, was entscheidend war
für die Ablehnung des Dürerschen Vorschlags und die
Beibehaltung des hohen Dachs der Gnadenberger
Klosterkirche: sachliche Bedenken oder das für
Augen dieser Zeit erschreckend Neue der Dürer-
schen Form, das nicht jedem Auftraggeber eingehen
mochte. Uns Heutigen ist wichtiger, festzustellen,
daß Dürer selbst kein Bedenken trug,
inmitten der geschlossenen Einheit
steilbedachter Bauten ein flaches
Dach aufzuführen, und daß er eine
zwecklich und konstruktiv nicht zu
rechtfertigende Form als Architekt
ablehnte.

II.

Eine Streitschrift für das flache Dach
von 1720.

Weicht Dürer, trotzdem er offensichtlich von
künstlerischen Überlegungen bei der Konzeption
seiner Lösung bestimmt war. in seiner Begründung
einer ästhetischen Beweisführung aus — vielleicht,
weil solche Argumente bei seinen Bauherren wenig
vermochten —, so findet sich bei einem späteren,
noch wesentlich radikaleren Verfechter des Flach-

daches neben den von Dürer beigebrachten prak-
tisch-zwecklichen und konstruktiven Gründen eine
ästhetische Beweisführung, die noch heute ihre volle
Aktualität bewahrt hat. Dieser spätere Verfechter
des Flachdaches, und zwar des völligen Flach-
daches im Gegensatz zu der von Dürer gewählten
leicht geneigten, allerdings vom normalen Stand-
punkt aus unsichtbaren pyramidischen Dachform ist
der kgl. polnische und kursächsische Kammer-, Kom-
merzienrat und Nationalökonom Paul Jakob Mar-
perger, der ca. 1720 seine Abhandlung über die
..Altanen1", d. h. die flachen Dächer erscheinen ließ,
in der er nichts geringeres vorschlägt als polizeilich
..die universale Einführung der Flachdächer zu
bewirken".

Die kleine Schrift —von dem Nürnberger Bi-
bliotheksdirektor Dr. Friedrich Bock aufgefunden
und mit Dr. Wiessner zusammen in der Schriftenreihe
..Der Keil", die bei Ernst Frommann & Sohn in Nürn-
berg erscheint, ediert — bringt auf Grund der Erfah-
rung an einigen Dresdener Häusern ausgezeichnete
Argumente für das flache Dach, vor allem für die
Ausnutzung des Dachgartens, neben kuriosen Be-
rufungen auf die Bibel und interessanten Anwei-
sungen zur technischen Durchführung. Am wichtig-
sten aber sind die ästhetischen Begründungen:
..Weil die Unförmlichkeit. welche in denen meisten
unsrer teutschen Städte wegen Ungleichheit der
Häuser regieret, da bald das eine hoch, das andre
niedrig, jenes ein hohes steiles, dieses ein gebroche
nes Mansardisches oder gar plattes Dach hat, eine
große Unzierde einer solchen Stadt wegen nicht
genugsam observirter Symmetrie auch sogar in neu
nebeneinander gebauten Häusern giebet, solches
wenn alle Häuser mit Altanen und ohne Dächer ge-
bauet werden müßten, gar leicht könnte geändert,
die Bauherren auch von selbst zur Observierung
einer Egalität oder Gleichheit in der Höh würden
aufgemuntert werden." Uber diese sehr weitsichti-
gen Perspektiven hinaus finden sich auch schla-
gende Gründe gegen die ewig Gestrigen, die „das
Abschaffen aller Haus-Dächer" als „etwas unge-
wöhnliches und neuerliches" ablehnen. Diesen er-
widert Marperger: „So wenig als unsern jetzigen
Teutschen zu verdenken, daß sie nicht mehr nach
ihrer Voreltern Art und Weise, welche Tacitus in sei-
nem Buch von Sitten der Teutschen beschrieben,
in Kleidung. Wohnung und Speisungen etc. sich auf-
führen, sondern etwas besseres und bequemeres
von anderen Nationen angenommen haben, so wenig
wird auch jemand ein solcher Haus-Bau zu verargen
seyn. der beydes. zu seynem eigenen als der Stadt
Nutzen und Vorteil ein- und aufgeführet ist." In An-
sehung der Vorteile, die das Flachdach mit sich
bringt, kommt er dann weiterhin zu seiner radikalen
Forderung, daß ..zum wenigsten die neu zu erbau-
enden Häuser mit Altanen anstatt der Dächer zu
versehen, durch öffentliche Mandate ver-
ordnet werden müsse", eine Forderung, deren über-
legter, in die Zukunft blickender Radikalismus noch
heute die gleiche Überzeugungskraft wie vor zwei-
hundert Jahren hat — nur daß wir der technischen
Lösung des Problems heute wesentlich näher sind
als Marperger. dessen Forderung verhallen mußte,
weil die notwendige technische Voraussetzung zu
einer allgemeinen Durchführung damals noch nicht
gegeben war.

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