Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 5.1930

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liehen Neujahrsbetrachtungen nicht ausbleiben. Das
Notgerüst der Zwischenkredite, das nicht rechtzeitig
durch die tragenden Pfeiler dauerhafter Hypotheken
ersetzt werden kann, ist sehr umfangreich und recht
brüchig. Wird es nicht rasch und in genügendem Um-

fange wenigstens durch Notstandsarbeiten ver-
stärkt, so werden erhebliche Schwierigkeiten kaum
zu vermeiden sein. Der Schuldige ist dann natürlich
wieder der böse Vater Staat, der nicht Geld in sei-
nen Beutel getan hat.

BUCHBESPRECHUNG

Das W a s s e r g I a s - A n s t r i c h - und Mal-
verfahren. Von Heinrich Trillich. Schriften zum
„Deutschen Farbenbuch". 3. Reihe: Malverfahren.
Heft 1. Verlag B. Heller, München. Preis 4— RM.

Die von dem Verfasser des Deutschen Farben-
buches herausgegebene Schrift über Wasserglas-
anstrich- und -malverfahren zerfällt im wesentlichen
in zwei Teile — und zwar einmal in die Geschichte
der Stereochromie und weiterhin in einen Leitfaden
der Anstrich- und -malverfahren, deren Bindemittel
auf das Wasserglas zurückgehen. Im ersten Ab-
schnitt, der einen umfassenden Einblick in das ge-
schichtliche Werden der Wasserglastechnik zuläßt,
setzt Trillich den Förderern und Bahnbrechern die-
ser Arbeitsverfahren ein ehrenvolles Denkmal. Wenn
Trillich eingangs seiner Ausführungen von der „Tra-
gödie der Technik", die manche Neuerer und Denker
durchleben müssen, spricht, so bezieht sich dies im
wesentlichen auf den eigentlichen Verbreiter der
Gedanken über die nützliche Verwendung des Was-
serglases als Bindemittel, Adolf Wilhelm Keim,
dessen Lebensweg als ein mühevoller und mit Kampf
erfüllter bezeichnet werden muß. Läßt die Ge-
schichte der Stereochromie einen Einblick in das
wechselvolle Geschick jener Männer, die durch
Jahrzehnte hindurch um das Problem einer neuen
Mal- und Anstrichtechnik, die an Stelle der bisheri-
gen Außentechniken treten sollte, zu, so erfahren
wir aus dem zweiten Abschnitt das Wissenswerteste
über die Handhabung der Technik selbst. Der Ver-
fasser beschäftigt sich besonders eingehend mit der
Außenmaltechnik mit Hilfe der Mineralfarben und der
auf Wasserglas basierenden Bindemittel. Diese
Technik ist, bei sorgfältiger Handhabung zugleich
mit den verschiedensten Sgraffitoverfahren dazu
berufen, die Freskotechnik bis zu einem gewissen
Grade zu ersetzen. Besonders wichtig erscheint
dieser Teil der Abhandlung für den Unterricht an
Fach- und Kunstschulen, sowie für den Werkstätten-
unterricht an den Berufsschulen des Maler-
handwerks.

Weiterhin schildert der Verfasser die verschie-
densten Anstrichtechniken, wie sie durch örtliche
Verhältnisse und durch die Beschaffenheit der
Untergründe bedingt sind. Dieses Kapitel ist be-
sonders in unseren Tagen durch den Umstand, daß
die Architekten sowohl wie die Baumaler erneut ihr
lebhaftes Interesse der farbigen Gestaltung der
Baukörper mit Hilfe einwandfreier Anstriche zuwen-
den, nachgerade akut geworden. Trillich propagiert
in seiner Schrift besonders die von den Keimschen
Mineralfarbwerken in Lohwald bei Augsburg erstell-
ten sogenannten Mineralfarben, deren Fabrikation
direkt auf die Erkenntnisse und Verfahren Keims zu-
rückgeht. Wie weit die anderen ähnlichen Verfahren.

die heute bekannt sind und zur Anwendung kommen,
in bezug auf Güte, Haltbarkeit und rationelle Verar-
beitung sich mit den Keimschen Fabrikaten verglei-
chen lassen, ist bedauerlicherweise nicht im vollen
Umfange wiedergegeben. Für den Architekten und
den Baumaler besonders wertvoll sind die im letzten
Abschnitt gegebenen Anregungen über die Farb-
stoffe und über die Binde- und Fixiermittel. Trillich
weist bei dieser Gelegenheit mit Recht auf die von
der Deutschen Gesellschaft für rationelle Malver-
fahren schon vor Jahren aufgestellte Normalfarben-
liste und auf das Deutsche Farbenbuch hin. Diese
Arbeiten und eine Reihe anderer von der genannten
Gesellschaft herausgegebenen Schriften wenden
sich gegen den sogenannten „Farbenschwindel1, der
nur zu oft die farbenverarbeitenden Gewerke diskre-
ditiert. Die Gebrauchsanweisungen für Mineralfarb-
anstriche sind leicht faßlich und überaus gründlich
geschrieben und gehören in die Hand aller Bau-
künstler und Baumaler. Bedauerlicherweise ist
gerade in den letzten Jahren der Sinn für eine ein-
wandfreie Behandlung der Putzoberflächen mit An-
strichfarben stark geschwunden. Die Ursache die-
ser Erscheinung ist vielfach in der Verworrenheit der
Meinungen über die Güte der Verfahren und einer
gewissen Gleichgültigkeit gegenüber der einwand-
freien Handwerksausübungzusuchen. DieTrillichsche
Schrift ist dazu berufen, in denjenigen Kreisen, die
sich mit Anstrichtechniken befassen, aufklärend und
anregend zu wirken. Ein besonderes Kapitel, näm-
lich die Konservierung von Steinen mit Hilfe des
Wasserglases, sei noch besonders herausgehoben.
Trillich konstatiert lediglich die Tatsache, daß schon
vor Jahrzehnten Versuche in dieser Richtung getä-
tigt wurden. Uber die Vorteile der einzelnen Ver-
fahren schweigt sich der Verfasser mit vollem Recht
aus. Es ist trotz marktschreierischer Reklame und
trotz zahlloser Versuche bis heute noch nicht ge-
lungen, ein einwandfreies und wirksames Konservie-
rungsmittel für Steine zu finden. Alle gegenteilige
Behauptungen sind auf Teilversuche und Teilerfolge
zurückzuführen.

Die sachliche Behandlung aller gestellten Themen
ist überhaupt der Vorzug der Schrift und das Ver-
dienst des Verfassers. Otto Rückert

Anschriften der Mitarbeiter dieses Heftes:

Dr. Otto Neurath, Direktor des Gesellschafts- und Wirtschafts-
museums, Wien XIV, Ullmannstr. 44

Dr. Hans Karlinger, Professor an der Technischen Hochschule
Aachen

Professor Dr. Fritz Wiehert, Direktor der Städtischen Kunstschule
Frankfurt a. M.

Dr. Alexander Schwab, Berlin W 57, Potsdamer Str. 93'
Otto Rückert, Oberstudiendirektor der Meisterschule für das
Deutsche Maler- und Lackiererhandwerk, München

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