Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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wagt hätte. „Ungriechisch" sagt er, „ist es, durch
die Gegenstände, mit denen man sich zum täglichen
Gebrauch umgibt, seine Individualität zum Ausdruck
bringen zu wollen. In Deutschland sieht man die
größte Mannigfaltigkeit in der Kleidung, die Deut-
schen sind daher von allen Kulturvölkern diejenigen,
die noch am wenigsten von griechischem Geiste er-
füllt sind. Der Engländer aber hat für eine be-
stimmte Gelegenheit einen Anzug, ein Bett, ein
Bicycle. Das Beste ist ihm das Schönste. Er wählt
daher wie der Grieche den besten Anzug, das beste
Bett, das beste Bicycle. Veränderungen an der
Form entspringen nicht der Neuerungssucht, son-
dern dem Wunsche, das Beste noch zu vervollkomm-
nen____"*) Mag sein, daß er, trotzdem er sich län-
gere Zeit in Amerika herumgetrieben hat, den Eng-
länder und den Amerikaner überschätzt, er übersieht
jedenfalls den einen Faktor, der übernational zu
sein, der von Natur aus zu dem über den ganzen
Erdball verbreiteten Kitschmenschen zu gehören
scheint: die Sentimentalität; aber eins ist gewiß,
er unterschätzt nicht den seichten Kunstfimmel, der
aus Haus und Heim ein Individualitätenkabinett zu
machen trachtet. Sagt sehr richtig zu den Leuten:
Macht euch keine Sorge um den „Stil", schafft euch
zuerst einmal eine Kultur an. Und am besten fangt
ihr damit an, daß ihr badet. Neben Akademien, meint
er, „baue man auch Badeanstalten und nebst Pro-
fessoren stelle man auch Bademeister an". Man-
ches würde dann schon von selbst kommen.

Wozu der ganze Unfug, der auf den Schulen ge-
trieben wird? Der Tischler soll tischlern, der Töpfer
töpfern, der Schneider schneidern. Die Leute sollen
wie früher das machen, was gebraucht wird, was
einen Sinn und Zweck hat und sollen sich den Dei-
bel scheren um Kunst, um Stil und vor allem nicht
um den Architekten, der am Reißbrett sitzt und
ahnungslos (ahnungslos dem Leben und dem Ge-
werbe gegenüber!) zeichnet. Die Gewerbe in Wien,
die Haltung bewahren und internationale Geltung
haben, sind die Lederwaren-, die Gold- und Silber-
warenindustrie und der Wagenbau. Warum? Weil
es für die Gewerbe, wenigstens damals, noch keine
Fachschule gab. Sonst hätte die Lederwarenindu-
strie sich gewiß auch lächerlich gemacht mit goti-
schen Koffern, Renaissance-Hutschachteln, griechi-
schen Zigarettenschachteln und dem, was als „mo-
derne" Abwandlung danach gekommen wäre. Warum,
fragt er weiter, machen uns die Maler noch keine
Schuhe, nachdem sie sich doch bald aller Werk-
stätten bemächtigt haben? Sehr einfach, weil
unsere Füße empfindlicher sind als unsere Augen.
Die halten einiges aus. Trotzdem er der Ansicht ist,
daß ein Gebäude, das bis zur Kohlenschaufel der
Hand eines Architekten entstammt, etwas sehr
Langweiliges ist, preist er Otto Wagner, den größ-

*) Ich hoffe, Loos wird es mir nicht verübeln, wenn ich im Gegen-
satz zu der Druckweise seines Buches in die Zitate, die ich anführe,
die großen Anfangsbuchstaben der Hauptwörter wieder einfüge. Er
hat gewiß recht, wenn er von der tiefen Kluft zwischen dem geschrie-
benen Wort und der gesprochenen Rede spricht, recht. daß man große
Anfangsbuchstaben nicht sprechen kann, beim Sprechen nicht an
große Anfangsbuchstaben denkt und daß das mit ein Grund ist daß der
Deutsche so nicht mehr schreiben kann, wie er denkt und spricht-
aber für das Kleid der Sprache gibt es. scheint mir, ebenso eine Kon-
vention wie für die Kleidung selbst, aus der individuell herauszu-
springen gerade Loos abweist. Einstweilen gehört diese Konvention
noch zu den Tatsachen, die man bekämpfen, aber nicht so ohne
weiteres negieren kann.

ten Baumeister des neuen Wien, preist ihn vor allem,
weil der aus seiner Architektenhaut heraus- und in
eine beliebige Handwerkerhaut hineinschlüpfer.
konnte. „Er macht ein Messingbett — er denkt, er
fühlt wie ein Messingarbeiter."

Ornament nennt er schlechtweg Verbrechen.
„Je tiefer ein Volk steht, desto verschwenderischer
ist es mit seinem Ornament, seinem Schmuck. Der
Indianer bedeckt jeden Gegenstand, jedes Boot,
jedes Ruder, jeden Pfeil über und über mit Orna-
menten. Im Schmucke einen Vorzug erblicken zu
wollen, heißt, auf dem Indianerstandpunkt stehen.
Der Indianer in uns aber muß überwunden werden.
Der Indianer sagt: Dieses Weib ist schön, weil es
goldene Ringe in der Nase und den Ohren trägt.
Der Mensch auf der Höhe der Kultur sagt: Dieses
Weib ist schön, weil es keine Ringe in der Nase und
den Ohren trägt. Die Schönheit nur in der Form zu
suchen und nicht vom Ornament abhängig zu
machen, ist das Ziel, dem die ganze Menschheit zu-
strebt." So findet er die einzig brauchbare Defini-
tion für die dem Banausentum allzuleicht Vorschub
leistende Forderung nach Sachlichkeit: Er sagt
nicht: Zweckmäßigkeit ist Schönheit. Ein Satz, der
späterhin so viel Kunstgewerbeplattheit legitimie-
ren sollte. Vorsichtiger, weniger schulmeisterlich,
keinerlei lebendige Entwicklungsmöglichkeit versper-
rend, erklärt er, es ist vollkommen ausgeschlossen,
daß etwas Unpraktisches schön sein kann. Womit
sich arbeiten läßt. Er ist so ketzerisch, sogar zu
sagen, daß ein Möbel gar nicht „schön" zu sein
brauche, sondern vollkommen. Der Deutsche frei-
lich läßt sich ganz gern von seiner Umgebung mal-
trätieren, wenn er sie nur schön findet. Um eine voll-
kommene Sitzgelegenheit zu schaffen, braucht man
nicht Architekt zu sein, nicht die Säulenordnungen
usw. zu kennen, aber man muß etwas vom Sitzen
verstehen. Macht vollkommene Möbel. Die wird man
dann überall kaufen können und die werden dann —
ohne Inneneinrichter — zusammenpassen und ein-
heitlichen Stil haben, wie der Schuh, den man vom
Schuhfabrikanten, die Weste, die man vom Schnei-
der, der Hut, den man vom Hutmacher bezieht.

Man darf nicht vergessen, daß diese Aufsätze,
Feuilletons mit paradox zugespitzter Pointe im Stil
der „Neuen Freien Presse", für die der größte Teil
geschrieben wurde, ein paar Jahre vor van de
Veldes „Laienpredigten" schon gedruckt sind. Man
muß sich vergegenwärtigen, was damals — vor 1900
— gewerblich gemacht und gedacht wurde, um die
Bedeutung dieses Vorstoßes einigermaßen zu ermes-
sen. In Deutschland, viel weniger noch in Österreich
war jemals Derartiges gesagt worden, vor allem
nicht so klipp und klar, so kämpferisch kühn, so
überzeugt und überzeugend. Und zu dem Wort
stimmte die Tat: das Haus am Michaelerplatz. In-
zwischen, in dreißig Jahren ist vieles, was da sehr
witzig, sehr geistreich gefordert wurde, Selbstver-
ständlichkeit geworden. Selbstverständliche Auffas-
sung wenigstens, wenn einem auch ebenfalls nicht
entgehen wird, daß die architektonische und ge-
werbliche Praxis trotz der Länge der Zeit keines-
wegs so selbstverständlichen Gebrauch von diesen
Erkenntnissen gemacht hat. Immerhin, das Mittel-
alter, gegen das Loos ankämpfte, ist nicht mehr.
Daß das, was wir dafür bekommen haben, bloß eine
Mittelmoderne geworden, ist eine Sache für sich.

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