Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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5ans G erfon

Von KARL SCHWARZ / Mit 16 Abbildungen,
davon zwei Abbildungen auf einer Tafel

Berlin hat fiel) in den lebten Jahrzehnten zur 3<zntra\z der impreffioniftifchen Kun[t
in Deutfcßland entwickelt. Der Impreffionismus, der hier entftand und von einigen
[einer Fjauptvertreter und deren Gefolgfcßaft noch heute gepflegt wird, ift zum
tonangebenden Faktor der deutfcßen Malerei geworden und empfängt auch jeßt noch,
da die expreffioniftifchen Ideen immer mehr um [ich greifen, neuen 3uwachs und
frifche Nahrung.
Die künftlerifche Cradition Norddeutfchlands unterfcheidet [ich durchaus von der füd-
deutfcßen mit München als Mittelpunkt. Schon die vormärzlichen Hage richteten das
Augenmerk vornehmlich auf das Landfchaftliche, während der Süden mehr zur figuralen
Darftellung tendierte und auch heute noch, nachdem die 3eiten der Kaulbacß und Piloty,
der Schwind, Deffregger und Lenbach überwunden find, in Fjabermann und Stuck,
wie in (Heisgerber und Cafpar ein vorwiegendes Intereffe für einen zwar neuen, aber
doch aus einer ununterbrochenen Reihe heimifch gewordenen Figuralftil aufweift. Land-
fchafter wie Kobell, Rottmann, Lier und Hßde gab es wenige, während Leibi und fein
Kreis die eigentliche Münchener Kunftatmofphäre darftellt. In Berlin hingegen wird
das impreffioniftifche Landfcßaftsgefüßl, das [ich in Kafpar David Friedrich, Blechen
und Menzel vorbereitete, durch feine Fjauptfüßrer Liebermann, Corinth und Slevogt
geübt und findet auch in den Jüngeren wie Pechftein, Fjeckel, Fjeckendorf und Kirchner
feine Fortfeßung.
Es handelt [ich hier nicht um das ausfcßließlicß Landfchaftliche oder Figurale, viel-
mehr um das (Hefen der impreffioniftifchen Malkultur, des in ihr begründeten rezep-
tiven Charakters. Der ßnnlid)e Reiz der Objekte wird aufgefangen und in lebensvollen
Farben zum Ausdruck zu bringen gefucßt. Mag auch das Figurale in diefer (Heife
wiedergegeben werden, fo fpiegelt [ich doch das (Hefen des Impreffionismus am
lauterften in der Darftellung der Landfchaft und wird auch hierin feine Gültigkeit be-
wahren. Das Konftruktive der expreffioniftifchen Kunft jedoch, die das Bild außerhalb
des Vergleiches mit der (Hirklichkeit [teilt, die aufgehört hat imitativ zu fein, fucßt den
Nährboden hauptfäcßlid) im Figuralen und verzichtet von vornherein auf alle materielle
Anfchaulichkeit, fchürft vielmehr aus der geiftigen Erkenntnis, die fie fpekulativ aus-
und umwertet.
Die Kunft Fjans Gerfons bietet ein gutes Beifpiel einer in unferen Hagen häufigen
Erfcheinung. Er ift der Eypus der jüngeren, in der impreffioniftifchen Cradition er-
zogenen Generation, die fid) an den Franzofen begeifterte, [ich Meifter wie Monet und
Degas zum Vorbild nahm, deren malerifd)e Intereffen jedoch weiterführen und über
das von ihnen zum Ausdruck Gebrachte hinaus mehr das Moderne will.
Gerfon kam gerade in den Jahren nach München, da dort die auf Rezept abgeftellte
impreffioniftifche Methode in den Ausheilungen der „Scholle“ ihre Criumphe feierte.
Das Doktrinäre des Akademieftudiums ftieß ihn ab. Aber auch in Paris, wo er die
Academie Julian befuchte, trieb ihn die bei dem ewig gleichen braungelben Akten
geübte Pedanterie bald fort und ließ den mit einer befonderen Senfibilität allen Er-
feßeinungen gegenübertretenden Jüngling das 3iel feiner Seßnfucßt in dem abwechs-
lungsreichen Spiele des täglichen Lebens fueßen. Er malte und zeichnete viel auf den
Boulevards, an den Quais und in den Nachtlokalen, ftudierte das Fluktuierende und
Prickelnde, das Gewoge und Geknäule der Großftadt, das fiel) gerade in dem näcßt-

Der Cicerone, XII. Ial)rg., Fjeft 6

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