Der Cicerone: Halbmonatsschrift für die Interessen des Kunstforschers & Sammlers — 12.1920

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Neue Bücher und 3ßit[cl5riften

form in Körper- und Raumbildung wieder zu
ihrem natürlichen Recht verhelfen. Dennoch
fcheint auch diefer aus anders gearteten Kunft-
anfchauungen geborene Gegenfalz im Städtebau
jetzt zugunften einer rein fachlichen Huffaffung
wieder mehr zurückzutreten, zugunften der indi-
viduellen Geftaltung jeder Äufgabe des Städte-
baus rein aus dem Geift ihres realen und ide-
alen Bedingungskomplexes heraus.
Diefe Äuffaffung verficht das neue, alle Er-
fahrungen zufammenfaffende Olerk des F>an-
noverfchen Stadtbaurats und Senators Paul
tüolf, „Der Städtebau. Das Formproblem
derStadt in Vergangenheit und 3ukunft.“
(Leipzig, Klinkhardt & Biermann, 1920. 224 S.
mit 194 Abb.) Paul Ololf hat fich feinen bau-
meifterlichen Namen als Leiter des Stadterweite-
rungsamtes Berlin-Schöneberg gemacht. Haupt-
aufgabe war hier, den bereits in fchematifcher
Art feftgelegten Bebauungsplan für das ca. 2,5 km
lange, über 1 km breite Südgelände diefer fchnell
anwachfenden Großberliner Gemeinde in mo-
derner, künftlerifcher Geftalt umzuarbeiten, ttlie
Paul ttlolf nun hier die Straßen führte und fie
in ihrer Breite unterfchied, wie er zum Plaß-
raum den körperhaften Baublock kontrahierte
und letzteren in feiner Höhe zweckentfprechend
ftaffelte, wie er innerhalb • der Häuferblöcke
Gartenhöfe anlegte, die ganze Siedelung über-
haupt mit reichlichen Grünflächen bei aller fpar-
famen Ausnutzung des zur Verfügung ftehenden
Bodens durchzog, — das ftellt Paul COolf für
jeden Sachverftändigen fofort in die Reihe der
erften Städtebauer Deutfdüands. Eine fchnell
fich ausdehnende Großftadt wie Hannover berief
deshalb noch während des Krieges den Künftler
als Leiter ihres Hochbauamtes, vor allem um die
mannigfaltigen Aufgaben der induftriellen Klein-
wohnungsfiedelung vorausblickend löfen zu
können, die ihrer nach Friedensfdjluß harrten.
Olas der Senator Paul COolf in dem vorliegenden
Buch gibt, ift fein Regierungsprogramm als
Städtebaukünftler, aufgebaut auf hiftorifcher
Erfahrung und tief in das Cüefen aller maß-
gebenden Bedingungen eindringender Spekula-
tion. Er fucht die Grundform der neuen Stadt
zu finden, die — im Gegenfaß zu den fo ein-
fachen Gebilden des Mittelalters und der Re-
naiffance — keine homogeneEinheit mehr ift, fon-
dern der höchft komplizierte, bauliche Ausdruck
mannigfaltigfter Sadßzwecke: fo unterfcheidet
man heute je eine Gefchäftsftadt, eine Cüotmftadt
und eine Induftrieftadt im felben ftadtbaulichen
Organismus, den breite Grünflächen zu Spiel
und Erholung überall auflockern und den mäch-
tige Nekropolen rings umgeben. Om diefe aus-

einander ftrebenden Sachzwecke künftlerifch zu
bändigen, bedient fich Paul COolf einer ftrengen,
kubifdßen Architekturform, von der auch viele
Abbildungen des vorliegenden Buches, nach
bereits ausgeführten Bauten wie auch Entwürfe
und Ideenfkizzen, ihre höchft eindrucksvolle
Sprache reden. Fritz Hoeber.
Theodor Fifcher, Sechs Vorträge über
Stadtbaukunft. München u. Berlin 1920, Druck
und Verlag von R. Oldenbourg, Preis M. 6.—.
In treffenden Cüorten fkizziert F. die Stel-
lung des Architekten in dem verzweigten Ge-
biete des praktifchen Städtebaues. Onter all
den Spezialfachleuten, die auf diefem Gebiete
mitzureden haben, gebührt dem Architekten die
Hauptrolle im Spiel, die Regie, weil feine Tätig-
keit Abßcht und Endziel des ganzen Vorganges
ift. Er muß daher von all den Gaben und
Möglichkeiten, die in den anderen Mitwirkenden
ftecken, eine klare Vorftellung haben und ver-
gehen fie auszunutzen, zum Vorteil des Ganzen.
Onterordnung des einzelnen unter ein Ganzes
ift die unerläßliche Grundbedingung, deren Not-
wendigkeit in der Stadtbaukunft leider in den
lebten Jahrzehnten völlig vergeffen worden ift.
Nur die Berührung mit dem feften Boden der
Gegebenheiten kann uns heute die Kraft ver-
leihen, den Kampf mit Erfolg durchzuführen.
Diefe Gegebenheiten erblickt F. einmal in dem
COohnbedürfnis, zum andern in dem Verkehr
und zum dritten in der Anpaffung an die Natur.
In geiftreichen, überaus feinfinnigen COorten
fchildert F. die im Städtebau immer wieder-
kehrenden Formerfcheinungen und er erblickt
letzten Endes in allen Formen im Städtebau
Ergebnis und Spiegel des Lebens: „Saxa lo-
guuntur; die Architektur ift der unerbittlich klare
Spiegel der Menfchheit.“ Paul COolf.
Vom Aufbau einer neuen Stadt. Von
Stadtbauinfpektor Dr. Ing. Hahn in Rüftringen.
Drude von Konrad Hanf, Hamburg.
Die Schwefterftadt von Cüilhelmshaven, das
oldenburgifche Rüftringen am Jadebufen, das mit
dem preußifchen Cüilhelmshaven zufammen eine
ftädtebauliche Einheit bildet, hatte fich vor dem
Kriege in rafchem Aufblühen zu einem neuen
kraftvollen Gemeinwefen entwickelt. Onter der
zielbewußten Leitung eines weitfchauendenOber-
bürgermeifters und dem tatkräftigen Cüirken
fchöpferifch befähigter Stadtbaumeifter ging diefe
junge Stadtverwaltung daran, ihren Organismus
nach großen Gefichtspunkten zu geftalten. Durch
wohldurchdachte Bebauungs- und Siedelungs-
pläne, unterftützt durch eine nicht bureaukratifd)
arbeitende Baupolizei und Bauberatung, durch

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