Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Büdjerfammelwefen — Neue Bücher und 3eitfcbriften

kann man, wenn es fid) um deutfdje Bud)kunft
bandelt, nod) von „erften Verfucben“ fprecben,
die „mit Unvollkommenheiten behaftet fein
müffen“ I Über die erften Verfudje ift die deutfcbe
Bucbkunft gottlob lange hinaus; das braucht
wahrlich nicht erft bewiefen zu werden, und an
ihren Erfolgen hat ja gerade der künftlerifcbe
Leiter der Rupprecht-Preffe, derfelbe, der diefe
Sätje fcbrieb, hervorragenden Änteil! Nein, die
Sache ftebt anders: wenn die önvoilkommen-
heiten der Bucbkunft-Experimente „im Mangel
an geeignetem Papier, an vortrefflicbfter Farbe,
an gefcbultem Perfonal zu fuchen find“, wenn,
ftatt „Homogenität der üeile eines Kunftwerks“
zu erreichen, die Gefahr „unechter Verkoppelung
heterogener Elemente“ beftebt, dann kommt „ein
Äuffcbieben fo wichtiger Äbpcbten“, wie pe die
künftlerifd)en Preffen verfolgen, keineswegs
„einem Äufgeben faft gleich“, fondern durch ein
folcbes „Äuffcbieben“ würde im Gegenteil ge-
rade der berechtigte Verdacht der Äusnu^ung
einer „Hochkonjunktur der Bücbermacberei“ ver-
mieden werden. Müffen wir unbedingt „Luxus-
drucke“ in Maffen haben? Begnügen wir uns
mit „fcbönen Büchern“ — das ift viel mehr!
Ond febmäben wir nicht die Kritik! Die deutfebe
Bucbkunft denkt nicht daran, auf pe verzichten
zu wollen. Georg Minde-Pouet.
Die Bibliothek des Grafen Kalck-
reutl) in Wiesbaden
Hdolf Schmidt bat in einem auffcblußreicben
und mit gut gewählten Äbbildungen verfebenen
Äuffatj im 11. Heft des 10. Jahrganges 1918/19
der 3eit[d)rift für Bücherfreunde auf die unge-
wöhnliche Bedeutung der bis dahin fo gut wie
unbekannten Bücberfammlung des Grafen Kalch-
reuth in GCIiesbaden bingewiefen und einige be-
fonders bemerkenswerte Stücke diefer Sammlung
eingehend befebrieben. Die üatfacbe, daß mir
der Bepber freundlicherweife ein Exemplar feines
1918 in Frankfurt gedruckten Bibliothekskataloges
vor kurzem zufandte, machte es mir möglich,
auch aus eigener Änfchauung ein Bild von dem
Gmfang der Sammlung zu gewinnen. Kultur-
und insbefondere koßümgefcbicbtlicbe, fowie
beraldifcbe Studien fcbeinen der Gepcbtspunkt
gewefen zu fein, von dem Graf Kalchreuth bei
der Begründung feiner Bibliothek ausging. Es
ift nun febr intereffant zu feben, daß er pcb mit
der3ufammenftellung etwa einer koßümgefebiebt-
licben Spezialbibliothek nicht begnügte, fondern
die Bibliothek auch nach einer Seite hin er-
weiterte, die mir für den modernen Sammler
befonders djarakteripifch erfebeint. Der Katalog
verzeichnet nämlich in einer Äbteilung „Hand-

fcbriften, Malerei und Bucbilluftration“ eine fel-
tene Vereinigung erlefener Handfcbriften und
(Hiegendrucke, deren gefchickte Äuswatp es dem
Befcbauer ermöglicht, ein ziemlich vollkommenes
Bild von der Entwicklung der Bucbillußration
des fpäteren Mittelalters in feinem Übergang
zur Neuzeit zu gewinnen. Neben dem berühmten
von Foucquet illuftrierten Livre d’beures und
einigen anderen Handfchriften von böcbßer Qua-
lität hat diefer glückliche Sammler auch ein
Pergamentexemplar der Chronik des Enguerrand
de Monstrelet von Äntoine de Verard erwerben
können. Man hat äußerft feiten in Deutfcßland
Gelegenheit, Pergamentexemplare diefer Preffe,
die faft alle wundervoll ausgemalt pnd und für
fürftiidbe Perfönlicbkeiten beftimmt waren, zu
feben und konnte ficb nur aus den prächtigen
Äbbildungen in Claudins Histoire de rimprimerie
en France eine Vorftellung machen, wie diefe
Drucke wirken. 3U diefem ausgezeichneten Ver-
treter franzöpfcher Bucbkunft gefellen pcb dann
noch einige ungewöhnlich feßöne illuftrierte
(Hiegendrucke deutfeber Herkunft. Ein 3ainer-
febes Heiligenleben (Hain 9968), das nieder-
deutfebe Leben der Ältväter (Hain 8603), deffen
Drucker wir nicht kennen, deffen Holzfcbnitte
aber als ebarakteriftifebe Proben der frühen
Straßburger Bucbilluftration anzufeben pnd und
durch den Knoblocbtzerfcben Belial (Copinger III
5808) glücklich ergänzt wurden. Nur die fo be-
merkenswerte Bucbkunft der Italiener kommt in
diefer Sammlung etwas zu kurz; denn außer
einem Äntipbonarium des 13. Jahrhunderts, deffen
Miniaturen vielleicht in Italien entftanden pnd,
ift keines der berühmten italienifcben Bucßdenk-
mäler vorhanden.
Im ganzen müffen wir aber dem Sammler febr
dankbar fein, daß er es in Friedenszeiten ver-
ftanden hat, diefe Schäle pd) und damit unferm
deutfeben Vaterlande zu pcbern; denn wir pnd
durchaus nicht reich an Privatbibliotheken diefer
Ärt, und es wird auf Jahrzehnte hinaus nicht
möglich fein, fie mit unferem entwerteten Gelde
wieder zufammenzubringen. v. R.
Neue Büdjer und 3ß^[d)riften
tUilljelm Fjaufenftein, Vom Gcift des
Barock
Die vorige Generation bemühte pcb um das
Barock als Stilbegriff und formulierte es als
Gegenpol zur Klaffik. Cüölfflins „Grundbegriffe“
gaben die gültige und fruchtbare Dogmatiperung.
Einzelnen war immer Barock als Erlebnis nahe
geworden. Die fonderliche Schönheit jener Älters-
werke Michelangelos wurde erkannt, die nichts
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