Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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trotzdem bereits im Warenverzeichnis der Manufaktur aus den Jahren 1770 oder 71
„Dejeuners mit Komödien“ genannt werden, die wir uns ähnlich dem unfrigen vorzu-
ftellen haben. Solche Dejeuners mit Komödien kofteten 55 Gulden — eine red)t be-
trächtliche Summe, wenn wir uns den damaligen hohen Geldwert vergegenwärtigen.
Denn z. B. der ganze Jahresgehalt des fjofbildhauers Melchior, der bekanntlich die
erfte künftlerifche Kraft der ßöchfter Manufaktur war, betrug 540 Gulden, und der
höchft bezahlte Porzellanmaler der Fabrik, Ufinger, bezog einen feften Jahresgehalt von
400 Gulden, d. h- alfo etwa 700 Mark!
Nach dem franzöfifchen üextbud) von „Rose et Colas“, von dem fiel) ein Exemplar
in dem Mufikhiftorifd)en Mufeum von Fr. Nicolas Manskopf in Frankfurt a. M. be-
findet, fpielt fich die Handlung des Stückes folgendermaßen ab: Rofe, die Uochter des
Pächters Mathurin, und Colas, der Sohn des Kleinbauern Pierre Le Roux, lieben fich-
Mathurin ift hinter das Geheimnis gekommen, entdeckt es dem Vater Le Roux, und
beide, an fich mit der Verbindung ihrer Kinder zufrieden, verfchwören fich, durch eine
fcheinbare Entzweiung die Verlobung und IJeirat der jungen Leute bis nach der Ernte
zu verzögern. In voller Freude über ihren guten Einfall verfud)en fie übermütig einen
Bogen, den Colas im 3immer der Geliebten vergeffen hat, zu fpannen. Vergebens,
die verbrauchte Kraft reicht nicht mehr aus. (Diefe Szene ift auf dem Milchkännchen
wiedergegeben.) Inzwifd)en ift Rofe herdngekommen und nun brechen die Alten den
Streit vom 3aun. Hofe Iucht fie zu begütigen. (Darftellung auf der üeekanne.) Nun
fcßließt der Vater die Cod)ter ein; Colas kommt zum Rendezvous, findet die Cüre ver-
fdjloffen und fd)wingt fich auf das oben befindliche Fenfterbrett. Rofe verfteckt fich
und fieht zu, wie er einen Rofenftrauß ins 3immer wirft, der aber an die Erde fällt,
was er zum Anlaß nimmt, hereinzufteigen und den Strauß auf einen Stuhl zu legen.
Dabei fingt er eine gefühlvolle Ariette: „C’est ici que Rose respire ..." (Szene auf
der 3uckerdofe.) Als er das Fenfter wieder erreicht hat, entdeckt fich ihm die Geliebte,
er fteigt wieder herab und es folgt ein Liebesduett (Darftellung auf beiden CIntertaffen).
Jetjt hört man den Vater kommen, Colas will durch das Fenfter fliehen, findet es ge-
fd)loffen und bleibt notgedrungen oben auf einem an der Wand hängenden Sattel
fitzen. Der Vater Mathurin tritt ein, fe^t fich an den Cifd) und entfchlummert, während
die Cochter ein reizendes Lied von einem grauen Vögelchen fingt und als Schluß jeder
Strophe für ihren oben balancierenden Geliebten den Vers hinzufügt: „Ach, zieh die
Beine an, man fieht fie“. (Darftellung auf der Kaffeekanne.) Da aber verliert Colas
das Gleichgewicht und ftürzt mit Sattel und 3ügel über den Uifd) herab zur Erde. Der
Alte erwacht von dem Gepolter, es gibt die obligate Entrüftungs- und Verlegenßeits-
fzene, der Vater Le Roux kommt dazu und durch die Nachbarin, die Mutter Bobi,
entwirrt fich dann der Knoten: die ganze Gefcßichte löft fich in einem lebten großen
Quintett in eitel Wohlgefallen auf. Dies Finale gibt das Bild auf der Anbietplatte
wieder. Man fieht, eine recht harmlofe Begebenheit, die in dem Sattelfturz ihren
fzenifchen Höhepunkt erreichte und ihre befondere Beliebtheit den leicßtflüffigen, liebens-
würdigen Melodien der eingeflochtenen Gefänge zu verdanken hatte.1
1 Der obige Beitrag ift auch als Einzelbrofcbüre in einer kürzlich begonnenen Serie von Sonder-
heften des Kunftgewerbe-Mufeums zu Frankfurt a. Main erfchienen und durch das Mufeum zum
Preife von M. —.30 zu beziehen.

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