Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Ausheilungen

beute nod) nicht überfeben, wer von ibnen ein-
mal im Sinne des Scböpferifcben wertvoller [ein
wird. Burcbartj fdjeint im Augenblick entfchlof-
fener und in fich mebr gefeftigt. Er fucbt das
transzendentale hinter den Dingen, die längft
die letzte Realität ihres Seins verleugnen. Alles
Körperhafte auf feinen Bildern unterliegt be-
wußt der höheren malerifchen und kubiftifch
umgedeuteten Einheitlichkeit im Scböpferifcben.
Er überfteigert die Irrationalität feiner Geficbte,
um lebten Klang des Seelifcben zu wecken.
Gotiker im Gefühl, malt er Bilder urweltlicber
Primitivität, die nichts fein wollen als groß ge-
feßene Form, gefüllt von der Mufik belebter
Farben, traumweit und Schöpfung in eins.
Gleicbmann hat nicht die kubiftifcbe Feftigkeit
feines Freundes. Nervöfer im Strich, verhaltener
in der Leidenfcbaftlicbkeit feines ölollens, ringt
auch er mit ähnlichen Mitteln um das große
Problem der Form. Aber feiner Malerei fehlt
noch die tonalität im großen. Letztere ißt bei
ihm mehr geahnt als feft umfcbrieben. Seine
frifcbe Kraft unterliegt noch zu ftark dem Sen-
timent. Es fehlt der Mut zum Vorftoß an die
äußerfte Peripherie, den Burcbartj hat. Dennoch
ift auch er einer von den wenigen, um die die
Pole eines Neuen kreifen, das einmal da fein
wird, wenn die Gärung der 3eit ihr 3iel be-
rührt hat.
Als Dritter wäre Otto F)oblt zu nennen.
Auch er ein Kämpfer um äußerfte Probleme.
Als Maler einem Klee innerlich febr nabeftebend,
wie das die Aquarelle beweifen, die ungleich
reicher find als die Gemälde, die von einer ge-
wiffen Dumpfheit noch nicht ganz frei find. Auch
diefer Name ift zu merken; denn er verfpricbt
3ukunft. Über Kurt Scbwitters und feine
Merzmalerei braucht hier ausführlicher nicht ge-
fprocben zu werden, nachdem dies Spengemann
im lebten Jahrgang diefer 3eitfcbrift getan. Nur
fo viel fei allen gefagt, die mit einem billigen
Cilih diefe Dinge in Baufcb und Bogen abtun
wollen und Anna Blume, das ungezählte Frauen-
zimmer, zum fröhlichen ünterbaltungsftoff diefer
ach To dunklen Cage erkürten, daß es auch in
der Kunft immer wieder Dinge gibt, die jenfeits
jener Alltagsmoral fteben, auf der ein braves
Kunftpbilifterium feine überlegene tüeisbeit
gründet. Für mich ift Scbwitters ein febr ernftes
Problem und fein Schaffen durchaus nicht lächer-
lich. Selbft klebend, hämmernd und nagelnd
bleibt er immer noch Künftler. Denn er bildet,
wenn andere malen, ohne es je bis zum Bildner
zu bringen, tüäre er aber nicht da, die Geiftig-
keit diefer Seit würde etwas entbehren, fo wie
Peter Scblemibl feinen Schatten. — Ein feines in

fich gekehrtesCalent ift endlich noch Bernhard
Dörries, der in diefem Kreis von Stürmern und
Drängern wie einer jener beften Nazarener wirkt,
die heute wieder unferem Bewußtfein entgegen-
wacbfen. Ein Kinderbildnis von feiner Fjand
erinnert von ungefähr an jene reifen Porträts
des frühen Cboma. Auch den Namen einer
Paula Moderfofm möchte man nennen. Ond
das Seltfamfte: Diefer junge altmeifterlicbe Maler
gehört eng zu der anderen Jugend, die noch
im heißen Ringen um größere 3iele fteht.
Eine kleine Auswahl von Plaftiken und kunft-
gewerblicben Arbeiten (dazu eine feingewäblte
grapbifcße Abteilung, aus der u. a. Plünneckes
„Marfeillaise“ hervorragt) runden das reiche Ge-
famtbild diefer Ausftellung ab, über die im ein-
zelnen noch manches zu fagen wäre. Arcbi-
penkos Marmor „Knabe mit Ka§e“ ift an fich
eine Sehenswürdigkeit. Neben ihr befteben
trotzdem Ludwig Viertbalers reich bewegte
Figuren, die beftes deutfcbes Kunftgewerbe find,
während Hannover in Otto Gotbe den Bild-
hauer hat, der in fich die reicbfte Entwicklungs-
möglichkeit verfcbließt. B.
EineÄusftellung von Ärbeiter-Kunft
in Berlin
Nichts ift vielleicht fo bezeichnend für den
Ciefftand der heutigen „Kultur“ als das Ver-
hältnis von Kunft und Volk. &üas bedeutet denn
eigentlich die Kunft heute noch? Luxusobjekt
gewiffen, eng begrenzten Kreifen, Liebhaberei
des Snob, Marktware wie jeder andere Handels-
artikel — für die große Maffe höchftens noch
ein Kuriofum. Vereinfamt, ifoliert, zerfplittert
führt fie in Mufeen, Sammlungen und gelegent-
lichen Ausheilungen ein von der Außenwelt
mehr oder weniger abgefchloffenes Dafein. Mit
einem Cüort: Die Kunft ift heutzutage nicht mehr
eine Angelegenheit der Allgemeinheit, fondern
Privatfache.
Es ift klar, daß diefer 3uftand auf die Dauer
unhaltbar ift. Die Kunft kann und darf fich
nicht damit begnügen, Leckerbiffen für ver-
wöhnte Gaumen zu fein, fondern fie muß wieder
„tägliches Brot“ für alle werden, wenn fie wahr-
haft leben foll. ünd andrerfeits bedarf unfer
graues, mehr und mehr in Mecbanifierung ver-
ßinkendes Dafein der inneren Durcbftrablung,
Erwärmung, Befeelung, die nur die Kunft ihm
gewähren kann. Der „Arbeitsrat für Kunft“,
eine Schöpfung der Revolution, hat es pcb zur
Aufgabe gemacht, die verlorene Einheit von
Kunft und Volk wieder berzuftellen, und zu
diefem 3weck vor allem die im Volk verborge-
nen künftlerifcben Kräfte freizulegen. Der erfte

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