Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

Page: 228
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cicerone1920/0250
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
die Curmfpitje wie eine Hellebarde ergebend, da die Elemente um fie tofen, die dunklen
öüolken fie einzußüllen drohen und ein Kampf entbrennt zwifcßen dem von ißr aus-
ftraßlenden Licßte und der vom Himmel ßerabdrückenden Finfternis. So erzählen die
Mauern und altersfcßwacßen Häufer ißre Gefcßicßte von langen Jahren, die engen
Gaffen, in die das Ließt nur verftoßlen ßufcßt, von alten Gagen und die wie ein müder
Greis fict) daßinlagernde Holzbrücke von der Müßfal feines gar zu langen Lebens.
Das Naturpßänomen verbindet fid) immer mit dem menfcßlicßen Erleben, es wird
zum metapßyfifcßen Äusdrucksfaktor. Der in dem Nebelmeer untertauchende Sonnen-
ball wirft feine lebten Strahlen, die fid) in den Fluten des Stromes taufendfältig
widerfpiegeln, noch einmal empor und formt fid) zu dem Bilde einer einfcßlagenden
Granate. Die Hügel ringsum, auf denen einige Pferde weiden, werden zu einem wild
zerklüfteten Gricßterfelde und der eckige, feßon morfeße Holzzaun zum Stad)eldraßt.
Nur feiten erfeßeinen figürliche Darftellungen, denen der Künftler faft immer einen
lyrifcßen Gewalt verleiht. In dem Hafenbild feßen wir zwei Mädchen, die ihre Blicke
fehnfuchtsvoll in die Ferne feßweifen laffen; dorthin, wo die umgrenzten Konturen des
von fchweren Brüftungsmauern eingefaßten Fluffes im ftrahlenden Lichte des Cages
verfchwimmen. 3ur Mutterklage um ihre Söhne und ihr Land wird die Darftellung
eines Kleibes; das Bild, in dem jedoch der als akkordierende Melodie zu dem Haupt-
thema der figürlichen Darftellung gedachte landfcßaftlicße Hintergrund fiel) zum Gleich-
klang mit diefem erhebt, zeigt wohl am deutlichsten die in dem Ulefen feiner Kunft
begründete Vorliebe Hans Gerfons für die Landfchaft.
In ihr gelingen ihm bisweilen Ulerke von nicht unbedeutender Kraft und formaler
Konzentration, wenn auch, befonders in der Farbengebung, noch keine reftlofe Löfung
gefunden fcheint. Man hat oft das Gefühl, als ob das Problem mehr gedacht als
gemalt ift, man erkennt noch zu fehr den geiftigen Ulerdeprozeß und das Ringen
nach künftlerifcher Geftaltung. Es ift der typifche Kampf der heutigen Generation, die
vom Impreffionismus kommend von den expreffioniftifeßen Strömungen unferer Gage
beeinflußt wird. Es muß aber zum Ruhme des Künftlers gefagt werden, daß er trot}-
dem Änfprucß darauf erheben kann, ein ftarker Kolorift zu fein, daß er nicht etwa in
matten Farben zu verfinken droht, vielmehr in der reichen Skala feiner Palette noch
nicht zu einer klangvollen Äbftimmung durchgedrungen ift. GGIie fiel) in der Cl)emen-
wal)l und in der Äusdrucksformulierung bereits erkennen läßt, befindet fiel) Gerfon
ftets in einem feelifd) aufgepeitfeßten 3uftande; er gibt nie Ruße, ftets erregte Be-
wegtheit. Der Kontur feiner Darftellungen ßat nichts Gefcßloffenes, fondern abficßtlicß
3erriffenes und 3erklüftetes. Dies zeigt fid) auch deutlich in feinen Segnungen, von
denen eine große Reiße umfangreicher Kohlezeichnungen, aber aucß eine Änzaßl von
Litßograpßien und Radierungen vorliegt. Vielleicht gelingt es ißm — vor allem in
den großen Kohlezeichnungen -— noch am beften, den Rhythmus feiner Darftellungs-
kraft zum Äusdrucke zu bringen. Äber immer meßr wäcßft er in die Aufgabe der
Malerei hinein und löft die fieß ißm bietenden Probleme. Man wird daßer mit Spannung
der weiteren Entwicklung des jungen Künftlers entgegenfeßen.

228
loading ...