Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Äbb. 1. Das Cßeater im Jungßof. Nacb Reiffenftein.

Colas, Annette et Lubin auf mich machten. leb kann mir die bebänderten Buben und
Mädchen und ihre Bewegungen noch jeßt zurückrufen.“ Nur bat Goethe fiel) hier in
der 3eit geirrt; er verfemt diefe Aufführungen in die Jahre der franzöfifeben Befeßung,
während in GCIirklicb)keit die Erftaufführung von Rose et Colas in der italienifcben Oper
zu Paris am 8. März 1764 ftattfand und Marcßand das 1772 ins Deutfcbe überfeine
Stück in Frankfurt zum erften Male während der Oftermeffe 1773 berausbracbte.
Goethe hat das Singfpiel alfo in der für fein eigenes diebterifeßes Schaffen fo un-
geheuer fruchtbaren 3eit zwifeßen feinem Kleßlarer Aufenthalt und feiner Überfiedelung
nach öddmar kennengelernt. 3um leßtenmal feßeint Rose et Colas im Jahre 1780 in
Frankfurt zur Aufführung gekommen zu fein. Der Librettofehreiber Sedaine (1719—1797),
von Beruf urfprünglicb Maurermeifter und Architekt, war ein äußerft bühnengewandter
und fleißiger Singfpieldicßter; die Mufik des Komponiften Pierre Alexandre Monfigny
(1729—1817) zeichnet fiel) durch großen Reichtum leicht anfprechender Melodien aus.
Das Cßeater, insbefondere die Komödie, die Oper und das Ballett, hat im 18. Jahr-
hundert eine viel größere Rolle gefpielt, als wir gewöhnlich anneßmen. Erftaunlicß
vielfeitig ift vor allem der Einfluß, den es im Rahmen der bildenden Kunft auf die
Porzellanplaftik ausgeübt hat. Unzählig find die Porzellanfgürcßen, welche die beliebten
feftfteßenden üypen der italienifcßen Komödie, der Commedia dell’ Arte, darftelien; in
ißrer Wichtigkeit noch lange nicht hinreichend bekannt find die oft feßwer zu identifi-
zierenden Geftalten der „franzöfifeßen Komödianten“; für viele Gruppen befonders der
füddeutfeßen Manufakturen find als Vorbilder gleichzeitige Büßnenwerke und Ballette
feftgeftellt worden. (So wird aueß die bekannte Früß-ßöcßfter 6Qaßrfagergruppe der
bildnerifcße Niederfcßlag des feßon angeführten Rouffeaufcßen „Devin du village“ fein.)
Seltener aber find Malereien auf Porzellangefcßirren, die auf Opern oder Scßaufpiele
zurückzufüßren find, wie etwa das reizende Berliner Service des ßamburgifeßen Mu-
feums für Kunft und Gewerbe mit farbigen Szenen aus „Minna von Barnbelm“ naeß
Stießen von Daniel Cßodowiecki und das feine Dejeuner aus ßöcßfter Porzellan mit
Illuftrationen zum Deferteur von Sedaine-Monfigny; ebenfalls nach Stießen von Cßodo-

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