Heidelberger Zeitung — 46.1904 (Januar bis Juni)

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Drittes BZMt.

46. IühsMNg. — -N 25.

Samslüg, 30. Januar 1W4.

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Deutsches Neich.

Badcn.

Karlsruhe, 27. Jan. Dem „Schwäb. Merk."
schreibt man: Die nationalliberale Parteileitung hat nun-
mchr verlautbart, daß erst nach geschehener Durchberatung
des Verfassungsreformentwurfs in der Kommisfion der
Landesausschuß gur Stellungnahme berufen werden soll.
Diese Taktik ist gewiß die richtige für die nationallilberale
Partei, denn die Partei könnte sich nur fchaden, wenn ste
sich durch ihre maßgebenden Organe fur eine bestimmte
Form der Erkedigung der Reformfrage Zum Voraus fest-
legen wollte. Die iibrigen Parteien haben es bis jetzt
ebenfalls vermieden, stch zu binden (Versammlungsreden
einzelner sind nicht maßgebend!), sie lauern aber förmlich
darauf, die nat.-lib. Partei sür irgend eine verfrühte
Aeußerung haftbar zu machen. Voraussichtlich wird der
Entwurf der Regiermng in stark radikalisierter Gestalt
aus den Beratungen der Verfassungskommission hervor-
gehen. Es ist aber höchst unwahrscheinlich, daß die Erste
Kammer allem unbefehen zusstmmen wird, was das an-
dere Haus in dieser Frage Leschließt. Wie die Blätter
melden, hat die Verfassungskommijston der Zweiten
Kammer stch im Grundsatz dahin geeinigt, daß von einer
Vermehrung der Rechte der Ersten Kammer keine
Redeseinkönne. Wenn dies das letzte Wort wäre,
dann würden diejenigen Recht bchalten, die j.tzr schon die
Verfassungsreform für gescheitert ansehen. Die Erfte
Kammer wird einem solchen Beschluß schwerlich zustim-
men. Es hat überhaupt den Anschein, als wolle sie, dem
von dcr andern Seste gegedcnen Bstspicl iolgend, ihre
Anschauungen recht krästig zur Geltung bringen. Die
Folge wird sein: Entweder wandert die Vorlage mehrmals
zwischen den beiden Häusern hin und her, bis eine Eini-
gung erzielt ist, oder, wenn die Ansichten zuweit ausein-
andergehen, wird die Reform für jetzt aufgegeben, Dann
wird sich vielleicht die Einstcht verbreiten, daß ein solches
Werk nur auf dem Wege des KomPromisses zU
stande kommen kann, und ein künstiger Landtag wird die
radikalen Bestrebungen etwas mätzigen, um den von allen
Parteien gewünschten Erfolg herbeizuführen. Daß auf
den evsten Gang eine Uebereinstimmung erzielt wird, ist
kauni zii hoffen. Aiick m dcr Ersten Ko.mmer wird die
Reform schon in der gemäßigten Fassung des Regierungs-
entwUrfs Schwierigkeiten begegnen. Aus dem Munde
eines grundherrlichen Mgeordneten der Ersten Kammer
sind Andeutungen gefallen, daß man nicht ohne weiteres
die Herabsetzung des Einflusses der acht grundherrlichen
Mgeordneten, die durch die Verrnehrung der Mitglieder-
zahl erfolgt, gutheißen könne. Von anderer Seite wird
der Eimennungsmodus durch den Großherzog ange-
fochten. Ueberhaupt ist die Reform der Ersten Kammer
der verbesserungsbedürstigste Teil des Entwurfs, doch
gehen die Ansichten über das Wie je nach dem Standpunkt
weit auseinander. Einige, die die Bedeutung der Ersten
Kammer heräbdrücken wollen, siüd gegen jede erhebliche
Vermehrung der Mitgliederzahl; andere möchten den
Einfluß der 'Ersten Kammer als Gegengewicht gegen den

s zunehmenden Radikalismus in der Zweiten Kammer ge-
i stärkt sehen und betonen deswegen de Notwendigkeit, die
l Kammer aus unabhängigen Männern zusammen-
^ zusetzen. Die Ernennung durch den Großherzog wäre ein
s passender Modus, wenn es sich nur darum handelte, sach-
s verständige und lebenserfahrene Köpfe in das hohe Haus
i zu bringen. Jn diesem Sinne hat sich der Ernennungs-
s modus bisher bewährt. Durch den sogm. „Fall Neu-
s Lronn" hat aber die Regierung einen Denkstein geschaffen,
z der ihr jetzt selbst im Wege steht. Die Mitglieder der
s Ersten Kammer müssen nicht nur unabhängig von unten
f und oben sein, sondern alle Welt muß sehen und
j sich überzeugen, daß sie es sind; sonst hat die
« Erste Kammer in kritischen Zeiten, die eintreten können,
j keine genügende Festigkeit, um ilire Stellung zu behaup-
: ten. Eine Erweiterung des landesherrlichen Ernennungs-
s rechts wird daher nicht unter diejenigen Mittel zu rechnen
! sein, die sich zur Erhöhung des Ansehens und Einflusses
! der Ersten Kammer eignen.

j Kleine Zeitung.

— Bebel als Erbc. Der „Vorwärts" schreibt: Unter
s vorstshender Spitzmarke läuft eine Nostz durch die Presse,
- welche fich mit dem Testament des im Mai v. I. in einer
> bayerischen Jrrenanstalt verstorbenen Leutnant Hermann
! Kallmann beschäftigt, a'ber starke Unrichtigkeiten enthält.
! Die Sachlage tst folgende: Leutnant Hermann Kallmann,
: der 1874 die persönliche Bekanntschaft Bebels machte,
i unü später wiederholt mit ihm in brieflichem Verkchr
s stand, setzte im März 1879 diesen nebst seiner Schwä-
! gerin, der Frau des Oberingenieurs O. Kallmann, zu
! Estben ein. Das vererbte Vermögen ist nicht elterliches,
s sondern stammt ans einem großen Lotteriegewinn, den
s der Verstorbene Mitte der 70er Jahre in der österreichi-
^ schen Lotterie machte. Zwei Jahre n a ch Abfassung des
s Testaments wurde Hermann Kallmann, der damals als
! penfionierter Osfizier in Ulm lebte, fiir irrsinnig erklärt
s und entmündigt. Die enterbten Geschwister, mit denen
( der Testator in Unfrieden lebte, fochten das Destament
! an mit der Behäuptung, daß der Verstorbene schon im
-! März 1879, als er das Tcstament machte, geisteskrank
^ gewesen sei. Das Testament wurde 1879, als Kallmann
? sich im Münchener Militärgerichtsgefängnis befand, von
s einem der angesehensten Münchener Notare, der noch lebt,
verfaßt und bei ihm auch deponiert. Sobald Bebel von
; der im zugedachten Evbschaft und dem Einspruch der
) leer ausgegangcnen Geschwister unterrichtet war, machten
er und sein Miterbe eincn Vergleichsvorschlag, der äber
i von der Gegenseite abgelehnt wurde. Beide Parteien
H verständigten sich dann dahin, daß in dem bevorstehen-
! den Prozeß nur auf einen Teil der Masse, ein Fünftel,
geklagt werde, um die envrmen Gerichts- und- Rechts-
anwaltskosten zu reduziercn, der Entscheid sall aber für
das ganze mäßgebend sein. Auch kamen beide Teile
überein, daß der obsiegende Teil die gesamten Prozeß-
kosten, also auch für den unterstegenden Teil, zu tragen
habe. Prozeßführer fiir die Gegenfcite ist die Gattin des

Heidelberger Kuuftvereirr.

Heidelberg, 30. Jan.

AuS den Bildern iener alten Meister, welche heute ganz be-
sonders als dorbildlrch nnd verehrungswürdig gclten — es
seien mrr Rembrandt, Velasquez, Brouwer unter vielen an-
deren genannt — geht, rmgeachtet rhrer Verschiedenheit und
Mannigfaltigkeit, dentlich hervor, daß sie ihre Wirkung anf den
Peschauer einer bewußt angew'andten Verern-
fachuing und K o rr z S ntt 'r a t i o ir Potr Form urrd
Farb« verdanken. Es ist hier nicht die <Aelle, diefe
Taffache an einzelnen rhrer Wcrkc zu erwersen; doch kann gerade
dje gcgenwärtige Ausstellung rms in doppeltem Sinne die Rich-
ffgkeit dieser von den altcn Meistern abgcleiftetcn Forderrmg
dor Augerr führen: alle jene Bilder, wclchc sie erfüllcn, wir-
'en, erfreuen, entzücken; jene, welche achtlos wn dem
ererbten Gnt vorübergehen, bleiben uns, günstigsten Falles,
gleichgiltig.

Previati rmd Henre, fo wefensverschieden rmd charaktervoll
Äle beide; und doch, in dem einen sind sie glerch: sie führen
M>rm rmd Farbe des Natur- oder Phantasieeindrucks auf ihr
-Tksenlliches zurück rmd vcreinfachen und' konzentrierem in be-
jpußt angewandten Negensätzen ihre Wirkung. Und diese Gleich-
heit, obwohl beide ganz bestimmt nichts bon einander wußten,
geht soweit, daß Schätzrmgen, welche man Previati zusprechen
^utz, gleicherwerse auf Henke cmgewendet wevden können.

Iwer Brldcr siird noch im Kunstverein, welche in hohem
Maße jene Forderung ersullen: die Mondnacht von Karl
^artels (Herdelbergi rmd die „holländische Dorf-
Üratze" von Anna Löhr (Brarmsch-Weig).

Da mir nichts ferner liegt, als hrer Schlagwörter zu prä-

-— jene gefährlichen Waffcm in der Hand solcher, die ernem
slsitrmmten Schaffen als Laien gogenüberstehen — so sei bei
melegenheit der Besprcchung dreser beiden B'lder angedeutet,
mre weit hinein in das Arbeitsgebiet der Malerei die oben
^mgestellte Forderrmg rms führt.

Wenn wrr tm hellen Tageslrchte vor der Rastrr stehen, so

stürrnt eine Unendlichkeit von fmnlichen Eindrücken mrf ums
ein; es ist unmöglich, auch nur das, was das Auge wrrklich
sieht, mit den Mitteln der Farbe und der Form wiederzugeben,
geschweige dcnn das, was wrr gelegentlich dreser 'Eindrücke
rnnerlich erleberr, im vollen Umfang, auf einmal bildlich dar-
! zustellen. Der Künstler muß also auf vreles verzichten, rnnß
vercinfachen lernen. Die Nastir bietet ihm abcr Gele-
genheiten, wo sie ihm in dieser Richtung cmf halbem Wege
entgegenkommt: in den Stunden der DLmmcrung, sei
es des Tages oder dcr Nacht. Da gleicht sre viele Gegensätze
aus, faßt die Dintze zu grotzen Massen zusammeu imd läßt die
Farüen, am Tage oft so schreiend und sich widerstrebend, in
harmonischen Akkordcn zusammenklingen. Die Dämmerung in
! irgend welcher Form wivd daher von der moderneu Malerei
! niit Vorlrcbe aufgesncht; doch stellt sie gerade, trotz der Er-
> leichterung auf öer ernen Seite, an das künstlerische Auge an-
! derscits doppelt hohe Anfordcrrmgen. Große Gegensätzc des
! Lichtes uind der Farbe smd rricht schwer wahrzrmehrnen; selbst
! das normale einjährige Kind unterscheidet rot und blan, hell
- und drmkel. Dagegen gehört immerwährende Uebung und nn-
! ermcßbar ferne Äuffassungsfähigkeit und Differenziertheit des
! Sehens dazu, dic geringcn Ton- nnd Farbenintervallen dcr
! Dämmerung ausdrücken zu können; da erne Farbe alletn nichts
! sagt rmd nur durch rhre Umgcbung bestimmt wird, so tritt hier
die Notwendigkeit ein, den Zusammenhalt, das Verhältnrs der
Torre dort, wo eine Wirkung sein soll, aufs genarieste zu fassen:
zu k o n z e n t r i e r e n. Nur wenn diese Vorbedingung er-
füllt ist, spricht der Stimmrmgsgehalt dcr von der Natur im
Dämmerlicht vorgenommenenen Verernfachung zu uns. Auch
! die Morrdnacht rst im Vcrgleich zum Tageslicht eine Dämmer-
! rmg. Auf dem Bilde von Karl Bartels ist sie vollendct
. wiedergegeben; hier rff, dnrch das Vcrhältnrs des blaugrimen
Tones zn dem durnpfen Roftbraun des Baumes dre Farbwir-
kimg der weiten Flachlandfchaft mif ein Mrnimum zrffammeu-
i gedrüngt, korrzentriert. Ein unbeschrerKrchcr Friede, das ganze
, Hingegebensein der vou kerner Menschericheinung gestörten Na-
' tur liegt irber diesem Bild — so cinfach es scheint, beiveist es

Qberst a. D. Hauser in Mgsburg, eine Schwester des
Erblassers. Der Prozeß kommt in erster Jnftanz vor
dsm Landgerichte UIm zur Entscheidung.

Vcrantwortlrch für den revaktronellcn Teil F. Montmr, für
dcn Jnseratcnteil Th. Bcrkenbusch, beide m Herdelbcrg.

sft Zmperisl

cklrslrt »n cksv

ktrthtiosomoit oHorsrot«» kinse«». ?ri«u
8i«r. I». 8p«i«tv n. OstrLsIl« L«ittmx»i«htarL

^ 5 Lii!»rcko »tt!L«rst»»st»»ä«v. -jK-

Memizer Mrckrck.

Wkdkllgi' ggsdrSü.

Lsnrlesrtsn,

ZsUoräen,

LsMsnSsuren,

ollixüssist iii rviedster ^ii8nr>ir!

^si«)»/s/^«sss /F/.

/>5.

amen- unS Zlerren-M5enr-§e5cW

unll Ltdsttümkrrsllreo,
kvrrüvftell

In ^kcksm Ullä 2vstLstvr.

V<rp;illll8 kür Nvrrs


srtt«t IkSrirviitiSittlir n Ntt«k

6ros8«8 lurgsr i»

Uorrsn-UkMlisn, vsiss u. kardiA, klilavo-sisiormksmäsn,
Uormalkemllön, Un'.erkioson, Untorjav!<on,8ovllön, Kragsn.
ÜOansoliostön, vi-avattsn, ttvmllonllnöpfon u. flosgnstLgorn.

Lkr. Lov5, LonZitorei, jknupt5tr. M,

k'iii«!»»: Sopklsllstrsss« 13 uuä NoIirtiLotisrr!»r»s 2, »itei»«

- --- äsw Lsilllkok llllä äsll Llillitrsll. .- >.r -r --»--»

sich dem Kenner als die Fvucht iutensivster Studien und verdrent
befondere Würdigung. Man verglerche damit die Monbnacht
von Erssel-Stuttgart. llngefähr alles, was wrr bei BarteÄ
frnden, vermrssen wir hier, und trotz der detaillrerten, fleitzigen
Arbcit fehlt diesem Mlde jemer Fleih, der mit der Natur ringt.
sirs er ihre Geheimnisse abgelauscht hat.

Die „D-orfstraße" von Löhr bringt Tageslicht, aber ge-
dämpftes, drrrch Nebel scheirrendes. Die Farben sind auf Rot-
gelb und Hellblaugrün gcstimmt, und cin rcizvoller, Ivarm-
goldiger Ton zieht den Blick des Beschauers von allen anderrn
Brlderrr, die auf diescr Seite HLngen, zu sich. Hier liegt wie-
der eine Bcgleiierschcinung der Konzentration. Das Verhält-
nis der Farbwerte zuernander muh dem Auge angerrehm sein.
nnd wrrd es sein, wenn es mrt Bezug auf die oüen erörterten
Gefichtspunkte wicdergegebcn ist. Das Auge gleitet aber gleich-
giltig über fene Bildcr hirr, wo diese Bedingung nicht erfü8t
ist. Jch nenne beispielswcise die mcrkwürdig harte Farb- rml
Formgebung von Halm-Nicolai. Auch in dem „Scmrmertag"
von Lang-München findcir wir, trotzdcm hier der zeichnerische
Teil famos gemacht rst, keine Stimmnng; die Farbwerte ffrch
nrcht gesehen, cs sind stilisierte, und trotzdenr unwirkliche unk
unangenehme Farbcri. Man beachte: die Farberschcinungen
müssen gewissermaßcn sti'lifiert werden, aber doch so, datz fie
dre Bedingung crfüllen, zugleich naturwahr und dem Aug«
angenehm zu seinl Gelöst erschesirt diese Forderrrng in dem
„Herbsttag" von Max Frey (Karlsruhe), der deKhalL
sich günstig vom „Gewitterab-end" des glerchen Kiinstlers unter-
scheiöet; wogegen anch die Harmonie von Grün, Violctt rmt
Schwarz des „W i n t - r a b e n d s" sehr reizvoll rst.

Der produktive F' :ß der heimischen KüNstlerin Georgine
Nrrhn muß anerkamst werden.

Sehr hübsch sind die klernen Radiernngen von Emmi Meh««--
Worpswede, wenn sie — oder vielleicht weil? — auch ftark v«rr
Ovcrbeck beeinflußt scheincn.

B. Ferstel-Rohmeder
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