Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

Page: 179
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicerone1920/0201
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Von München und junger Münchner Plaftik

Von WILHELM HAUSENSTEIN

Mit 17 Abbildungen, davon 2 Abbildungen auf einer Tafel

i\)\ die Rede von der Münchner Kunft, fo wird faft immer bloß die malerifcße


Überlieferung ins Äuge gefaßt. Man denkt an Eduard Scßleicß, an Spifeweg,

an Leibi, an die Scßulen, die von Piloty und (Uilßelm Diez ausgegangen find.
Än eine Ulelt alfo, in der nicßt eben bloß Malerei, fondern vielmehr Malerei in der
fpezififcßen 3ufP'Öun9 des ülortfinnes gemacht wurde: das Malerifcße. Das Malerifcße
mit allen feinen Ättributen — mit dem Paftofen, dem Kolorit, der üonalität, dem
(Heießen auch) und Lockeren, und zum wenigften mit jener Äuflöfung der abfoluten
3eicßnung oder des bildnerifcßen Konturs dureß die feßöne Flüffigkeit des qualifiziert
Farbigen und atmofpßärifcß üonalen, mit der die Kunft der Umriffe reeßt eigentlich)
liquidiert worden ift.
Dabei ift es im Grunde genommen eine Art CUunder, daß Müncßen diefe malerifcße
üradition befi^t. Es wäre feßr intereffant, den Urfacßen einmal naeßzufpüren. Eine
entfeßeidende Vorausfet$ung gewiß ift einßeimifcß: die Ätmofpßäre des Dacßauer Moofes,
in der die patriareßalifeße Figur Scßleicßs umßerwanderte. Eine zweite Vorausfetjung
von verßältnismäßig örtlicßer Eigentümlicßkeit kam ßinzu: die den Freiluftneigungen
der alten Dacßauer allerdings entgegengefe^te Vorliebe eines beftimmten 3^‘talters
gerade der Müncßner Kunft für ausgefproeßene Äteliermalerei, die fieß an Rembrandt,
an den Venezianern, woßl aueß an Velasquez entzündete. Eine dritte Vorausfetjung
weift freiließ über die näßere (Heit ßinaus: in die Gegend der dureßaus malerifcßen
Kultur von Barbizon und Paris — eine Spßäre, der aueß Scßleicß und Spit^weg feßr
unmittelbar verpflichtet waren. Äucß Einflüffe der belgifcßen, namentlich) der Äntwerpe-
ner Malerei blieben nießt gleicßgültig: man braueßt nur einen Blick in die Bildungs-
gefeßießte des treffließen und einflußreich) fcßulbildenden Müncßner Akademikers (Uilßelm
Lindenfcßmit zu tun, um diefe Linie zu finden.
Genug. (Ueniger als auf die üatfaeße des malerifcßen Elements in der Müncßner
Kunft und als auf die Erklärung diefer Catfacße foll es an diefer Stelle ja darauf
ankommen, einmal feftzuftellen, daß das Malerifcße in der Müncßner Kunft eigentlich)
eine Relativität genannt werden kann und daß dem Sein des Künftlers.in Müncßen
Kontur und plaftifcße Form unmittelbarer zu entfpreeßen feßeinen. Die Luft diefer
Stadt ift ßart, die Erfcßeinung darin feßarf umfeßrieben. Die kantige Kubik der klaffi-
ziftifeßen Ärcßitektur ift feßr an ißrem Plafe. Müncßen ift eine Stadt der deutlichen
Umriffe. Der erfte Ludwig, Cornelius, Klenze, Gärtner, Scßwantßaler, Rottmann (er
mit feinen Fresken) feßeinen ißre gegebenen Verwirklich^ gewefen zu fein. Stuck,
als Maler längft unerträglich, ift eine ausgefproeßen plaftifcße Begabung. Es wird
nicht 3ufall ßeißen dürfen, daß in Müncßen Adolf Fjildebrand eine (Bürzel in den
Boden fenkte. Mit Florenz ift es verwandter als mit Venedig. Der Blick auf die
Näße des Gebirgs züchtet Empfindung für plaftifcßen Aufbau, für Monument und
Kontur. Bedingungen der Müncßner Kunft liegen nießt bloß in ßiftorifcß faßbaren
Kategorien wie Klaffizismus, fondern aueß in der Permanenz geograpßifcßer Gegeben-
ßeiten, die den fkulpturalen Sinn begünftigen. Es ift aueß nießt bloß perfönlicßer 3U"
fammenßang, wenn an die Kunft Fjildebrands eine ausgefproeßene Müncßner Scßule
fich) knüpfte. Es ift zugleich eine Sache des Klimas. Man überfießt fonderbar, welcßer
eigentümliche (Bert für die Müncßner Kunft gerade im Stil Fjildebrands und feiner

179
loading ...