Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Alte und neue Graphik

leben zufammenballen. Es gelingt ihm oft, diefe
Gebilde in ihrer gefpenfterbaften Kraft zu atem-
beklemmenden Wirkungen zu erbeben und durd)
die öüucbt der Erfcbeinung, die er in magifcbem
Liebte aufbli^en läßt, Kunftwerke zu formulieren,
die in ibrer Größe den Raum zu fprengen droben
und in denen er doeb mit den der grapbifeben
Interpretation zur Verfügung ftebenden Mitteln
weife bauszubalten weiß.
Walter Klemm, 16 erotische Radierungen zur
Erbsünde. Bruno Wollbrück Verlag, Weimar.
In koftbarem Gewände präfentiert ficb (Halter
Klemm als Interpret einer erotifeben Scböpfungs-
gefd)id)te nad) einer alten Klofterbandfcbrift,
dod) gebricht es feinen Blättern leider an der
für die Behandlung foldjer Ehernen erforder-
lichen Brillanz, an dem hoch Künftlerifcben und
3ündenden, das folcbe Erotik rechtfertigt. Hm
beften ift ihm das erfte Blatt gelungen, in dem
Klemms fiebere Eecbnik, die wir von feinen
anderen Cüerken her fdjäljen, zu neuer Ge-
ftaltungskraft auflebt. Aber in den übrigen Kom-
poßtionen ift er merkwürdig febwad) und diffus
und wertet nicht die Effekte aus, die z. B. ein
Blatt wie das Hleib und der Bär in dem Kon-
trafte des helleuchtenden Menfcbenkörpers zu
dem zottigen Fell geboten hätte. Das mir vor-
liegende Exemplar der Mappe weift übrigens
recht flaue Drucke auf, woran wohl auch das
Papier mit Schuld bat, das für feine Kaltnadel-
radierung gar zu hart zu fein fcheint.
Paul H. Seeljaus
Hls dritte Mappe der Galerie Flecbtbeim
in Düffeldorf erßheinen demnäcbft feebs Radie-
rungen des verdorbenen rbeinifeben Malers
unter dem Eitel „Landfcbaften“, denen Fjein-
rid) Nauen eine zweifarbige Lithographie „in
memoriam Seebaus“ vorangeftellt bat. Dr. (Halter
Cohen febreibt zu den Blättern feines verdorbenen
Freundes die Einführung. Es werden im ganzen
nur 35 Mappen bergeftellt. Der Subfkriptions-
preis beträgt M. 420.—.
Illuftrierter Katalog der Ornament-
ftidjfammlung des Öfterreidjifdjen
Mufeums für Kunft und Induftrie
Erwerbungen feit 1889, bearbeitet von Franz
Ritter. Mit 153 Illuftrationen, öüien 1919 (Kunft-
verlag Schroll & Co.).
Mit diefem Kataloge nimmt das Öfterreicbifcbe
Mufeum die Verausgabe einer ganzen Reibe
wiffenfcbaftlicber Kataloge auf, welche allmählich
fämtlicbe Abteilungen der Sammlungen umfaffen
follen. In diefem Falle handelt es ficb um eine

tüeiterfübrung des vor 30 Jahren unter gleichem
Eitel und vom felbenHutor herausgegebenen, längft
vergriffenen Kataloges, deffen äußere Form und
Gruppierung möglicbft beibehalten wurde. Das
Material umfaßt alle Abteilungen der in zwölf
Fjauptgruppen aufgeteilten Sammlung vom 15.
bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Neben einer
Reihe hervorragender grapbifeber Seltenheiten
find befonders Farbftiche und Scbabkunftblätter
hervorzuheben, jener Eecbniken, um deren (üie-
derbelebung und Bewertung in der Künftler- und
Sammlerwelt ficb das Mufeum durch die Aus-
heilungen in den Jahren 1892 und 1894/95 ein
IJauptverdienft erworben hat. In der Gruppe
der Ornamente find vor allem deutfebe Blätter
von Aldegrever, von Licbtwarks „Meifter mit
den Pferdeköpfen“ (um 1530), Virgil Solis, einem
Kleinmeifter in der Art des Gillicb Kilian Progers
(1531) und eine böcbft feltene Folge von ge-
punzten Becherverzierungen des Fjans FJirtj, fo-
wie Punzenblätter des Paul Flynt hervorzuheben;
unter den Ornamenten für Nielloarbeiten Blätter
von Efaias van FVulfen, Cbriftollien, Sordot,
Conftantini. Durd) figürliche Arbeiten pnd die
deutfeben, franzößfehen und englifeben Schulen
reich vertreten; eine befondere Gruppe ift vom
Standpunkte der Koftümkunde berausgeboben.
Aus der Sammlung Lanna ftammt eine Reibe
febr feltener Konturfchnitte für Mobilien von
deutfeben Meiftern des 16. Jahrhunderts, unter
ihnen Jimmermann, die Monogrammiften Q G
und Q S (1540), daran fcbließen ficb Mobiliarent-
würfe der franzößfehen Schule (Du Cerceau d. Ä.,
Bouile, Marot). Schmied- und Sd)lofferarbeiten
find durch deutfebe Meifter (Birckenfeld, Scbmitt-
ner) vertreten. Es folgen Mufterfticbe für (Ihren
und Goldfchmiedearbeiten, weltliche und kird)-
lid)e Gefäße und Geräte; unter den letzteren find
Blätter der „Orfevrerie d’Eglise“ des J. A. Du
Cerceau und die aus fünf großen radierten Blät-
tern zufammengefe^te Darftellung des für St.
Peter in Rom 1582 ausgeführten Silberkreuzes
von Antonio Gentile fchon wegen ihres Selten-
heitswertes hervorzuheben. Das reiche Material
von Fjeraldik (Buchzeichen) und Architektur
(darunter eine Kollektion von 70 Blättern der
Anpcbten von (Dien und Niederöfterreich von
Carl Scbüö) und die Abteilungen Schrift und
Druck, 3eichenbücber und 3ei<benvorlagen ent-
halten die wertvollften kulturgefd)ichtlid)en und
künftlerifcben Dokumente. — Der Katalog kann
nicht nur infolge der Reichhaltigkeit der Samm-
lungen, fondern auch durch die Gewiffenbaftig-
keit der Bearbeitung, wie befonders durch die
wertvollen Literaturangaben, ein Künftlerver-
zeiebnis und Sacbregifter als ein Fjandbud) des

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