Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Bücher fammelwefen

in der Verfacrum-Hntiqua der öniverfitätsbuch-
druckerei Adolf Holzßaufen in Klien, und dazu
nun ein üppigftes karminrotes Rankenornament,
das den Saß umrahmt und von den überreich
verzierten Initialen aus die Seiten überzieht, ja
man muß woßl fagen überwuchert, in einer
folcßen Fülle, daß nur der kleinfte Eeil der Folio-
feiten dem Schwarz des Textes gegönnt und
der größte Eeil dem ftraßlenden Rot des Orna-
mentes zugewiefen ift. Echte Kliener Barock-
kunft, die unzweifelhaft befticht, aber doch auch
Bedenken aufkommen läßt. Fjier ift der Schmuck
zur Fjauptfache und der Eext zur Nebenfache
geworden; auf einigen Foliofeiten ftehen nur
15, 11, ja 7 oder 5 Eextzeilen. Und ich kann
mir vorftellen, daß das flammende Rot, das die
Seiten beßerrfcßt, die Ruhe gefährdet, mit der
man fid) der Lektüre hingeben möchte. Äber
ein Meifterftück der Technik ift diefer Drude;
nur daß das Begleitwort des Überfeinere Rieger
als lofes Blatt beigefügt ift, will mir nicht be-
hagen. Das Buch, von dem 380 Exemplare aus-
gegeben wurden, koftet 300 M.; daneben find
noch 5 Exemplare auf Originaljapan gedruckt
und mit 30 zweifarbigen Holzfcßnitten gefchmückt
worden (1150 M.), fie waren aber natürlich vor
Erfcheinen vergriffen und find mir nicht bekannt
geworden.
Das „3uvielu, das ich an diefem fchönen Buche
als ftörend empfinde, kommt von dem gefähr-
lichen Klunfcße her, immer originell fein zu
wollen: es wird zu viel experimentiert. Äls ein
folches bedenkliches Experiment betrachte ich
auch die auf Stein gefchriebenen Bücher. Carl
Friedrich Kliegands Kriegsgedichte wurden
im Ärt. Inftitut Orell Füßli in 3üricß auf
Stein gefeßrieben und unter dem Eitel „Eoten-
tanz 1914—1918“ zufammen mit 11 Kunft-
beilagen von Hans Klißig durch Steindruck
vervielfältigt (in 3 verfeßiedenen Einbänden von
40—200 M.). Die Gedichte und die Bilder find
in Form und Inhalt wahrhaft monumental, und
diefer Monumentalität wird zweifellos auch die
klare, kraftvolle Schrift gerecht, fo daß das Ex-
periment geglückt ift. Verfehlt fcheint es mir
aber, wenn der Verlag Äxel Juncker in Char-
lottenburg als 4. Luxusdruck feiner Orplidbücher
Gottfried Kellers „Eanzlegendcßen“ von
Hannes M. Ävenarius, und zwar Schrift und
Bilder, in Quartformat in großer, fchwerer,
übrigens feßwer lesbarer Fraktur auf Stein feßrei-
ben ließ (in Halbleder 80 M., in Ganzleder 150 M.),
weil diefe Druckform dem geiftigen Kiefen der
Dichtung, diefem ßingeßaueßten Gebilde von
3artßeit und Anmut, nicht entfprießt. Möglich,
daß ein anderer anders urteilt. Icß hätte es

lieber gefeßen, wenn uns das „Eanzlegendcßen1“
als Gabe zu Kellers 100. Geburtstage neu fo
dargebracßt worden wäre wie fein „Landvogt
von Greifenfee“, den derVerlag vonF. Bruck-
mann in München von Poefcßel & Erepte in
der Enger-Fraktur drucken ließ und mit zehn
äußerft feinen Sticßradierungen von Hlfred Coß-
mann fcßmückte und uns fo ein feßönes Buch
feßenkte, das, fern von allem Experimentieren,
lediglich durch das Saßbild in unverziertem
weißen Rahmen wirkt, vornehm-fcblicßt auch
in dem weißen Pappband mit Eitel auf Vorder-
deckel und Rücken in Goldprägung.
Georg Minde-Pouet.
Die Büdjerftube
Fjorft Stobbe Verlag, München. Jg. 1. Fj. 1. 1920.
Hn 3eitfcbriften, aus denen Bücherfreunde
Unterhaltung und Belehrung feßöpfen können,
ift gerade kein Mangel. G. Fjildebrandt weiß
in feiner gefeßiekt ausgewäßlten 3ufammen-
ftellung literarifcßer 3eitfcbriften der Gegenwart,
die diefes erfte Heft der Bücßerftube enthält,
allein feeßs Veröffentlichungen aufzuzäßlen, die
fich ausfcßließlicß oder doch vorwiegend diefer
Hufgabe widmen, oßne daß feine Lifte auch
nur annähernd vollftändig wäre. BogengsViertel-
jaßrsfcßrift für angewandte Bücßerkunde und vor
allem die feßöne „3eitfchrift des Vereins für
Bucßwefen und Schrifttum“ fehlen. Man wird
daßer gut tun, zu prüfen, ob uns auf diefen
Blättern auch wirklich von Dingen erzählt wird,
über die wir mit etwas anderen Klorten nicht
auch in älteren 3eitfcßriften lefen können.
Icß muß nun allerdings zugeben, daß diefes
erfte Heft einen ungewöhnlich guten Eindruck
maeßt und mit feinen Ergänzungen einen gün-
ftigen und förderlichen Einfluß auf die modernen
Begebungen der Bucßkunft erhoffen läßt. Der
Herausgeber Ernft Scßulte-Stratßaus hat fich feit
vielen Jahren der Pflege des fcßönen Buches mit
Erfolg gewidmet. Er war, um nur das Klicß-
tigfte zu nennen, an der Herausgabe der Mo-
numentalausgaben und der Hundertdrucke des
Verlages Hans von Kleber in erfter Linie be-
teiligt und ßat fieß auch durch feine überaus
forgfältige, leider unvollendete Bibliographie der
Originalausgaben deutfcßerDicßtungen einen aus-
gezeichneten Ruf als Bibliograph und Literatur-
kenner erworben. Klenn er in feiner Einführung
mit harten Klorten „Pfeudobibliopßilie undHfter-
bueßkunft“ geißelt, maeßt er uns allerdings nur
auf Erfcßeinungen aufmerkfam, die jedem ernften
Bücherfreund feit langem ein Greuel find. Hucß
im Cicerone ift ja immer wieder die Notwendig-
keit betont worden, fcßärffte Huswaßl unter den
fo ungleichen Erzeugniffen des Büchermarktes zu

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