Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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fammenfaffende Darftellung der Ge[d)id)te der Bildwirkerei in deutfcßer Sprache ift,
kommt alfo im rechten Augenblick. Auch dem Auslände wird es nicht unwillkommen
fein, und neben den älteren üandbüchern von Müntj, Chambers, Guiffrey, wie neben
den neueren von Gunter und O)omfon nicht überflüffig, fcßon deshalb, weil die von
jenen kaum geftreifte Entwicklung der Bildwirkerei in Deutfd)land t)ier zum erften
Male fgftematifd) behandelt wird. Deutfd)land beji^t nid)t nur die früfyeften Erzeug-
niffe der mittelalterlichen Bildteppid)kunft, namentlich die überaus bedeutenden Fjalber-
ftädter Eeppictje des 12. Jahrhunderts, auch im 15. Jahrhundert hat hier — und zwar
in Oberdeutfchland — die Bildwirkerei eine köftlidje Blüte erlebt; an heraldifcher Kraft
und Schönheit ftehen die beften oberdeutfdjen Rücklaken ebenbürtig neben den welt-
berühmten burgundifchen Eeppidjen der 3eit.
In den einleitenden Abfchnitten der „Bildteppiche“ werden die Grundzüge der
Eed)nik geliefert. Das Verhältnis des Malers beziehungsweife des Kartonzeichners zum
Bildwirker, das für die Stilgefchichte diefer Kunftgattung fo bedeutfam ift, wird in
Kürze erörtert. Ganze große Bildteppichgruppen, es ßud vor allem die vielleicht groß-
artigften Schöpfungen der Bildwirkerei darunter, die burgundifd) - niederländifchen
Eeppicße des 15. Jahrhunderts, laffen fiel) übrigens mit berühmten Malernamen gar
nicht in Beziehung feßen. Sie verdanken ihren Stil eigenft für die lüirkerateliers
tätigen „Kartoniers“, Patronenmalern; ein folcher war der Brüffeler Maitre Philipp,
deffen umfangreiches Oüerk in den Grundlinien vor rund 10 Jahren durch Jules Deftree
feftgelegt worden ift. Diefe Eatfacße hat eine grundfätjliche Bedeutung für den For-
fcher, der — wir hüben es am eigenen Leibe erfahren — lange 3eit vergeblich mit
Verfuchen verbringt, diefe Eeppiche auf große Malernamen zurückzuführen; aber auch
der Sammler kann daraus erfehen, daß er eben nicht bei jedem hochwertigen Eeppich
einen bekannten Maler vorausfeßen darf. Überhaupt gehen die Käufer häufig allzufehr
auf folcße Namen aus, fie verlangen „Raffaelteppiche“, „Rubens-“, „Boucherteppiche“,
dabei find doch die von diefen Malern felbft entworfenen Eeppiche ganz gering an
3at)l und überdies genau feftgelegt. Bei diefem Punkt ift ferner der ümftand zu be-
rückfichtigen, daß Kartons nachträglich häußg in anderen öderkftätten wiederholt wurden;
z. B. Raffaels Apoftelgefd}id)te, Lebruns Alexandergefdpchte; letztere, urfprünglid) für die
Gobelins entworfen, wurde mehrfach nicht nur von den erften Brüffeler Ateliers um 1700
kopiert: felbft die fimpeln (Uirkermeifter von Aubuffon fdtjeuten fiel) nicht, diefe monu-
mentalen Darftellungen in ihrer groben Eextur zu wiederholen; pgnierte Beifpiele der
Art find z. 3- in den Berliner Kulthandlungen von van Damm und von Fjeilbronner.
In der Altkunft G. m. b. Fj- ficht man Parallele dazu einen Brüffeler Eeppid) von
J. Raes, der einzelne Figuren aus Rubens berühmter Decius Musfolge entlehnt hat-,—
Eine einleitende Frage, die in den „Bildteppichen“ ebenfalls nur geftreift werden
konnte, ift die des Verblaffens der Farben. Sie wäre nur auf Grund genauer chemifcher
Analyfen gründlich zu löfen, mittels deren die Einfärbemittel der ödollen und Seiden
feftgeftellt werden müßten. Doch wäre eine Arbeit hierüber, wie über das Färbe-
verfahren der alten tüollen- und Seidenfärber mehr eine Arbeit für den Mann der
praktifchen Chemie. Das verfchiedenartige Verhalten der Farben im Licht würde da-
mit der Erklärung näher kommen. In faft allen Brüffeler Eeppidt)en des 16. Jahr-
hunderts ift z. B. das Rot völlig abgeblaßt zu einem trüben Leßmgrau oder -gelb, nur
die grünen Eöne haben fich gehalten; das Verfließen der dunkelgrünen Farben zu
Dunkelblau, indem die Sonne das ergänzende Gelb herausgezogen hat. die fo-
genannte „Blaukrankheit“ ift allen Kennern der Audenarde- und Äubuffonverdüren

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