Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Sollen fie indifche oder d)inefifche Götter malen? Nein, doch wol)l beffer die uns ver-
trauten Geftalten des d)riftlid)en Glaubens.
Äber die Vertreter einer neuen Kleltanfchauung! Die über das Chriftentum Fjinaus-
gekommenen!
Klas [ollen fie malen? Klo ift die Mythologie diefer neuen Kleltanfchauung?
Eine Kleltanfchauung ol)ne mythologifchen Niederfd)lag ift für die Kunft ein nicht
zur Kielt gekommenes Mögliches. Einfach unvorftellbar.
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Es ift das Fehlende im Proteftantismus, daß er keine Mythologie hat. Daher die
beftändigen Anleihen der proteftantifchen Kunft beim Katholizismus. Ludwig Richter,
in feinem Fjerzen mehr Proteftant als Katholik, ift es von orthodox evangelifcher Seite
einmal verübelt worden, daß in feiner Kunft alles von Engeln wimmelt. Äber er kam
eben ohne die Engel nicht aus.
Die gefamte mittelalterliche Kunft ift mythologifch. Sie ift Mitfdjöpferin am chrift-
lichen Mythus. Sie hat das Dreieinigkeitsmyfterium, die Marienlegende, die Vorftellung
von den Engeln myftifd) ausgebaut und eine Anzahl rein mythologifcher Motive und Fi-
guren gefchaffen, wie z. B. den Gnadenftul)l, Gottvater mit dem Schmerzensmann, Mariä
Fürbitte bei der Dreieinigkeit, die Krönung Mariä, Maria im Rofenhjag, den Engelkranz,
die Engelwolke, den Schwalbenengel, den Putto und die ganze Dämonologie der Fjölle.
Die mythologifchen Motive find in der alten Kunft die herrfd)enden. In fie wurden
die biblifchen Stoffe einbezogen. Biblifchje Darftellungen ohne jede mythifche 3utat
— Engelwolken, KIolkenl)ände, Klolkentore, Logos im Sonnenftrafde, blutauffangende
Engel — find eine Seltenheit. Das biblifche Ereignis verfd)lingt [ich beftändig mit dem
mythologifchen. Es ift nur der auf der Erde fpielende Ceil des chriftlichen Mythus.
Äber diefer Mythus ift — das ift die Befondertjeit des Chriftentums — myftifd). Das
Johannesevangelium, die Apokryphen, die Marienlegende find mythifch-myftifche Bil-
dungen. Die Kirche fud)te einen Crennungsftrid) zu ziehen durch die ftrenge Scheidung
von Dogma und Legende, indem fie die Myftik (Johannesevangelium) kanonifierte und
die Mythik (Apokryphen) in den äußeren Ring des Burgfriedens für Glaubensangelegen-
heiten fd)ob. Im Mittelalter konnte fie diefe Trennung nicht mehr durchführen. Der
Klunderblume der deutfdjen Myftik gegenüber völlig ratlos, verurteilte fie heutß als
Fjärefie, was fie morgen anerkannte. Meifter Eckhart machte fie den Prozeß, während
fie Eauler duldete. Bernhard von Clairvaux wurde heilig gefprod)en; aber Mechthild
von Magdeburg lebte in Verfchmähung und in beftändiger Furcht um ihre Schriften,
„es möchte ein Brand drüber fahren“.
Inmitten der Barockepoche erwuchs der Proteftantismus in Architektur, Kunft, zuleßt
Mufik. In der niederländifd)en Kunft zwei Pole: der kattjolifche Rubens, der evange-
lifche Rembrandt. Rubens in feiner materienfrohen Vollblütigkeit ftark in den Mythus
gehend, Rembrandt, das Mythifche nahezu ganz verlaffend, mit puritanifcher Strenge
einer praktifchen Myftik fiel) zuwendend.
Rembrandt ift der größte Revolutionär auf dem Gebiete der chriftlichen Darftellung.
Er entnimmt dem alten Stoff neue, vorher wenig beachtete Motive: die Lehre und die
Klundertaten Chrifti.
Der Mythus verfdjwindet. Die Fjiftorie erfcheint. Die Myftik knüpft an die FJiftorie
an. Klo mythologifche 3üge nicht auszufchließen find, wie die Engelerfcheinung bei
der Verkündigung an die Flirten oder in der Cobiaslegende, werden fie als richtige

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